Von Carsten Lappe und Kristina Puck, Köln

Der Heilsbringer ist müde

Auch NHL-Profi Leon Draisaitl kann das WM-Aus beim 1:2 gegen Eishockey-Olympiasieger Kanada nicht verhindern

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103 NHL-Spiele haben Leon Draisaitl ermüdet. Zur WM nach Köln wollte er dennoch unbedingt.

Enttäuscht, müde und abgekämpft stapfte Leon Draisaitl an den Kollegen vorbei in die Kabine. Nach dem Aus gegen Titelverteidiger Kanada im WM-Viertelfinale am Donnerstagabend standen Deutschlands Eishockey-Nationalspieler bis in die Nacht hinein geduldig Rede und Antwort. Deutschlands Weltklassespieler aber ging wortlos und mit gesenktem Kopf an allen vorbei. Beim 1:2 gegen Kanadas Starensemble war auch Draisaitl machtlos.

»Er hat heute wieder alles gegeben. Man hat aber auch wieder gemerkt, dass der Tank etwas leer war«, sagte Bundestrainer Marco Sturm später über den in dieser Saison zum Star aufgestiegenen 21-Jährigen. »Wie letztes Jahr war es wieder eine sehr, sehr lange Saison für Leon. Er wollte trotzdem unbedingt kommen. Die Jungs und ich werden das nicht vergessen.«

Gegen Kanada war der längst in der nordamerikanischen Profiliga NHL spielende Draisaitl meistens nur dann zu sehen, wenn mal wieder ein Missverständnis im Zusammenspiel mit seinen Kollegen aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) offensichtlich wurde. Für das Nationalteam ist Draisaitl eigentlich zu gut. In Edmonton spielt er unter seinesgleichen, im DEB-Team an der Seite der Nürnberger Patrick Reimer und Yasin Ehliz. Beide sind Topleute in der DEL, bei der WM stießen sie aber deutlich an ihre Grenzen.

Sturm hatte sich genau überlegen müssen, mit welchen Spielertypen er Draisaitl kombiniert. »Es kann ja nicht jeder mit Leon mithalten«, hatte der Bundestrainer selbst gesagt. So mancher im Team war dann mit Draisaitls Können überfordert. Und im Alleingang konnte auch der NHL-Star die deutsche Mannschaft nicht zum Sieg schießen.

103 Spiele hatte er in dieser Saison bereits in den Knochen. Dennoch flog Draisaitl nach dem Playoff-Aus seiner Oilers sofort zur WM. Am vergangenen Samstag kam er, vom Jetlag geplagt, in Frankfurt am Main an und stand keine zehn Stunden später beim 4:1 gegen Italien sogleich auf dem Eis.

Mehr als sonst wollte er bei der Heim-WM für Deutschland spielen. Köln ist zudem seine Heimatstadt. »Er braucht ab und zu die Musik der Höhner oder den Karneval. Er ist mit Herz und Seele Kölner, ein kölscher Jung«, erzählte sein Vater, der frühere Nationalstürmer Peter Draisaitl, im Interview dem »Express«. Sein Sohn selbst hatte erklärt: »Ich bin hier aufgewachsen. Ich habe hier angefangen, Eishockey zu spielen, und habe viel gelernt. Natürlich ist das etwas Besonderes für mich, hier zu spielen.«

Danach redete Draisaitl nicht mehr viel. Selbst bei einer Pressekonferenz, die der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) vor dem Viertelfinale organisiert hatte, wirkten seine Aussagen gelangweilt und lustlos. Draisaitl hat in dieser Saison einen Quantensprung hinter sich. Zur neuen Spielzeit winkt daher ein mehrjähriger Vertrag bei den Oilers, der ihm pro Jahr rund sechs Millionen Dollar einbringen soll. Aus dem Supertalent ist ein Star geworden. Sowohl in der NHL als auch beim DEB genießt er einen Sonderstatus. Das merkt man ihm an.

»Wir sind glücklich, dass wir mit Leon einen Superstar in unseren Reihen haben, der in der Kabine aber keiner ist«, sagte DEB-Präsident Franz Reindl nach dem WM-Aus. So locker er im Kreise der Nationalmannschaftskollegen sein mag, so verkrampft wirkt er noch in der Öffentlichkeit. Seit seinen ersten Auftritten im DEB-Trikot als 18-Jähriger im Jahr 2014 betont der ehrgeizige Draisaitl, der Dirk Nowitzki des deutschen Eishockeys werden zu wollen. Davon ist der Hochtalentierte aber noch ein gutes Stück entfernt. dpa/nd

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