Von Martin Leidenfrost

Schweigen auf dem Bilderberg

Martin Leidenfrost spürte einer geheimnisumwobenen Kunstsammlung im Oberengadin nach

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Martin Leidenfrost, österreichischer Autor, lebt im slowakischen Grenzort Devínska Nová Ves und reist von dort aus durch Europa.

Ich wollte mich ohnehin nach Weltkunst, Weltdichtung und Weltherrschaft im Oberengadin umsehen, da fuhr eine verspätete Nachricht wie der Blitz in mich ein: Im Sommer 2014 sollen erstmals Kunstwerke aus einer »Bilderberg Collection« gezeigt worden sein, im Engadiner Dorf Samedan. Niemand hätte je davon gehört, dass Teilnehmer der abgeschirmten Bilderberg-Konferenz eine Kunstsammlung gestiftet hätten. Dieser global-liberale Debattierklub, der gemäß »Chatham House Rule« nichts über seine Jahrestreffen verrät, sammelt Kunst? Und hat sie weltweit erstmals in Samedan gezeigt?

Zwar hatte Bilderberg 2011 nebenan in St. Moritz getagt, doch gab es der Rätsel mehr. Kurator war ein wenig bekannter deutscher Künstler, der in seinen Gemälden einen augenförmigen Planeten und penisförmige Quallen durchs Weltall sausen lässt. Jener Christoph Steinmeyer hatte verfügt: »Nicht nur die Sammler, sondern auch die Künstler bleiben mit Absicht ungenannt.« Katalog gab es keinen, Samedans Gemeindeschreiber hatte »keine Kenntnis«.

Also hinauf ins besungene Hochtal, zu Nietzsche, in Hesses »vorgeträumtes Paradies«, zu Prousts »Musik aus Zauber und Freiheit«. Ich startete zur Winterhochsaison in St. Moritz, »Effortless Living on Top of the World«. Der Finanzier der Ausstellung auf 1800 Metern, ein »Mailänder Sillionär mit dünnen Blondinen und fiepsendem Hündchen«, ward lange nicht gesehen und sein »Art Masters« auf ein unbesetztes Berliner Telefon geschrumpft. Ich nahm, was ich mir leisten konnte - den Nachmittagstee in Hitchcocks geliebtem Grandhotel »Badrutt’s Palace«. Ja, ich sah auf dem Balkon dicke Lippen und Pelze. Eine Alleinspeisende stellte zwei Handtaschen von Chanel auf ihren Tisch, eine im Design einer Milchpackung, und fotografierte sie mit dem neuesten iPhone. Nach einem Tag des Beobachtens wagte ich zu sagen, dass Russen einen unverdient schlechten, Italiener hingegen einen unverdient guten Ruf genießen.

Wer, wenn nicht der Samedaner Kulturbeigeordnete konnte mir alles erklären? Andrea Parolini bat mich in die Lounge des Privatjet-Flughafens Samedan, am Morgen hatte er 33 Handling-Order abgewickelt. Ich fragte ihn nach ausgefallenen Catering-Ordern der Reichen. Er sagte, er wisse es nicht, und »die Stärke des Engadins ist seine Diskretion.« Zur Bilderberg-Ausstellung hatte man ihn nicht mal eingeladen.

Ich machte eine Straßenumfrage. Niemand hatte von der ersten Bilderberg-Ausstellung der Erdgeschichte auch nur gehört. Man schickte mich zu einem Galeristen. Marcel Koller hatte eine quadratische Narbe in der Stirn und lachte dröhnend. Er hatte die Ausstellung mit seiner Frau gesehen, »wir waren die einzigen«. Er erinnerte sich an »eine strombetriebene Maschine, die sich dauernd bewegt, immer dasselbe«. Er war aber nicht sicher, ob er diesen Sisyphus nicht doch anderswo gesehen hatte.

Monate später das: Der Leiter der Chesa Planta, in der die Ausstellung gezeigt worden war, war zum Komponieren eines Violinkonzerts in Wien. Dort traf ich den frisch verrenteten US-Schweizer. Robert Grossmann kannte Samedan schon 1984, da »wurde man von Tibetern in ihrer Tracht auf Rätoromanisch bedient«. Der Sammler verfolgte die »Elitebewegung im Kunstbereich«. Er hatte der »Bilderberg Collection von Anfang an misstraut«. Sie habe zwar augenscheinlich anerkannte deutsche Nachkriegskunst enthalten, aber wohl auch Werke des Kurators selbst, und sei »wegen der Geheimniskrämerei fast gescheitert.« Grossmann vermutete: »Das war eine Performance von Steinmeyer.« - »Was hat er davon?« - »Er wird sein Leben lang wissen, dass es ihm gelungen ist, die Kunstwelt hinters Licht zu führen. Und wird sich totlachen drüber.«

Ich telefonierte mit Christoph Steinmeyer. Er sagte: »Keineswegs habe ich mich totgelacht.« Er verwendete elastische Formulierungen: »eine Wesensgleichheit niemals postuliert«, »in der Postpostmoderne rekurriert immer alles mit allem«, »es wurde keine Union postuliert«. Ich erwähnte einen niederländischen Zeitungsbericht, in dem Bilderberg - seinerseits anonym - die Existenz einer Bilderberg-Sammlung bestritt. Steinmeyer beharrte: »Ihre Existenz dürfte spätestens mit der Präsentation in der Chesa Planta bewiesen worden sein.« Aber: »Die Bilderberg Collection nimmt die Chatham House Rule ernst und hält sich daran.« Da stand also Wort gegen Wort, Schweigen gegen Schweigen. Eine engadinische Geschichte - diskret.

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