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Kolonialverklärung wird entfernt

Im Afrikanischen Viertel in Mitte lässt der Bezirk Straßen umbenennen

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 3 Min.

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Erstmals sollen in Berlin in größerem Umfang Straßen umbenannt werden, die mit dem deutschen Kolonialismus und dessen Rassismus in Zusammenhang stehen. Mittes Kulturbezirksstadträtin Sabine Weißler (Grüne) veröffentlichte am Mittwoch die Namensempfehlungen, die eine Jury auf Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Mitte (BVV) seit März erarbeitet hatte.

Sechs Empfehlungen habe die Jury für die drei Straßen abgegeben, aus denen die BVV nun ihre Wahl treffen müsse. Geehrt werden könnten Yaa Asantewaa, Martin Dibobe, Nzinga von Ndongo und Matamba, Manga Bell, Miriam Makeba oder Wangari Maathai. Die Jury hatte aus 196 Namensvorschlägen aus der Bevölkerung die Auswahl getroffen. Die Kriterien waren dabei, dass es sich um herausragende historische Persönlichkeiten handeln muss, die langanhaltend aktiv im Widerstand gegen Kolonialismus und Rassismus engagiert waren, deren Aktivitäten ausreichend dokumentiert sind und die international, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent und in der Afrikanischen Diaspora anerkannte Personen sind. Außerdem suchte die Jury nach Personen, die einen Bezug zur deutschen Kolonialgeschichte haben.

Umbenannt werden die nach den Kolonialisten Adolf Lüderitz und Gustav Nachtigal benannten Straßen sowie die ursprünglich nach dem Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika, Carl Peters, benannte Petersallee. Alle drei Straßen befinden sich im Afrikanischen Viertel in Wedding.

Betrand Njoume, Vorsitzender der Jury, Lehrer und Vorstandsmitglied des »Afrika-Rats Berlin-Brandenburg«, ist sehr zufrieden mit den Empfehlungen der Jury und lobt die Zusammenarbeit. Dort ging es immer um den Inhalt, konstruktiv und respektvoll seien die Mitglieder miteinander umgegangen. Und selbst, wenn es Meinungsverschiedenheiten gab, waren die inhaltlicher Art. »Insgesamt ist die Arbeit ein gutes Beispiel, wie es gehen könnte, auch über Berlin hinaus - angefangen bei der Art, wie die Jury zusammenkam und wie sie gearbeitet hat«, sagt Njoume.

Dabei gab es auch Kritik an der Geheimhaltung um die Jurymitglieder bis zur Veröffentlichung der Empfehlungen. Weißler, verantwortlich für die Einberufung der Mitglieder, sieht sich aber bestätigt: »Nach all der Prügel, die ich für diese Entscheidung bekam, muss ich sagen, dass sie richtig war. Nur so konnte die Jury unbefangen arbeiten.«

Wann es zur Umbenennung kommt, darauf will sich die Kulturbezirksstadträtin aber nicht festlegen lassen. Noch vor den Sommerferien soll es eine öffentliche Veranstaltung geben, nach der die BVV entscheiden wird. Danach könnten aber noch einzelne Beschwerden von Anwohnern die Umbenennung hinauszögern. Bisher kam von den 3000 Betroffenen aus den drei Straßen kaum inhaltliche Kritik, sondern vor allem die Befürchtung, keinen Termin für die Umschreibung von Ausweis und offiziellen Dokumenten zu erhalten. Die BVV sorgt dafür aber vor und richtet Sonderzeiten für die Anwohner ein.

Jurymitglied Tahir Della freut sich auch: »Die Umbenennung ist ein starkes und sichtbares Signal, dass Schwarze Menschen in Deutschland ein Bestandteil der Bevölkerung sind und die Gesellschaft mitgestalten.« Er hofft, dass nun ein Prozess in Gang kommt, der zu einem stadtpolitischen Konzept des Senats führt und auch auf Bundesebene Beachtung findet. Denn deutschlandweit wurden bisher erst zwei Straßen, die Kolonialverbrecher ehrten, umbenannt. »Wir brauchen ein Erinnerungskonzept, wie mit der deutschen Kolonialgeschichte umgegangen wird«, fordert Della.

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