Werbung

»Verdeckte Armut« bei Studierenden

Nach einer neuen BAföG-Studie sind die Bedarfssätze immer noch zu niedrig

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

BAföG als Wahlkampfthema? Eine neue Studie mit umfangreichem Datenmaterial hat jedenfalls das Zeug zum Aufreger, weil sie zur Debatte über (Bildungs-)Gerechtigkeit in Deutschland passt. Demnach sind die vom Bund festgelegten BAföG-Bedarfssätze für Studierende trotz des Zuschlags vom vorigen Jahr noch immer viel zu niedrig.

Die Förderung decke die wirklichen Kosten nur in begrenztem Umfang und werde den sehr unterschiedlichen Lebensverhältnissen der Studierenden nicht mehr gerecht, sagt der Präsident des Deutschen Studentenwerks (DSW), Dieter Timmermann. Er verlangt deshalb eine regelmäßige Anhebung. »Die Politik muss handeln«, sagt er. Sonst liefen viele Studierende in eine Armutsfalle.

Zum Wintersemester 2016/17 hatte die Regierung von Union und SPD nach sechsjähriger Stagnation die Bedarfssätze um mindestens sieben Prozent erhöht. Die Höchstförderung für Studierende mit eigener Wohnung kletterte von 670 auf 735 Euro. Das DSW beziffert die studentischen Lebenshaltungskosten nun aber im Schnitt mit rund 1000 Euro pro Monat - für Lernmittel, Gesundheit, Miete und Wohnungseinrichtung, Ernährung, Fahrtkosten, Kleidung, Freizeit und Kommunikation.

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2015 etwa 611.000 Studierende unterstützt, der Durchschnitts-Förderbetrag lag bei 448 Euro. Vier von fünf der mit dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) unterstützten Studierenden sagen nach DSW-Angaben, ohne dieses Geld bliebe ihnen die Hochschule versperrt. Timmermann ist auch skeptisch, ob jetzt - wie von der Regierung geplant - mehr junge Menschen gefördert werden. »Es deutet sich nicht an, dass die Zahl der BAföG-Empfänger wie erwartet um gut 100.000 steigt.«

Das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) ermittelt in seiner Studie eine »Unterdeckung« schon beim monatlichen BAföG-Grundbedarf. Zudem reichten die Wohnpauschalen kaum für die tatsächlichen Mietkosten aus. Eine Förderlücke sieht das FiBS auch bei den Zuschlägen für Kranken- und Pflegeversicherung, vor allem für über 30-jährige Studierende.

Nach Worten von DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde verzichten offenkundig sogar viele junge Menschen auf ihren BAföG-Anspruch. Er könne diesen Studierenden »zur Verbesserung ihrer finanziellen Situation nur dringend empfehlen, BAföG-Anträge zu stellen, zumal erst fünf Jahre nach Förderende maximal nur 10.000 Euro in kleinen Raten zurückzuzahlen sind«. FiBS-Direktor Dieter Dohmen geht davon aus, dass etwa vier von zehn Studierenden kein BAföG beantragen, obwohl sich der zeitlich überschaubare Aufwand für sie lohnen könnte.

Als stärkste Kostentreiber erweisen sich laut Studie Ausgaben für Miete und Gesundheit. Insbesondere im unteren Einkommensbereich zeige sich, »dass weder das BAföG noch die Eltern alleine in der Lage sind, eine ausreichende finanzielle Grundlage zur Finanzierung des Studiums zu ermöglichen. Erst wenn beide Quellen miteinander kombiniert oder durch Erwerbstätigkeit ergänzt werden, kommen die Studierenden auf ein einigermaßen akzeptables Niveau.« Viele hätten sich folglich »mit Jobben eingerichtet«.

DSW-Generalsekretär Meyer auf der Heyde warnt vor »verdeckter Armut« bei Studierenden. Da die Mietpauschalen nur fürs Wohnheim reichten, müssten viele wohl am Essen sparen. Auch Bildungsökonom Dohmen hat festgestellt: »Bemerkenswert bis erschreckend ist die Bandbreite bei den Ausgaben für Ernährung. Hierfür werden zum Teil Beträge ausgegeben, die eine gesunde und ausgewogene Ernährung unwahrscheinlich erscheinen lassen.«

DSW-Präsident Timmermann zielt mit dem Gerechtigkeitsthema BAföG nun auch auf den Bundestagswahlkampf. »Bildung spielt da eine größere Rolle als früher - die Chance müssen wir nutzen und Druck machen.« Die seit 2015 allein für die Förderung zuständige Bundesregierung will ihren 21. BAföG-Bericht allerdings - mit reichlich Verspätung - erst in einigen Wochen präsentieren. Kritiker mutmaßen bereits: Vielleicht auch erst nach der Wahl?

Ein »Alternativer BAföG-Bericht« von DGB und Einzelgewerkschaften enthielt im Februar scharfe Kritik an der Bilanz von Schwarz-Rot. Demnach kann die jetzige Förderung »Benachteiligungen von Schülern und Studierenden aus finanzschwachen Elternhäusern nicht hinreichend ausgleichen«. Zumal die BAföG-Quote bei Studierenden zuletzt auch noch von 19 auf 15 Prozent gesunken sei. dpa

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!