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Weibliche Weltsicht

Das Verborgene Museum bietet einen Querschnitt seiner Einzelausstellungen: »Künstlerinnen im Dialog«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Kunstgeschichte erscheint überwiegend als Leistung von Männern. Die Venezianerin Rosalba Carriera, die Französin Élisabeth Vigée-Lebrun oder Käthe Kollwitz sind eher Ausnahmen. Allein bei einer Sichtung in Westberliner Museen wurden 1987 Arbeiten von über 500 Künstlerinnen entdeckt, viele von ihnen vergessen. Das führte zur Gründung des Verborgenen Museums. Seit 1986 hat es in Ausstellungen auf rund 100 Lebenswerke von Künstlerinnen der Genres Malerei, Fotografie, Tanz, Plastik, Architektur aufmerksam gemacht und so einen überaus wichtigen Beitrag geleistet, die männliche Dominanz in der Kunstgeschichte aufzubrechen.

Bereits zum dritten Mal bietet das auf einem begrünten Charlottenburger Hof versteckte Museum einen Querschnitt seiner Einzelausstellungen. »Künstlerinnen im Dialog« präsentiert über 60 Arbeiten von knapp 40 Frauen, die mit ihrem Schaffen erstaunliche Spuren hinterlassen haben. Fast alle haben um die Wende zum 20. Jahrhundert gewirkt und sind den verschiedenen Kunstströmungen jener Zeit zuzurechnen.

Der Untertitel »Drei Tassen und eine japanische Puppe« weist auf zwei Auffassungen hin, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten. Provokant maskulin mit Fliege und Weste posiert auf einem Foto von 1919 Martel Schwichtenberg. Ihr um 1925 entstandenes »Stillleben mit japanischer Puppe« huldigt expressionistisch der gegenständlichen Kunst. Vor einem floral ornamentierten Tuch sitzt neben gelbem Bouquet eine kimonobedeckte Puppe, mit offenem Mund, schwarzem Haarpony und einwärts gedrehten Füßen. Starr wirkt sie inmitten des farbig leuchtenden Blumenmusters. Demonstrativ konstruktivistisch hingegen legt ihre nur zwei Jahre ältere niederländische Kollegin Lou Loeber »Stillleben mit Tassen« von 1928 an. Schwarzrandige konzentrische Kreise in Draufsicht stehen als gelbe, weiße, rote Tassen auf einer gelben Tischecke, kantige Formen bedrängen die Komposition. Im Gegensatz etwa zu ihrem Landsmann Piet Mondrian verwendet sie auch runde Linien, fügt den »Lesenden«, eine Grafik von 1930, zwar aus rechtwinkligen Formen, doch immerhin noch erkennbar als Mensch.

Zwischen diesen künstlerischen Extrempositionen changieren die anderen Exponate, darunter viele Selbstbildnisse. Else Meidner zeichnet sich mit Kohle düster, fast trotzig mit einer Hand eine Gesichtshälfte verdeckend, das andere Auge spähend auf den Betrachter gerichtet. Jeanne Mandellos Fotoporträt zeigt Florence Henri in Diagonalhaltung als Dame von Welt, während sich Henri schräg liegend auf einer Staffelei vor einem Spiegel selbst fotografiert. In Tempera sieht sich Thea Schleusner als schöne Frau mit rotem Hut, nur Gesicht und Hand ragen aus dem Dunkel auf. Herb fragend blickt Grethe Jürgens auf einer Radierung, die Züge gegerbt, voll die Lippen.

Dass Frauen gern auch Frauen malen, liegt auf der Hand. Fast im Profil legt Margarete Koch-Neubert in pastellenen Farben ihren Frauenkopf an. Hingestreckt ist Lotte Lasersteins Dame mit selbstbewusst aufgestütztem Kopf, eine bekleidete Venus in diagonaler Bildfülle. Den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen, hager das Gesicht und in meditativer Ruhe fixiert Ilse Heller-Lazard einen weiblichen Kopf in Grün. Unter den ausgestellten weiblichen Akten ist jener von Gerda Bütow der mutigste. Mit sinnlichen Farben und beinah fotografischer Delikatesse rückt sie in flächiger Ölmalerei genüsslich das imposante Hinterteil ihrer Liegenden in die Bildmitte, lässt den Rest des Körpers zur Nebensache werden. Koch-Neubert steuert eine Nachdenkliche mit übergeschlagenen Beinen sowie, als Spätwerk von 1960 vor pinkfarbenem Grund, einen schmalen blauen Akt bei, markant in Busen und Genital. Mit der Lithografie eines Rückenakts ist Lou Albert-Lasard vertreten.

Unter den Darstellungen von Männern fallen zwei besonders auf. Elisabeth von Schulz malt, mutig genug im Endkriegsjahr 1918, mit einem Franzosenjungen unter rotgerandeter blauer Mütze und ebenfalls blauer Jacke das Antlitz bezaubernder, dabei scheuer Jugend. Nini & Carry Hess konterfeien, Hände vor der Brust und mit nach innen gekehrtem Blick, in deklamatorischer Pose den Schauspieler Schabtai Prudkin.

Lohnenswert zu besichtigen sind viele weitere Sujets, gemalte, abgelichtete, holzgeschnitzte Landschaften, Menschentun von Rudern bis Fliegen, Schneesturm in Prag und Zwillinge in Paris, Jungen am Wannsee und Alte in Leipzig, Exponate von der Ballets-russes-Ausstatterin Natalja Gontscharowa, den Malerinnen Alice Lex-Nerlinger und Louise Stomps, den Fotografinnen Eva Besnyö und Marianne Breslauer.

»Künstlerinnen im Dialog«, bis zum 6. August im Verborgenen Museum, Schlüterstr. 70, Charlottenburg.

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