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Unterwegs zu Walter Scott

»Jenseit des Tweed«: Theodor Fontane erfüllt sich einen lang gehegten Wunsch und reist nach Schottland

Nach Schottland wollte Theodor Fontane schon lange. Das Land faszinierte ihn, seit ihm der Vater einst die Romane Walter Scotts ans Herz gelegt hatte. Er hat sie im Lauf der Zeit alle gelesen, einige mehrmals. Eines Tages, so viel stand fest, würde er die wilden, romantischen Bilder, die er im Kopf hatte, an der Wirklichkeit messen. Er war dreimal in England: im Frühjahr 1844, im Sommer 1852 und noch einmal vom September 1855 bis zum Januar 1859. Aber erst im Sommer 1858 war die Gelegenheit (und das nötige Geld) da, um sich den Traum zu erfüllen, und so schrieb Fontane Ende Juli seinem Freund Bernhard von Lepel, er erwarte, ihn bald in London zu sehen. »Gib die schottische Reise«, riet er beschwörend, »nicht auf, Du kannst sie so gut nicht wieder machen.« Lepel, wenig begeistert, zögerte erst einmal, gab schließlich aber nach, und so stiegen beide am Abend des 9. August in den Zug, der sie von London nach Edinburgh brachte.

Es ist eine der schönsten Reisen geworden, die Fontane unternahm, nach seinem Urteil sogar die poetischste (»poetischer als Schweiz, Frankreich, Italien und alles, was ich später sah«), und wenn er einmal »ein alter Krepel« sein werde, schrieb er im September 1858 der Mutter, dann werde er von Edinburgh, von Stirling, Perth und dem Schlosse Macbeths erzählen, »drin König Duncan ermordet wurde«, und der schottischen Reise »in Wehmuth und Dankbarkeit« gedenken.

In Wahrheit hatte Fontane schon vorher beschlossen, die Exkursion literarisch auszubeuten. Hundert bis hundertzwanzig Reichstaler hoffte er damit zu verdienen, und er hat dann mit der Niederschrift seiner Erlebnisse auch nicht lange gewartet. Nach einer kurzen Phase der Mutlosigkeit schrieb er Ende Oktober (»es geht langsam, aber es geht doch«) die ersten Seiten. Ein paar Monate später, zwischen Mai und August 1859, erschienen die Anfangskapitel bereits in der »Vossischen Zeitung«. 1860 lag auch, versehen mit dem Titel »Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland«, die Buchausgabe vor.

Der Bericht, lange übersehen und erst in den letzten fünfzig Jahren mehrmals aufgelegt, ist jetzt neu erschienen, ediert in der von Gotthard Erler begründeten Großen Brandenburger Ausgabe des Aufbau-Verlags, der umfangreichsten, auch attraktivsten Fontane-Ausgabe dieser Jahrzehnte. Sie wird inzwischen von der Theodor-Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen betreut. Zu verdanken ist der Band, der wie die gesamte Edition zeichengetreu der Erstausgabe folgt, Maren Ermisch, die über Fontanes Buch und die Schottland-Berichte des 19. Jahrhunderts ihre Doktorarbeit geschrieben hat und die hier auf über 250 Seiten eine Fülle von Informationen bietet, detaillierte Auskünfte über die Entstehungsgeschichte des Buches (veranschaulicht überdies in einer tabellarischen Übersicht), seine Quellen, die Rezeption und Überlieferung, das alles gekrönt von einem Stellenkommentar mit Erläuterungen, die man sonst nirgendwo findet. So erschöpfend ist »Jenseit des Tweed« noch nicht kommentiert worden.

Fontane war fest überzeugt, wie er dem Kollegen Paul Heyse versicherte, dass sein Buch »nicht schlecht gehen würde, so was liest die Welt noch und es liest sich wirklich gut«. Er hatte nicht übertrieben. Sein Bericht, humorvoll erzählt, frisch, gewürzt mit feuilletonistischen Einlagen und kleinen Geschichten, reich an Anekdoten und historischen Reminiszenzen, bietet noch immer beste Unterhaltung und freundliche Belehrung. Es ging, hochgestimmt, mit Postkutsche, Dampfschiff und Eisenbahn 16 Tage lang quer durchs Land (für den zuweilen murrenden Freund Lepel freilich viel zu hastig), von Edinburgh zum Geburtsschloss Maria Stuarts und zum Schlachtfeld von Floddenfield, wo einst König James IV. fiel, weiter durch Städte, über Inseln, durch Moor- und Hügellandschaften, durch die Welten Shakespeares, Burns‘ und Scotts und schließlich über Glasgow wieder nach Edinburgh, wo man noch einen Ausflug zur Klosterruine Melrose unternahm und endlich auch Abbotsford besuchte, den am Tweed erbauten Landsitz des verehrten Sir Walter Scott.

Fontanes Erwartungen waren hoch, wahrscheinlich zu hoch. Scott, den er täglich las, hatte für ihn »ganz den Stempel des Genies«, doch was er nun sah, enttäuschte. Er ging durchs Haus, betrachtete die Räume, bewunderte die riesige Bibliothek, fand alles ein bisschen museal und atmete auf, als er wieder im Freien war. Ihm kam es vor, als hätte er die »Säle eines Wachsfiguren-Cabinets« besichtigt. Er schied deshalb von seinem Sehnsuchtsort, wie er im Schlusskapitel des Buches schreibt, »ohne besondere Gehobenheit der Stimmung, jedenfalls ohne alle Begeisterung; dennoch blick’ ich mit Freuden auf jenen stillen grauen Tag zurück«. Abbotsford, natürlich, blieb ein Höhepunkt der Reise und Scott, der Cicerone dieser Tage, ohne den Fontane Schottlands Ruhm nicht denkbar schien, der unangefochtene Meister, Quelle unablässiger Bewunderung.

Später, im November 1861, wird Fontane im Vorwort zu seinem Buch »Die Grafschaft Ruppin« noch einmal auf die Schottland-Tour zurückkommen. Dann erzählt er, wie die Reisenden das alte Douglas-Schloss auf einer Insel mitten im Leven-See besuchten. Plötzlich, auf der Rückfahrt im Boot, schob sich »wie eine Fata Morgana« Schloss Rheinsberg ins Bild, und da »stand es in meiner Seele fest, die Mark Brandenburg und ihre Schlösser und Seen beschreiben zu wollen«.

1859, kaum aus London zurück, hat er damit schon begonnen. Die Epoche der »Wanderungen« brach an.

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland. Hrsg. von Maren Ermisch. Große Brandenburger Ausgabe, Aufbau Verlag, 566 S., geb., 44 €.

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