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Alptraum zum Kaffee

Die neue Staffel der TV-Serie »Twin Peaks«

Zu Beginn der neuen »Twin Peaks«-Staffel sehen wir Agent Cooper (Kyle MacLachlan) im wohlbekannten Raum seiner Alpträume. Jener »Red Room«, in dem Cooper einst von einem rückwärts sprechenden, tanzenden Zwerg heimgesucht wurde, ist nun grau. Laura Palmer ist auch da. Später wird ausgiebig in den zwischen den Welten liegenden »Red Room« zurückgekehrt, dann taucht dort auch der berüchtigte Einarmige auf. Außerdem sehen wir einen Angestellten, der einen ausgeleuchteten Glaskasten anstarrt, wir sehen unscharfe, verhuschte Gestalten wie auf der Flucht, wir sehen schrecklich verunstaltete Leichen und biedere Bürger unter furchtbarem Verdacht. Außerdem hat sich Agent Cooper scheinbar verdoppelt - eine durch und durch böse Version des eigentlich charmanten FBI-Agenten hinterlässt eine mörderische Blutspur. Können Sie folgen?

David Lynch hat 1991 mit der TV-Serie »Twin Peaks« Fernsehgeschichte geschrieben. Die aktuell die Feuilletons entzückende neue Form des »horizontalen« Erzählens ist ohne Lynch nicht denkbar. Ohne »Twin Peaks« kein »True Detective«. Die große Frage war: Scheitert David Lynch damit, an die Atmosphäre seines so gruseligen wie kitschigen, seines so abgründigen wie albernen Original-Kosmos anzuknüpfen? Schafft er nur einen müden »Twin Peaks«-Abklatsch, lässt er sich für fünf Zuschauer mehr gar zähmen? Ist die Zeit über ihn und das verwunschene Kaff hinweggegangen, weil jetzt alle Sender coole Serien mit schrulligen Charakteren produzieren? Man kann alle diese Fragen mit einem lauten »Nein« beantworten. Was Lynch in den ersten Staffel-Folgen zeigt, ist abstrakt, verrätselt, brutal, witzig, unheimlich - kurz: Es ist fantastisch!

Lynch verweigert sich auch in der neuen Serie erzählerischen Konventionen, als sei er noch ein wilder Filmstudent, er sammelt und collagiert Alptraum-Sequenzen aus den schwärzesten Winkeln der Seele. Gleichzeitig gibt er vielen seiner zahllosen auftretenden Charaktere Witz und Charme - und dauernd gibt es Kaffee. Neben Auftritten von Naomi Watts, Tim Roth, Jennifer Jason Leigh oder Monica Bellucci ist eine große Neuerung die Erweiterung der Schauplätze: Neben Twin Peaks sind dies etwa auch New York oder Las Vegas. Man kann sich bei David Lynch nie sicher sein, aber auch in der neuen Staffel scheint eine Lehre des Originals zu gelten: »Die Eulen sind nicht, was sie scheinen.«

Verfügbar bei Sky Atlantic

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