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Sie betreten eine trump-freie Zone

Es gibt Institutionen in Washington, in denen der neue US-Präsident noch nicht präsent ist

  • Von Rudolf Stumberger, Washington
  • Lesedauer: 5 Min.

Der neue US-Präsident ist in der Stadt nicht zu übersehen. Neben der medialen täglichen Präsenz in Zeitungen und TV-Nachrichtensendungen ist er auch konkret erlebbar.

Es ist kurz vor zehn Uhr, als an einem Dienstagmorgen, einige Zeit vor Trumps Europa-Reise, die Streifenwagen mit ihrem Blaulicht und durchdringenden Sirenen in Stellung gehen: Sie sperren die Seitenstraßen zur Pennsylvania Avenue ab, das ist die Verbindungsstraße vom Weißen Haus zum Capitol, dem Sitz der Abgeordneten. Gut eine Viertelstunde ist die Hauptverkehrsachse gesperrt, bis schließlich der Autokonvoi aus dem Weißen Haus zu sehen ist. Vorne weg fahren ein Dutzend Polizeimotorräder, manche mit Beiwagen, gefolgt von schwarzen SUVs mit Sicherheitsbeamten und Mitarbeitern. In der Mitte des Konvois die schwere Präsidentenlimousine mit Donald Trump. Genau gesagt sind es zwei Limousinen, dies dient der Sicherheit. In welchen Wagen der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sitzt, ist nicht auszumachen. Am Ende der Autoschlange fährt noch ein Sanka mit.

»Das ist das Zeichen, dass der Präsident wirklich unterwegs ist«, sagt Carl. Der pensionierte Lehrer führt Touristen auf einer Fahrradtour durch die Stadt. Donald Trump ist nicht sein Präsident, er hat ihn nicht gewählt. »Ich glaube nicht, dass er die Amtszeit übersteht«, sagt er und denkt dabei an ein »Impeachment«, ein Amtsenthebungsverfahren. Irgendwann wird man ihm ein Vergehen nachweisen können, meint er.

Inzwischen ist an der Pennsylvania Avenue wieder Ruhe eingekehrt, relative Ruhe. Washington ist eine laute Stadt. Permanent sind im Regierungsviertel Polizeiautos mit Sirenen unterwegs, um Spitzenpolitiker oder Diplomaten zu eskortieren. Am Himmel dröhnen Flugzeuge von den Flughäfen über die Stadt, und ständig sind Hubschrauber unterwegs, die der Polizei, aber auch des Militärs. All diese Geschäftigkeit scheint zu unterstreichen: Ja, diese Stadt hier, die Hauptstadt der Supermacht USA, ist das Zentrum der Welt.

Eine Weltmacht braucht auch monumentale Bauten, um sich nach außen zu präsentieren und die Macht zu verwalten. Im Washingtoner Regierungsviertel finden sich zahlreiche Gebäude mit klassizistischer Architektur, die Ministerien und staatliche Institutionen beherbergen. Das ehemalige Hauptpostamt an der Pennsylvania Avenue ist eines der gewaltigen Gebäude der Hauptstadt und erinnert mit seinen diversen Türmchen an ein riesiges Schloss. Heute ist das Gebäude an Donald Trump vermietet, der es zu einem Nobelhotel (fünf Sterne, Übernachtungen ab 800 Dollar) umgestaltet hat. Da das »Trump International Hotel« nur einen Katzensprung vom Weißen Haus entfernt liegt, kann es schon mal sein, dass der Chef persönlich vorbeischaut.

Vorbeigeschaut hat auch ein Reporter des britischen »Daily Mirror« und der hat herausgefunden, dass die meisten Dinge in Trumps Washingtoner Luxushotel nicht in den USA gefertigt wurden, sondern in Europa oder Asien. Für einen Präsidenten, der die USA wieder groß machen will und das auch durch die Stärkung heimischer Produktion, ist das ein bisschen peinlich.

Es gibt zwei Institutionen der Stadt, in denen Trump noch nicht präsent ist. Da ist zum einen das sogenannte Newseum in einem modernen sechsstöckigen Gebäude, ebenfalls an der Pennsylvania Avenue. Das im Jahr 2008 eröffnete private Museum widmet sich dem Journalismus und der Pressefreiheit.

Gezeigt werden unter anderem ein Stück der Berliner Mauer und die Spitze eines der zerstörten World- Trade-Türme von New York, dazu die jeweiligen Titelblätter der Tageszeitungen. Im fünften Stock wird die Geschichte des Journalismus erzählt. Ein Kapitel ist dabei dem Watergate-Skandal gewidmet: Anfang der 1970er Jahre enthüllte die »Washington Post« die Machenschaften des damaligen Präsidenten Richard Nixon um den Einbruch in das Büro der Demokratischen Partei. Angesichts der Berichte trat Nixon 1974 von seinem Amt zurück.

Auch heute ist die »Washington Post« fleißig dabei, Präsident Donald Trump auf die Finger zu schauen. Die Zeitung hat zum Beispiel eine Redakteurin nur dazu abgestellt, die Behauptungen und Aussagen des US-Präsidenten auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Dass der jetzige Präsident einen Großteil der Presse eher als Feind betrachtet, gegen den er eifrig antwittert, ist kein Geheimnis. Bis hierher ins Newseum aber hat es die Medienfeinschaft von Trump noch nicht geschafft, wenn auch auf der letzten der Geschichtstafeln darauf hingewiesen wird, dass die Presse im 21. Jahrhundert zunehmend in die Kritik geriet.

Abwarten, wie sich die Dinge entwickeln, will man wohl auch im Besucherzentrum des Weißen Hauses. Der Wohn- und Regierungssitz des Präsidenten selbst ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich und so will man den Bürgerinnen und Bürgern und den Besuchern durch das »Visitor center« diese Welt zugänglich machen. Zu sehen sind allerlei Dinge über das Leben der Präsidenten und ihrer Familien im Weißen Haus. Man erfährt zum Beispiel, dass der frühere US-Präsident Ronald Reagan Unmengen an Süßigkeiten während seiner Regierungszeit in sich hinein futterte, genauer gesagt: drei Tonnen. Auf einer Tafel sind alle Porträts der bisherigen Regierungschefs im Weißen Haus zu sehen, die Serie hört allerdings bei Barack Obama auf. Trumps Konterfei fehlt noch in der Galerie der Mächtigen.

Wenn man mit der Metro hinaus fährt, in die Vorstadtviertel von Washington, und zum Beispiel an der Station Rhode Island Avenue aussteigt, tauchen heruntergekommen Viertel auf, in denen selbst das Einkaufszentrum marode ist. Hier reduziert sich die ansonsten glitzernde Konsumwelt auf Läden mit Billigangeboten. Die »Mall« ist zum Teil dichtgemacht. Dafür finden sich in nächster Nähe zwei Liquor-Läden, die Alkohol verkaufen. Innen verschanzen sich die Besitzer hinter Gittern und Schutzglas - wegen der Überfälle.

Der amerikanische Traum - er ist für nicht wenige ein Albtraum, für viele ein nicht eingelöstes Versprechen. Ob der Milliardär Trump dieses Versprechen für die Bewohner dieser Stadtviertel wahr machen will, ist mehr als fraglich.

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