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Wenn Stachelschweine Liebe machen

Zum 100. Geburtstag von John F. Kennedy bleiben viele Fragen zu dessen gewaltsamen Ende offen

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 5 Min.

An diesem Montag jährt sich der Geburtstag von John F. Kennedy, Amerikas 1963 »unsterblich ermordetem« 35. Präsidenten, zum hundertsten Mal. Für den Kölner Taschen-Verlag war das Jubiläum Anlass, einen Zweieinhalb-Kilo-Bildband mit 300 überwiegend schwarz-weißen Fotos aus Kennedys Wahljahr 1960 neu herauszugeben und dazu, noch heute überaus lesenswert, den legendären Essay »Superman kommt in den Supermarkt« zu stellen.

Die Reportage stammt von Norman Mailer (1923 - 2007), einem der bedeutendsten US-amerikanischen Schriftsteller. Nur drei Wochen vorm Wahltag erschienen, war der aufsehenerregende Beitrag eine journalistisch brillante, für einen Reporter ungewohnt parteiergreifende Geschichte in der Hoffnung auf Kennedys Sieg. Mailer (»Die Nackten und die Toten«), ein ebenso origineller wie kämpferischer und napoleonisch selbstherrlicher Autor, war sogar der Meinung, sein Essay und nicht etwa Kennedys telegener Auftritt in der ersten in den USA live im Fernsehen übertragenen Präsidentschaftsdebatte habe ihm den knappen Sieg über Richard Nixon gesichert. Ein Wahlsieg, den Mailer später als »Haarriss im amerikanischen Totalitarismus der 50er-Jahre« beurteilte.

Rund um den Jahrestag erschienen viele Titel, die über ein halbes Jahrhundert nach dem Mord gläubig immer noch allein auf den Bösewicht Lee Harvey Oswald fixiert sind, aber auch intelligente Unterhaltung wie der Thriller »Operation JFK« von dem britisch-deutschen Autorenduo Riley & Brandt. Doch der interessanteste Beitrag zum Geburtstag kommt, in aktualisierter Neuauflage und mit herausfordernder These, von Mathias Bröckers, lange Journalist der »taz«. »JFK - Staatsstreich in Amerika« vereint Fakten, Indizien und Theorien zum Jahrhundertmord und geht dabei in erster Linie der Frage nach, warum Kennedy sterben musste.

Mit Rückgriff auf neu einsehbare Dokumente legt er nahe, dass die Morde an JFK, Bruder Robert F. Kennedy und Bürgerrechtler Martin Luther King (beide 1968) nicht auf das Konto verwirrter Einzeltäter gegangen sein können. Vielmehr hätten sie von Menschen und Mächten verübt worden sein müssen, die diese Taten von langer Hand vorbereiten, ausführen und seitdem vor allem sicherstellen konnten, dass ihre zweifelsfreie Aufklärung auch 50 Jahre später aussteht. Bröckers schlussfolgert, die Kraft hierzu hatten im Grunde nur der Staat und seine geheim agierenden Dunkelkammern. Mit dieser These befindet sich der Autor nahe bei David Talbot, der in seinem Bestseller »Das Schachbrett des Teufels«, ebenfalls im Westend-Verlag, den Aufstieg der CIA unter ihrem bis heute längst-amtierenden Chef Allen W. Dulles (1953 - 1961) zur »heimlichen Regierung der USA« beschrieb und im Kern zur gleichen These wie Bröckers gelangte. Auch Talbot geht mit schwerwiegenden Indizien von Kennedys Ermordung durch die CIA unter der Regie Dulles’ aus.

Wem das nach Staatsstreich klingt, hat richtig gehört. Genau diese Theorie vertritt neben David Talbot auch Mathias Bröckers. Er entwickelt eine Gedankenkette, die zwar gleichfalls ohne »smoking gun« auskommt, der man Plausibilität aber nicht absprechen kann, auch wenn er sich damit aufs weite und ungesicherte Feld der Verschwörungstheorien begibt. Dazu erinnert Bröckers an eine pikante Kleinigkeit. 1967, wenige Jahre nachdem JFK vermeintlich vom Einzeltäter Lee Harvey Oswald erschossen und diese - von immer mehr Menschen bezweifelte - Version auch von der Untersuchungskommission unter Earl Warren übernommen worden war, gab die CIA an ihre Dienststellen und inoffiziellen Mitarbeiter in den Medien die Sprachregelung heraus: Kennedy ist von Oswald getötet worden. Punkt. Wer anderes behauptet, ist Verschwörungstheoretiker und nicht ernst zu nehmen. Punktum. Die CIA-Anweisung machte damit erstmalig aus dem neutralen Ausdruck Verschwörungstheorie einen Begriff der psychologischen Kriegsführung.

