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Komponieren unter Lebensgefahr

Das Potsdam Trio widmet sich dem Komponisten Edwin Geist, der von der Gestapo erschossen wurde

Ein Name musste her, als die drei Musiker zum ersten Mal gemeinsam auftraten. Da das in Potsdam geschah, einigte man sich kurzerhand auf den Namen »Potsdam Trio«. Dabei stammt nur die Pianistin Constanze Beckmann aus der brandenburgischen Landeshauptstadt; ihre Kollegen sind der litauische Geiger Atis Bankas und der französische Cellist Damien Ventula. Im Zuge seiner diesjährigen Europatournee gastiert das Ensemble unter anderem an diesem Freitag in Berlin.

Potsdam - das ist für die drei Musiker aber auch Programm. »Wir spielen am liebsten in historischen Sälen, wie sie in den Potsdamer Schlössern zahlreich zu finden sind«, sagt Constanze Beckmann. »So bieten wir den Hörern jenen intimen Rahmen und authentischen Raumklang, für den auch Mozart oder Beethoven komponierten.«

Die Pianistin, Jahrgang 1988, wuchs in einer Villa am Potsdamer Neuen Garten auf, nicht weit entfernt vom Schloss Cecilienhof. Nur ein paar Häuser weiter lebte bis Anfang 1945 der Pianist Wilhelm Kempff. »Ich habe den Beethoven-Meisterkurs besucht, den Kempff in den Fünfzigern im italienischen Positano gründete«, erzählt Constanze Beckmann. »Dort nahm ich Unterricht bei dem Kempff-Schüler John O’Conor.«

Constanze Beckmann studierte zunächst an der Berliner Musikhochschule. Mit 20 Jahren setzte sie ihre Ausbildung in Toronto fort, unter anderem bei der Klavierlegende Leon Fleisher. In Toronto traf sie auch den litauischen Geigenprofessor Atis Bankas, mit dem sie ein Duo gründete. Bankas studierte am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium bei zwei Schülern von David Oistrach; den pathetischen russischen Geigenton kultiviert er bis heute. Vor zwei Jahren komplettierte schließlich der französische Wahlberliner Damien Ventula das Potsdam Trio.

Das Ensemble nach Potsdam zu benennen, war ein Einfall von Atis Bankas, der 1982 aus Litauen nach Kanada emigrierte. »Als ich in der Sowjetunion aufwuchs, kannte ich Potsdam nur als Sitz der Alliierten-Konferenz«, erzählt der Geiger. »Es hat mich immer fasziniert, wie dort Politiker verschiedener Länder ihre Vision eines friedlichen Europas entwarfen. Diesen Geist von Verständigung und Toleranz wollen wir in unseren Konzerten reflektieren.«

Die Programme des Trios geben aber auch einen Einblick in das Potsdam des 18. Jahrhunderts. So hat das Ensemble die sechs Trios von Carl Philipp Emanuel Bach im Repertoire, dem langjährigen Kammercembalisten Friedrichs II.

Eine Rarität, die das Trio auch in seinen anstehenden Berliner Konzerten spielt, stammt von Edwin Geist. Das Schicksal dieses Berliners aus jüdischem Elternhaus, der vor den Nazis nach Litauen floh, ist ebenso ergreifend wie seine Musik.

Atis Bankas, der Edwin Geist aus seiner litauischen Heimatstadt Kaunas kannte, schlug den Mitmusikern dessen Kompositionen vor. »Als ich ein kleiner Junge war, gab es in der Nachbarschaft ein Haus mit einer Tafel, auf der geschrieben stand: ›Hier wohnte der Komponist Edwin Geist‹«, erinnert sich der Geiger. »Später forschte ich nach seiner Lebensgeschichte: Geist wurde 1902 in Berlin geboren. Da er als sogenannter Halbjude galt, ging er 1938 ins Exil nach Kaunas, das damals Hauptstadt war.« Bankas kommt zum traurigen Ende dieser Biografie: Als Litauen von den Deutschen besetzt wurde, musste Edwin Geist ins Ghetto von Kaunas ziehen. Ende 1942 wurde er von der Gestapo erschossen.

Dass seine Kompositionen erhalten sind, verdankt sich dem Wagemut eines Geigers, der in die versiegelte Wohnung einbrach und die Manuskripte versteckte. Mitte der Sechziger gab es im sowjetischen Litauen eine kleines Edwin-Geist-Revival. Der damalige Leiter der Philharmoniker von Vilnius brachte dessen Musik auch in die DDR. Und so befinden sich heute einige Manuskripte Geists in der Berliner Staatsbibliothek.

Nur eine Hand voll Tonaufnahmen aus Geists Oeuvre, das Lieder, Klavier- und Kammermusik, Chorwerke und eine Oper umfasst, sind bislang erschienen. Das Potsdam Trio hat das expressionistisch beeinflusste Klaviertrio einstudiert, das Edwin Geist drei Monate vor seiner Ermordung schrieb. »Es hat mich sehr beschäftigt, wie man in einer solchen Extremsituation komponieren kann, wo jeder Tag der letzte sein könnte«, sagt der Geiger Atis Bankas. Das Stück mit dem Titel »Kosmischer Frühling« beschreibt Bankas als »dunkel und verstörend, aber nicht hoffnungslos«.

Konzerte: am Freitag, dem 26. Mai, 19.30 Uhr, in der Mendelssohn-Remise, Jägerstraße 51, Mitte; am Donnerstag, dem 15. Juni, 20 Uhr, im Palais Lichtenau Potsdam; und am Sonntag, dem 18. Juni, 19 Uhr, im Elias-Kuppelsaal, Göhrener Str. 11, Prenzlauer Berg.

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