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Die Formvollendung der Macht

Die Netflix-Dokumentation »Get Me Roger Stone« porträtiert den schillerndsten US-Spin-Doctor

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Früh übt sich, was ein echter Strippenzieher werden will. Es war im Jahr 1960, als Roger Stone daheim in New York den Wahlkampf zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon erlebte. Da ihm die Haare von Ersterem besser gefielen, warb er dafür, dass Letzterer bei einer Abstimmung an seiner Grundschule verliert. Und was tat der Achtjährige, um seine Mitschüler zu überzeugen? Er streute das Gerücht, Nixon wolle den Sonnabend zum Unterrichtstag machen. Das war zwar glatt gelogen, aber sehr wirksam: Anders als bei JFKs knappem Erfolg im ganzen Land, landete Stones Favorit bei den Kids einen Erdrutschsieg.

Die kleine Anekdote des faszinierenden Filmporträts »Get Me Roger Stone« zeigt, wie prägend der kindliche Wahlbetrug für den Titelhelden war. Kaum hatte Kennedys unterlegener Konkurrent von 1960 neun Jahre später nämlich ernsthafte Aussichten, ins Weiße Haus einzuziehen, schlug sich der frisch gebackene Student an Washingtons Universität auf Nixons Seite und half ihm nach Kräften dabei, 37. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Und obwohl sich sein Zielobjekt schon bald als kriminelles Windei entpuppte, war es bei Weitem nicht der letzte Republikaner, dem Roger Stone zur Macht verhalf. Im Gegenteil.

Insgesamt neun konservative Kandidaten, das schildert die preisgekrönte Dokumentation von Morgan Pehme, Daniel DiMauro und Dylan Bank auf Netflix, hat der umtriebige Spin-Doctor in fast 50 Dienstjahren beraten. Mal mit beachtlichem Erfolg wie einst beim unerfahrenen Hollywood-Schauspieler Ronald Reagan, mal mit erstaunlichem Erfolg wie beim impulsiven Präsidentensohn George W. Bush, zuletzt mit sensationellem Erfolg wie bei seinem Meisterstück, eher schon ein Schöpfungsakt: Donald Trump.

Schon 30 Jahre zuvor, als die meisten Leute im Immobilien-Tycoon aus New York allenfalls einen reichen Freak mit merkwürdigem Haar sahen, hatte Roger Stone dessen populistisches Potenzial erkannt. Mit der Verbissenheit eines Goldsuchers am Yukon blähte der Politikberater fortan das ohnehin riesige Ego seines Schützlings weiter auf, bis selbst das mächtigste Amt auf Erden keine Frage der Machbarkeit war, sondern höchstens eine der Zeit. Roger Stone, so zeigt es das Autorentrio in allerlei Interviews und Rückblenden, mag nicht der klügste unter Washingtons Netzwerkern sein, aber er ist der weitsichtigste, gerissenste, skrupelloseste.

Kein Wunder, dass ihn der renommierte Journalist Jeffrey Toobin im Film als »beinahe verrückten Machiavellisten« bezeichnet, der wie ein »sinisterer Forrest Gump in jedem Schlüsselmoment der jüngeren amerikanischen Geschichte auftaucht« und ihr seinen Stempel aufdrückt. Wie auch immer. Mit dicker Hornbrille und elegantem Hut stilistisch stets formvollendet, ist dem Dandy von 64 Jahren schließlich kaum ein Mittel zu illegitim, um sein Ziel zu erreichen.

Mehr noch als Trumps dämonischer Chefstratege Steve Bannon war es Roger Stone, der Trumps Konkurrentin Hilary Clinton verunglimpfen half. Selbst Verschwörungstheorien wie die, John F. Kennedy sei von seinem Vize Lyndon B. Johnson ermordet worden, sind ihm nicht zu abstrus. Alles für den Nektar der Macht. »Ich bin lieber berüchtigt als gar nicht berühmt«, sagt der selbst ernannte »Agent Provocateur« den Filmemachern ganz offen ins Gesicht und verdeutlicht damit, was diese Dokumentation so erschreckend macht, zugleich aber faszinierend.

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