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Rosa Krimi

Der Giro d’Italia 2017 war eine der spannendsten Rundfahrten in mehr als 100 Jahren

  • Von Tom Mustroph, Mailand
  • Lesedauer: 4 Min.

»Ich brauche das beste Zeitfahren meines Lebens«, sagte Nairo Quintana vor dem Start der letzten Etappe des 100. Giro d’Italia. Der Kolumbianer blieb jedoch unter seinen eigenen hoch gesteckten Erwartungen. Tom Dumoulin, der niederländische Kapitän des deutschen Teams Sunweb, hatte bereits bei der ersten Zwischenzeit mehr als die Hälfte seines Rückstands im Gesamtklassement wettgemacht. Zur zweiten Zeitnahme war er ganz vorn. Er drückte dem Zeitfahren seinen Stempel auf und holte seinen ersten Sieg bei einer Grand Tour.

Als sich die verbliebenen 162 Fahrer des Giro d’Italia im Autodrom von Monza auf das abschließende Einzelzeitfahren vorbereitet hatten, waren die ersten Sechs durch winzige 1:30 Minuten getrennt und hatten alle noch die Hoffnung auf einen Podiumsplatz. Vier von ihnen hatten sogar realistische Chancen auf den Gesamtsieg. Am Ende lagen die ersten Sechs nur 3:11 Minuten auseinander. Dumoulin siegte mit 31 Sekunden vor Quintana. In der Geschichte großer Rundfahrten gab es noch nie eine derartige Leistungsdichte.

Gewiss, es gab die legendäre Tour de France zwischen Laurent Fignon und Greg Lemond. Mit nur acht Sekunden Vorsprung gewann 1989 der US-Amerikaner. Er hatte am letzten Tag mit einem Einzelzeitfahren einen Rückstand von 50 Sekunden wettgemacht. Seit damals gibt es kein Einzelzeitfahren mehr am letzten Tag der Tour. Schade eigentlich. Hinter den beiden Helden klaffte damals aber eine große Lücke. Der Dritte, Pedro Delgado, war schon 3:34 Minuten zurück, der vierte über sieben Minuten, der Sechste mehr als zehn. Leistungsdichte sieht anders aus.

Die engste Grand Tour bisher fand in Spanien statt. 1984 gewann der Franzose Eric Caritoux die Vuelta überraschend vor dem Lokalmatadoren Alberto Fernandez Blanco mit sechs Sekunden Vorsprung. Dritter wurde der damalige Deutsche Meister Raimund Dietzen, nur 1:33 Minuten zurück. Zehn Sekunden dahinter Pedro Delgado. Das war dann doch ein richtig enges Klassement. Es wurde allerdings schon am vorletzten Tag entschieden, mit einem Einzelzeitfahren als Halbetappe; am Morgen ging es noch über 90 Kilometer durch die Berge. Wie anstrengend damals Radsport war, lässt sich auch daran ablesen, dass die Veranstalter über die gesamten drei Wochen keinen einzigen Ruhetag (!) eingeplant hatten.

Der engste Giro fand 1948 statt. Der Italiener Fiorenzo Magni gewann vor Landsmann Ezio Cecchi. Sieben Jahre später legte Magni eine weitere Punktlandung hin, mit 13 Sekunden vor dem legendären Fausto Coppi. Die ersten Sechs waren in beiden Jahren aber durch mehr als acht Minuten getrennt.

Knapp ließ es auch der »Kannibale« Eddy Merckx zugehen. 1974 hatte er hauchdünne zwölf Sekunden Vorsprung auf den Italiener Gianbattista Baronchelli, 21 Sekunden dahinter der Drittplatzierte Felice Gimondi. Der Giro 1974 ging auch als der mit dem geringsten Abstand der ersten Sechs in die Geschichte ein. Lediglich 4:22 Minuten war der Italiener Giovanni Battaglin, 1981 immerhin Double-Sieger von Giro und Vuelta, von Merckx entfernt.

In Sachen Leistungsdichte folgt umgehend der Giro 2008. Der Sechste, Emanuele Sella, hatte 4:31 Minuten Rückstand auf den Sieger Alberto Contador. Das enge Klassement damals deutet daraufhin, dass die Hochspannung nicht als definitiver Beleg für eine größere Sauberkeit des aktuellen Pelotons gewertet werden kann. Beide Sachverhalte sind zumindest nicht kausal miteinander verknüpft. Denn von den besten Sechs 2008 wurden fünf in späteren Jahren wegen Dopings disqualifiziert. Der einzige, dem dies nicht passierte, der Gesamtdritte Marzio Bruseghin, war in die letztlich versandete Ermittlung der Staatsanwaltschaft Mantua gegen sein Team Lampre verwickelt.

Von den aktuellen Matadoren liegt lediglich gegen den Gesamtfünften Ilnur Zakarin ein Dopingeintrag vor. Dass bei diesem Giro die Abstände in den Bergen so gering waren und die größten Differenzen im Zeitfahren herausgeholt wurden, kann durch starke Leistungen der einen und Handicaps der anderen erklärt werden. Topfavorit Quintana war durch seinen Sturz nicht fit und konnte daher auf steilen Rampen sein Beschleunigungspotenzial nicht ausspielen.

Tom Dumoulin kam durch seinen Durchfall am Stilfser Joch in Bedrängnis. Ein Positionierungsfehler am Samstag kostete ihn zusätzliche Kraft und weitere 15 Sekunden Rückstand. Jene 15 Sekunden waren mentaler Treibstoff, der die Hoffnung Quintanas auf die Verteidigung des rosa Führungstrikots wachsen ließ. Fehlerlose Rennen lieferten hingegen Vincenzo Nibali und Thibaut Pinot ab. Altmeister Domenico Pozzovivo wuchs gar über sich hinaus, und Ilnur Zakarin erreichte eine neue Entwicklungsstufe.

Mehr als ein Dutzend exzellenter Klassementfahrer hatte für das wohl best besetzte Peloton aller Zeiten beim Giro gesorgt: Mikel Landa, Geraint Thomas, Tejay van Garderen, Steven Kruijswijk, Bauke Mollema, Adam Yates und Bob Jungels, sie hätten in anderer Form oder ohne Sturzpech alle das Zeug zum Podium gehabt. Am Ende stand mit Tom Dumoulin ein Niederländer vorn - zum ersten Mal in der Geschichte der Italienrundfahrt.

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