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Massengebet im Biosphärenreservat

Wittenberg erwartet 100 000 Gäste - ein Problem auch für die Elbwiesen, wie 2000 mobile Toiletten ahnen lassen

  • Von Christina Özlem Geisler, Wittenberg
  • Lesedauer: 3 Min.

40 Hektar misst die Fläche am Elbufer, auf der seit dem 18. April die Kulisse für das Wittenberger Festwochenende am 27. und 28. Mai wächst. 400 000 Quadratmeter sind das - oder 56 Fußballfelder. Erst kamen die Lastwagen mit dem Schotter aus ökologischem Naturstein für 2000 Quadratmeter, dann die 3000 Quadratmeter Bodenplatten. Der Schotter bilde die Montagefläche für die Gabelstapler, die Platten seien für die großen Lasten, damit »die Wiese somit geschützt ist«, sagt der Projektleiter der Messebau-Firma Jörg Wagner.

Die Firma aus Leipzig schafft seit Wochen den Rahmen für die Großveranstaltung zum Abschluss des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages 2017, zu der mehr als 100 000 Besucher erwartet werden. Das Programm beginnt am Samstagabend mit einer Nacht der Lichter und wird am Sonntagnachmittag nach dem Festgottesdienst mit einem Konzert abgeschlossen. Dazwischen kann, wer möchte, unter freiem Himmel auf der Festwiese übernachten.

Allein die runde Bühne hat einen Durchmesser von 30 Metern und wird von hinten von einer Tribünenanlage umfasst, auf der während des Abschlussgottesdienstes am 28. Mai 6500 Blechbläser sitzen. »Die Bühne ist transparent«, sagt Wagner: »So haben die Gäste je nach Position eine einmalige Sicht auf die Silhouette von Wittenberg.«

Wiesen als Kirchentagsareal kennt der Geschäftsführer des Vereins Reformationsjubiläums 2017, Hartwig Bodmann, bereits aus Bremen, Dresden und Köln. In den vergangenen 24 Jahren hat er zwölf Kirchentage organisiert. »Nirgendwo war die Herausforderung in Sachen Naturschutz so groß wie in Wittenberg«, sagt Bodmann. Die Wiese liegt in einem Biosphärenreservat, ist aber weder Natur- noch Vogelschutzgebiet. Normalerweise wird sie bewirtschaftet. Für eine Großveranstaltung wie den Kirchentag gibt es etliche Vorschriften und Auflagen, um möglichen Schäden vorzubeugen.

Wo die Brenndolde, eine geschützte Pflanze, wächst, bleibt das Areal gesperrt. Auch wird in den nächsten fünf Jahren kontrolliert, wie sich die Wiese erholt. Bodmann sieht das als selbstverständliche Verantwortung eines Christen, der sich Gedanken über die Bewahrung der Schöpfung macht: »Alles ist grün. So soll es während des Festes bleiben. Und in diesen ursprünglichen Zustand soll es danach bald wieder kommen.«

Früher lagerten hier schon Napoleons Truppen, später die Wehrmacht und die Rote Armee. Für die Jubiläumsfeier sei die Wiese ein besonderer Ort, dessen Charme in der Kombination aus Blick, Weite und dem Grün liege, sagt Bodmann.

Beschallt wird das Gelände mit 400 Lautsprechern. Dazu gibt es Licht, Mobilfunkantennen, Fernsehkameras und 16 HD-Leinwände. In einem Glockenturm aus Metall hängen vier frisch gegossene Glocken der Wittenberger Partnerstadt Göttingen mit einem Gesamtgewicht von 7,5 Tonnen.

Am Ende des Areals reihen sich 2000 blaue Toiletten-Häuschen auf. Selbst wenn mehr als 120 000 Besucher kommen und die 320 000 bestellten Flaschen Wasser austrinken, bestehe also kein Grund zur Panik, sagt Wagner. Neben rollstuhlgerechten Behindertentoiletten gibt es auch Pflege-Container mit Aufzug und Rampe für Schwerstbehinderte.

Während der Veranstaltung gilt auf dem Gelände ein absolutes Fahrverbot, deshalb haben die Organisatoren ein eigenes System zur Müllentsorgung entwickelt. Zwölf Container pressen den Müll, den die mehr als 1500 Helfer des Kirchentags zu Fuß einsammeln. Für PET-Flaschen und Trinkbecher gibt es ein Pfandsystem. Sie seien extra schön gestaltet worden, damit mancher Besucher sie als Souvenir mitnehme, berichtet Projektleiter Wagner.

Hinter der Bühne stehen am Festwochenende die Übertragungswagen der Fernsehanstalten neben der Wetterzentrale des Meteorologen und den Einsatzfahrzeugen des Sicherheitskommandos aus Bund, Ländern und Kommune. Wenn nach anderthalb Tagen alles vorbei ist, machen sich die Eventbauer ans Aufräumen. Spätestens Mitte Juli soll die Wiese wieder so sein, als sei nie etwas gewesen. epd/nd

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