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Welch ein Gedresche!

»König Ubu« unter Regie von Melanie Sowa in der Schaubude

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Dieser Vater Ubu ist ein Mistkerl. »Schoiße!«, brüllt er. »Bei meiner grünen Rotze ...« Mit seinem Weib ist er da auf einer verbalen Ebene. »Du bist ja so dämlich!«, schreit sie ihm entgegen. Ob sie wohl so hässlich sei, weil Besuch ins Haus komme? Das bekommt sie entgegengeschleudert, während er den Gästen, diesem »Hottentottenhaufen« das Fleisch wegfrisst. Beide unterwerfen sich keinerlei Regeln. Ihre zügellosen Umtriebe reizen landauf, landab immer neu die Theater, sich des 1888 geschriebenen Stücks anzunehmen. Noch stärkere Anziehungskraft übt allerdings die nicht endende Aktualität des Stückes aus. Denn was der Franzose Alfred Jarry als 15-jähriger Schüler mit »König Ubu« als Karikatur eines Lehrers erfand, der aus seiner Sicht alles Groteske der Welt in sich barg, wird nie alt. Makabere Realität ist, dass man nunmehr Politiker vor seinem inneren Auge sieht. Verbal dabei einen aktuellen Vergleich anzustellen, braucht es nicht. Die üblichen Verdächtigen sind im Kopf.

In der von Puppenspielkunststudenten der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«, Abteilung Zeitgenössische Puppenspielkunst gespielten Fassung in der Schaubude mit Musik von Vredeber Albrecht verzichtet Regisseurin Melanie Sowa auf heutige Bezüge. Allerdings könnte der Text mit seinen herrlichen Schimpftiraden ansonsten durchaus prononcierter herausgearbeitet sein. Größere Konzentration galt dem Spiel.

Ein Gerüst als Bühnenbild von Michael Graessner erweist sich als hervorragender Schauplatz des üblen Geschehens. Die Spieler - Michaela Bangemann, Simon Buchegger, Nils Stellan Fuhrberg, Caroline Kühner und Andreas Pfaffenberger - hangeln sich daran hoch und runter. Aussparungen innerhalb des »Bauwerks« sorgen dafür, sich auch mal hängen zu lassen. Verschiedene Fächer des Gerüsts werden von den Studenten in ihren Rollen gleichzeitig, abwechselnd, einzeln bevölkert, auch geschickt per Licht jeweils hervorgehoben. Besonders beeindruckend gelang Melanie Sowa das Schlachtgewühl, wo sich die Körper der Spieler - untereinander verschlungen - miteinander in einem Fach wälzen. Welch ein Gedresche!

Ubu ist ein aufgeblasener Mistkerl. Deshalb ist es sinnvoll, bei der Inszenierung, die Schauspiel und Materialtheater vereint, ihn im wahrsten Sinne des Wortes konsequent geschwollen reden und sich präsentieren zu lassen. Luftballons über Luftballons. Lustballons auch, denn die Geschlechtsmerkmale werden beim Kostüm mit Ballons stark betont, was sehr komisch ist. Das passt zu jener lustgeprägten Zügellosigkeit, die in Ubus Nähe nie abreißt.

Stark herausgearbeitet wurde das Drängende von Mutter Ubu, die in ihrer Habgier ihre dumpfbackige, eigentlich dafür viel zu faule sogenannte bessere Hälfte anstachelt und treibt, grausam immer mehr Macht an sich zu reißen, alles und jeden zu beleidigen. Da »reformiert« er kurzerhand die Justiz, schlachtet von ihm ausgewählte Bevölkerungsgruppen ab, lässt das Volk schreien, was er vorgibt. Im Gegensatz zu diesen niederen Vorhaben ist die polnische Königsfamilie, die er fast vernichtet - Jarry wählte dafür Polen als Überall und Nirgendwo -, vornehm gezeichnet. Wenn auch nicht bedingungslos gut. Zur Welt kommende, nicht gelungene Kinder werden knallhart von der Königin abgemurkst. Luftballons hier als Babys, von denen der König die makellosen liebevoll in seinen Armen wiegt.

Ist auch empörend, was sich in »König Ubu« abspielt, einen Skandal kann das Stück wie zu seiner Uraufführungszeit 1896 natürlich heutenicht mehr auslösen. Über den Erdball sausende Beleidigungen sind inzwischen normal bei den hohen Herren, wenn auch nicht von der Qualität, wie sie »König Ubu« zu formulieren vermag. Es war damals ein genialer Wurf Jarrys, der dadurch aus dem Ruf als Taugenichts in seinem Leben, das schon mit 34 Jahren endete, nicht mehr herauskam. Aber spannend ist es allemal.

Nächste Vorstellungen: 9. und 10. Juni, jeweils 20 Uhr, Schaubude, Greifswalder Straße 81, Prenzlauer Berg

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