Bröckers Staatsstreich-These kommt nicht aus dem Tollhaus daher. Er schildert Beispiele, die nach seiner Überzeugung Kennedys Wandel vom Falken zur Taube belegen. Sie betreffen JFK’s vergleichsweise zurückhaltenden Umgang mit den Folgen der noch vor seinem Amtsantritt im Januar 1961 beschlossenen Schweinebucht-Invasion im April. Der junge Präsident lehnte damals ab, wozu ihn die Geheimdienstelite unter Dulles im Gefolge des Schweinebucht-Fiaskos nötigen wollte - eine Invasion Kubas in großem Stil. Auch Kennedys gegenüber Chruschtschow auf Ausgleich und Atomkriegsvermeidung bedachte Lösung der brandheißen sowjetisch-kubanischen Raketenkrise 1962 sowie das Kernteststopp-Abkommen mit Moskau 1963 hätten Washingtons Hardliner in Rage gebracht.

Ähnliches muss für die diskreten Kanäle gelten, mit deren Hilfe JFK und sein engster Vertrauter, Bruder Robert, Bröckers zufolge bestrebt gewesen seien, »zu einer Annäherung und friedlichen Koexistenz mit Kuba zu kommen«. Der Autor nennt den Anwalt James B. Donovan. Der hatte als Emissär Robert Kennedys »gegen eine Zahlung von 60 Millionen Dollar« zunächst die Freilassung der inhaftierten 1200 Schweinbucht-Kämpfer ausgehandelt. Später habe ihm Fidel Castro erklärt, dass seine Vorstellung »einer idealen Regierung nicht sowjetisch orientiert« sei und nach Wegen zur Wiederaufnahme der Beziehungen mit den USA gefragt. Donovans Rückfrage: »Wissen Sie, wie Stachelschweine Liebe machen?« Castro verneinte. Daraufhin Donovan: »Die Antwort ist: sehr vorsichtig …«

Dem US-Geheimdienst seien diese Annäherungen nicht verborgen geblieben; sie hätten vielmehr Besorgnis und Unmut der Hardliner beflügelt. Doch vor allem Kennedys Überlegungen zum Abzug der US-Militärberater aus Vietnam und insbesondere seine friedenspolitische Rede im Juni 1963 an der American University in Washington hätten Kennedy für die Falken zum Hochverräter gemacht. Mathias Bröckers behandelt diese Rede ausführlich und erkennt in ihr die Absicht des Präsidenten, »den Kalten Krieg ein für alle Mal zu beenden«. Für die Falken in der Administration, den militärisch-industriellen Komplex und die CIA-Führung müsse die Rede nach manch »Sargnagel« zuvor Kennedys »Todesurteil« gewesen sein.

Diese Punkte verdienen Beachtung. Ob sie allerdings eine so positive, streckenweise fast hymnische Wertung von JFK’s neuem Gesamtkurs (»Der als kalter Krieger ins Amt gekommene John F. Kennedy hatte innerhalb von 900 Tagen einen Wandel zum Friedenspolitiker vollzogen«) rechtfertigen, bezweifelt der Rezensent selbst im Lichte mancher neu zugänglichen Quellen.

Eine andere, aktuelle Frage drängt sich ebenfalls auf, auch wenn sie im Buch nicht Gegenstand ist: Wenn Amerikas heimliche Regierung auf John und Robert Kennedys Friedens-»Ansteckung« mit deren Beseitigung reagierte, wie steht sie auf Dauer zu einem Präsidenten, dessen Umgang mit den Geheimdiensten schon vor Amtsantritt gestört war und der mit seinem Verhalten täglich Belastungen für Ruf und Macht der USA bei ihren Verbündeten riskiert?

Mathias Bröckers: JFK - Staatsstreich in Amerika. Aktualisierte Neuauflage, Westend Verlag, 304 S., br., 18 €.

Nina Wiener (Hg.): Norman Mailer. John F. Kennedy - Superman kommt in den Supermarkt. Aus dem Amerikanischen von Alfred Starkmann. Neuausgabe, Taschen Verlag, 370 S., geb., 29,99 €.

Tess Riley & Christian Brandt: Operation JFK. Rowohlt, 442 S., br., 9,99 €.

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