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Der beste schlechte Job

Eine Tagung in Jena hat ausgelotet, was unterbezahlte Wissenschaftler an den Hochschulen hält

Es ist bezeichnend, dass sich unter den vielen bunten Wörtern und Stichpunkten, die auf einer großen Tafel stehen, nur wenige finden, die direkt etwas mit Geld zu tun haben. Wie zum Beispiel der Hinweis darauf, dass in der Wissenschaft unzählige unbezahlte Überstunden geleistet werden. Das, was die Teilnehmer dieser Konferenz, stattdessen als negativ an den Arbeitsverhältnissen in der Wissenschaft empfinden und auf die Tafel schreiben, sind Dinge wie: »Flexibilität als Dauerbelastung« oder »Anerkennungsdefizite«. Oder: »Um meine Karrierechancen zu erhöhen, muss mich mit langweiligen Inhalten befassen und dazu publizieren«. Aber auch: »Zu wenige Frauen(netzwerke)«.

Die Menschen, die das zum Auftakt einer von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützten wissenschaftlichen Tagung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, an die große Tafel schreiben, wissen wovon sie reden. Viele von ihnen arbeiten immerhin selbst unter ziemlich miesen Bedingungen an Hochschulen; was die Tagung (vollständiger Titel: »Akademisches Prekarität: Entwicklungen, Hintergründe, Gegenmaßnahmen«) schon deshalb besonders macht, denn hier beschäftigen sich Wissenschaftler mit ihrem eigenen Sein - und so auch damit, unter welchen Bedingungen Wissenschaft heute Ergebnisse produziert.

Alles in allem zeigen diese auf der Tafel gesammelten Gedanken, dass in der Wissenschaft anders als in anderen Teilen der Arbeitswelt, in denen auch eine Vielzahl von prekär Beschäftigten arbeitet, das Geld nicht das Hauptproblem ist. Während zum Beispiel prekär beschäftigte Verkäuferinnen oder Reinigungskräfte häufig kaum von dem leben können, was sie mit ihren oft befristeten Teilzeitjobs verdienen, können junge Beschäftigte an deutschen Hochschulen zwar oft ebenfalls keine allzu großen Sprünge machen, wenn sie zum Beispiel eine halbe Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter haben. Doch gerade im Osten verdienen die Jungakademiker damit nicht viel weniger Geld als viele Handwerker oder einfache Angestellte mit Vollzeitstellen - weil im Osten im öffentlichen Dienst, relativ gesehen, ziemlich gut bezahlt wird.

Konkret: Nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Agentur für Arbeit lag das monatliche Durchschnittsbruttogehalt im Handel in Thüringen 2015 bei 1960 Euro, im Dienstleistungssektor bei 1770 Euro - für eine Vollzeitstelle. Bei einer halben E13-Stelle an einer Thüringer Hochschule, auf die wissenschaftliche Mitarbeiter häufig gesetzt werden - beginnt das Bruttogehalt aber selbst in der niedrigsten Erfahrungsstufe schon bei etwa 1800 Euro. Dazu passt, was einer der Organisatoren der Tagung, der Jenaer Soziologe Hans Rackwitz, während der Tagung sagt: »Nicht jede prekäre Beschäftigungssituation wird auch als solche empfunden.« Wenngleich unbestritten ist, dass an den Hochschulen zwar in der Regel für eine halbe Stelle bezahlt wird, die Männer und Frauen, die auf den Stellen sitzen, aber 100 oder sogar 150 Prozent Arbeitszeit leisten. Stichwort: unbezahlte Überstunden.

Warum so viele wissenschaftliche Mitarbeiter und vor allem Lehrbeauftragte das über sich ergehen lassen, haben sie auf einer anderen Tafel festgehalten. Dort stehen die von ihnen positiv empfundenen Seiten ihrer Jobs: »Ich kann lange schlafen«, »interessante Dienstreisen«, »viele Gestaltungsmöglichkeiten«, »körperlich schadet der Job nicht«. Und: »Ich fühle mich einer Bildungselite zugehörig und habe deshalb ein positives Selbstbild.« Ein Konferenzteilnehmer fasst das in vier Worten ziemlich treffend zusammen, indem er auf der Tafel festhält: »Der beste schlechte ›Job‹«.

So, wie Rackwitz es nach zwei Konferenztagen einschätzt, machen gerade diese positiven Aspekte der Hochschul-Jobs es so schwer, die Arbeitsbedingungen der dort Tätigen zu verbessern. Weil es eben genügend Menschen gibt, die für einen Job an einer Fachhochschule oder Universität, halbe Stellen, ständige Befristungen und die vage Aussicht auf eine Professur in Kauf nehmen - und nach den Gesetzen des Marktes deshalb kaum eine Notwendigkeit besteht, an der Struktur der wissenschaftlichen Arbeit etwas zu ändern. Wie unethisch das auch sein mag. Wenn nur der Einzelne, sagte Rackwitz, gegen seine prekäre Beschäftigung aufbegehre, dann werde dieser Aufstand »verpuffen«. »Das wird untergehen in dem Konkurrenzdruck, der an den Hochschulen herrscht«, sagt er. Denn das bedinge die prekäre Beschäftigungslage ja auch: große Konkurrenz unter den Beschäftigten untereinander, die zur Selbstausbeutung führe.

Nur auf der einen Seite politisch und auf der anderen Seite durch gemeinsame, fachübergreifende Initiativen der Betroffenen zum Beispiel mit Gewerkschaften lasse sich deshalb an der prekären Beschäftigungslage an den Hochschulen etwas ändern, glaubt Rackwitz. Immerhin, sagt er, gebe es dazu in der jüngsten Vergangenheit einige vielversprechende Ansätze.

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