Von Hans-Dieter Schütt

Außer Rand, nicht Band

»Die Räuber« aus München, in Berlin nur als Video

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Eine Szene aus der neuen Inszenierung von «Die Räuber» am Residenztheater in München

Der Aufruhr als monströse Militärschau, und die Schau ist mitreißender Schauder: Wie kann, wo die Verhältnisse zerbrochen werden, der einzelne Mensch noch ungebrochen leben? Aber wenn er nicht ungebrochen existieren darf, wie soll das Zerschlagen der Ordnung noch seinen Sinn behalten? Ulrich Rasche inszenierte am Residenztheater München Schiller: »Die Räuber«. Ein Akt der massenchoreografischen, hammermusikalischen Überwältigung. Dieser marodierende Trupp marschiert durch - auch Berlin ist kein Halt, der technische Aufwand zu groß; die Aufführung findet am Sonntag im Haus der Berliner Festspiele nur per Leinwand statt. Rasches Bühnenbild: zwei martialische Laufräder. Sie sind der Bewegungsort für angegurtete Freiheitsmarionetten.

Von Einar Schleefs archaischem Bühnenrausch bis zu den Rhythmus-Exerzitien des Peter Atanassow im Berliner Gefängnistheater »aufBruch« - der Chor in allen Spielarten von Theater ist wieder zu einer formtriumphalen Ausdrucksform geworden: das Begehren des Einzelnen, in der Welt zu bestehen, als Gemeinschaftsschrei, als Atemsturm - darin das Individuum Kraft erfährt und am Ende doch nur sein Ersticken singt. Rasche fügt dem seit Jahren enormes Eigenes hinzu. »Die Räuber« sind ein irrwitziges Energiezittern (Musik: Ari Benjamin Meyers). Abtrünnige als Bewegungssklaven eines schmatzenden, keuchenden Stillstandes: Sturm und Drang sind nur noch ein beängstigendes Lärmzentrum.

Ausgiebig wird aus jenem Pamphlet »Der kommende Aufstand« zitiert, mit dem uns ein »Unsichtbares Komitee« vor zehn Jahren aus dem Internet anschrie. Ein anarchisches Programm, aber bevor heutzutage so ein Aufstand kommt, ist er immer schon auf den Hund gekommen, der Phrasen bellt, aber nicht beißt. Du siehst diese Motoriker auf der Bühne gegen die Laufbandrichtung stampfen, immer zwischen einem Oben des Aufbruchs und einem Unten des Absturzes, und du setzt den Schrei, das Wummern, den Gewaltmarsch in Beziehung zum Kleinscheiß des gegenwärtig Politischen, etwa hierzulande: diese Diskursdumpfheit, dieses proletisch bemühte Elitebashing, dieser traditionsverschwitzte Abneigungswettkampf zwischen Mittelinks und Mitterechts, und dazwischen - als suche auch der Zeitgeist mal Abwechslung auf dem Spielplatz der Freiheiten - noch ein paar feministische, ökologische, sprachpolizeiliche Radikal-Furörchen.

Diese Räuber wollen die Welt verändern und lernen den Kern ihrer Natur kennen, dies Schicksal aller: Leben ist Laufen und Leiden zum Tode hin. Das Aufglühende in uns - es lehrt uns das Erkalten; jeder Traum trägt den Virus Verrat. Rasche und seine elementar gestressten Kampfmaschinen bieten ein starkes Theater der Verzweiflung - die darin besteht, kein bisschen Heimweh nach einer neuerlichen revolutionären Verheißung zu haben, aber doch zu wissen, dass Gesundung vom Wahn des Geschichtemachens die Welt auch nicht rettet. In jeder kollektiven Begeisterung lauert eine Gefahr: dass man sich am Ende schämt, daran teilgehabt zu haben.

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