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Das Leben als inwendiges Abenteuer

ND im Club: Buchpremiere »Markus Wolf - Letzte Gespräche« von Hans-Dieter Schütt

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.
Buchpremiere am Mittwochabend im ND: »Letzte Gespräche« - der Band, den Hans-Dieter Schütt auf Grund von Interviews mit Markus Wolf schrieb, ist in einer Koproduktion zwischen dem Verlag »Das Neue Berlin« und »Neues Deutschland« erschienen.
Man hätte Markus Wolf reden hören können, resümierte eine Leserin die Veranstaltung. Konnte man - wenn man sich seine Stimme vergegenwärtigte, wie sie ja auch auf der vom ND produzierten CD »Geheimnisse der russischen Küche« zu hören ist. Aber während Hans-Dieter Schütt las, war neben ihm auf dem Podium ein leerer Raum. Die vielen Gäste, die ins Gebäude am Franz-Mehring-Platz gekommen waren, konnten ihre Fragen nicht an den richten, dem sie eigentlich galten. Markus Wolf ist in der Nacht zum 9. November 2006 gestorben; für den 15. November war ein weiteres Gespräch für das Buch verabredet. Doch man empfindet es keinesfalls als Fragment. Denn was kann es überhaupt für einen Abschluss geben, wenn das Universum eines Lebens zu beleuchten ist? Der Interviewband geht über die üblichen Erkundigungen von Journalisten weit hinaus, die den einstigen Spionagechef der DDR befragten. Dass Markus Wolf ihm nur enthüllen würde, was er auch will, hat Hans-Dieter Schütt vorausgesetzt. Was ihn interessierte, war »das Leben als eine Art inwendiges Abenteuer«. Chefredakteur Jürgen Reents verwies in seinen Begrüßungsworten auf das feine, kluge Lächeln, das man auf den Fotos von Markus Wolf im Buch sieht. Ein Mensch, der bei aller Bewegtheit seiner Biografie in sich ruhte. Einer, der sich immer auch souverän über das erheben konnte, was ihn im Augenblick umtrieb - wer hätte dieses Talent nicht gern? »Ich hatte nie das Empfinden, von Leere bedroht zu werden. Ich fürchtete nie, ohne Beschäftigung zu sein. Ich traute stets der Fügung, dass die Dinge in Bewegung blieben.« An anderer Stelle des Textes ist sogar von »Grundvertrauen« die Rede. Und das bei einem Spion, dem Misstrauen doch in Fleisch und Blut übergegangen sein müsste? Aus diesem Widerspruch zwischen den Gepflogenheiten seiner Profession und der offenen Art, mit sich und anderen umzugehen, erwuchs ein Charme, dessen Natürlichkeit verblüffte. »Welches war der größte Fehler Ihres Lebens«, fragte Hans-Dieter Schütt und verlas eine Antwort, die keiner erwartete. Oder: Durften Sie Ihre Generalsuniform mit nach Hause nehmen, als Sie das Ministerium für immer verließen? Wie haben Sie in der Sowjetunion den Kriegsausbruch 1941 erlebt? Hatten Sie früh das Gefühl, privilegiert zu sein? Wie war Ihr Verhältnis zu ihrem Bruder Konrad? Haben Sie mit ihrem Vater je tiefgründig, zweifelnd über Stalinismus und Schauprozesse gesprochen? Wie war das, als Sie in der BRD in Untersuchungshaft kamen? Wie würden Sie Ihr derzeitiges Lebensgefühl beschreiben? - Wie einer erlebt und verarbeitet, was ihm widerfährt, das ist ja das eigentlich Packende, weil man sich selbst dazu in Beziehung setzen kann. Was für tolle Geschichten dabei zum Vorschein kamen. Immer mal wieder gab es Heiterkeit im Saal. Zum Beispiel, als »Markus Wolf erzählte«, wie er unabsichtlich Putin beleidigte und wie dieser darauf reagierte. Oder bei der Geschichte vom großen Schnitzel auf des Vaters Teller, das eine unerwartete Besucherin erschreckte, die Friedrich Wolf gerade als Vegetarier rühmen wollte. Und: Könnte man sich selber im Gefängnis wie ein »Schmetterlingsforscher« fühlen? Aber das Buch ist natürlich keine Anekdotensammlung. Er habe bei seinem Gesprächspartner die Freude gespürt, das eigene Leben »in einen denkerischen, fantasievollen Zusammenhang zu bringen mit den großen Dingen«, erklärte Hans-Dieter Schütt. Das Dazwischen habe ihn interessiert: Wie man das eigene Leben in den großen Kreislauf der Dinge stellt, die in wachsendem Alter immer unbegreiflicher werden. Und natürlich auch die Bilanz, die »Unterwegs-Bilanz«, wie er sagte. Denn der 83-Jährige hat sich ja bis zuletzt auf einem Wege gefühlt. Beneidenswert. Wie viele der anwesenden Leser, die Markus Wolf nur von Ferne kannten, mögen sich gewünscht haben, mit ihm mal bei Kaffee und Kuchen zusammenzusitzen und all das loszuwerden, was ihnen auf der Seele lag. Was für ein Privileg Journalisten doch haben, ging mir an diesem Abend mal wieder durch den Kopf. Und was man deshalb von ihnen verlangen muss: Kein Dahingeschreibsel im Mainstream der Meinungen, sondern Selbsterkundung bis zum Grund, wenn es um das Bild eines anderen Menschen geht. ND-Geschäftsführer Olaf Koppe, der die Veranstaltung moderierte, verwies auf eine weitere Veröffentlichung von Markus Wolf im Verlag »Das Neue Berlin«: Die Wiederauflage des Buches »Geheimnisse der russischen Küche«, die an diesem Abend ebenso am ND-Bücherstand zu erwerben war. Aber erst einmal sei dies heute eine Verkaufsveranstaltung für »Letzte Gespräche«, parierte Hans-Dieter Schütt eher zum Spaß. Bis durch die Saaltür reichte die Schlange derjenigen, die ein Autogramm von ihm wollten. Und neben ihm unsichtbar ein hochgewachsener Mann - lächelnd für alle, die ihn sehen konnten.

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