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Berlin for Bernie Sanders

Früherer US-Präsidentschaftsbewerber und Sozialist trat an der Freien Universität Berlin auf

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Alter kann sexy sein. Die Freie Universität in Berlin-Dahlem erlebt dies am Mittwochabend: das Audimax voll, 90 Prozent unter dreißig, mit Englisch vertraut wie Muttersprachler, knisternde Vorfreude - und alles wegen eines weißhaarigen, schlaksigen, uneitlen 75-Jährigen, den viele gern als Großvater, noch lieber aber als US-Präsident hätten. Bernie Sanders ist zu Gast. Bei seinem einzigen Deutschlandauftritt wird er bejubelt, und wenn an diesem Abend eine Abstimmung stattgefunden hätte, wären weder Hillary Clinton noch Donald Trump im Weißen Haus.

Schon 2016 sind mehrere Muster früherer Wahlkämpfe durcheinandergewirbelt. Nicht zuletzt das Hauptgebot, dass, wer siegen will, keinesfalls linke Ideen vortragen darf. Hauptanteil daran, dass vieles anders läuft, ist auf der Rechten Trump, auf der Linken Sanders. Der parteiungebundene Senator aus Vermont, der sich als demokratischer Sozialist sieht und im Vorwahlkampf der Demokraten Favoritin Clinton das Fürchten lehrte, ist von »Politico« gerade als »populärster Demokrat und beliebtester aktiver Politiker im Land« bezeichnet worden. Sanders gewinnt 22 Vorwahlen und 13 Millionen Stimmen und verleiht mit seiner ganz auf die Ungleichheit im Land gerichteten Kampagne dem Duell jenes Feuer, das Clinton mit dem Riesentanker ihrer Organisation und Dollarmillionen nicht zu entfachen vermag. Abgesehen davon, dass Sanders‘ »Sozialismus« Sozialdemokratie à la Roosevelt meint, bezieht das Duell seine Spannung aus inhaltlichen Unterschieden. Während sie das System Washington und die Verquickung mit Wall Street verkörpert, beflügelt er seine Kampagne mit zweieinhalb Millionen Kleinspendern.

Der Anti-Status-quo-Kandidat sieht sich heute als Anführer der Bewegung »Our Revolution«. Seine Forderungen erinnern an Präsident Roosevelts New Deal. Im Einzelnen will er Krankenversicherung auf staatlicher Basis für alle US-Bürger; Wegfall der Studiengebühren an Bundes-Colleges und -Universitäten; Aufspaltung der größten Banken; höhere Steuern für Reiche und Konzerne, um Jobs zu schaffen und den Mindestlohn von 7,25 auf 15 Dollar anzuheben; gesetzlich gesicherten Schwangerschaftsurlaub; Umweltsteuer für Firmen im Kampf gegen den Klimawandel ...

Kein gutes Haar lässt Sanders an Trump. »Mir ist unbegreiflich«, sagt er, »dass wir einen Präsidenten haben, der sich wohler fühlt mit Autokraten wie Putin oder dem philippinischen Präsidenten Duterte. Putin ist ein Mann, der sein eigenes Volk unterdrückt, sich in amerikanische Angelegenheiten einmischt und sich demnächst - passt auf! - Deutschland vornehmen wird.« Aus vielen Gründen, so Sanders in seinem Vortrag auf Englisch, sei er kein Fan Trumps. Entgegen seinem Versprechen, einfachen Amerikanern Achtung zurückzugeben, habe er dem Kongress soeben »den schrecklichsten Haushaltsentwurf der jüngeren Geschichte unterbreitet«. Er sehe die massivste Umverteilung von unten nach oben vor und werde bei seiner Umsetzung dazu führen, »dass 23 Millionen Menschen ihre Krankenversicherung verlieren und Tausende Amerikaner sterben werden«.

Den meisten Beifall erhält Sanders, wenn er die enorme Wohlstandskluft zum Vorteil der Milliardäre in den USA ins Visier nimmt und dafür teils groteske Beispiele aufzählt. Mit Blick auf internationale Herausforderungen beschränkt er sich auf zwei Punkte - den Kampf gegen die Folgen des Klimawandels und gegen den Terrorismus. Beide Herausforderungen bräuchten internationale Zusammenarbeit, ließen sich nicht in nationalem Alleingang meistern. Deshalb wäre es »besonders verhängnisvoll«, sollte Trump - was Nachrichten nahelegten - »die USA-Beteiligung am Internationalen Klimaabkommen von Paris kündigen«.

Wiewohl er 2016 auf deren Ticket kandidiert, ist Sanders nie Mitglied der Demokraten gewesen. Auch heute ist er wieder als »Unabhängiger« registriert. Darin liegt ein Taktikvorteil, aber auch ein Problem - besonders in der Frage, ob er sich 2020 (am Wahltag wäre er 79) erneut ums Präsidentenamt bemüht. Manche Demokraten wollen nicht, dass er wieder kandidiert.

Sanders selbst hält sich bedeckt und das Thema für verfrüht. Doch er hält sich auch im Gespräch. An diesem Freitag erscheint bei Ullstein sein Buch »Unsere Revolution: Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft« auf Deutsch. Mit viel Resonanz auf einer US-Tour beworben, fängt Sanders darin seine Kampagne ein und erläutert seine Ziele. Zum kleineren Teil ist das Buch des 1941 in Brooklyn geborenen Sohns jüdischer Eltern auch Autobiografie.

Sanders, das zeigt sich auch an der FU, ist nicht das, was man einen fesselnden Redner nennt. Er bezaubert nicht, und er verzaubert niemanden. Dennoch spürt man an diesem Abend, im lockeren Dialog mit Christoph Amend vom »Zeit«-Magazin noch mehr als im Vortrag, woher Bernie seinen enormen Zuspruch in der Wahlkampagne bezog: ein großer, aufrechter, leicht linkischer Mann, gerötetes Gesicht und kräftige Stimme, fast immer ernst, ohne Umschweife Klartext suchend und alle Fisimatenten meidend. Das mutet aus unserer selbstsüchtigen Zeit gefallen und entfaltet wohl grad so seine Anziehung auf junge, für Idealismus empfängliche, an großen Würfen interessierte Zuhörer.

Er habe, sagt er, im Wahlkampf nicht krampfhaft versucht, unterschiedliche Altersgruppen unterschiedlich anzusprechen. Er habe bemerkt, dass es wichtiger ist, das aufs Tapet zu bringen, was Menschen bewegt und bedrückt. Und da seien Jüngere und Ältere nicht so verschieden, wie Wahlforscher uns weismachten. Ja, elektronische Medien könnten nützliche Werkzeuge sein, aber wichtiger sei die inhaltliche Botschaft. Nein, ein Selfie habe er bis zu diesem Abend noch nie aufgenommen. Und nein, auch »eine negative Wahlwerbung, Anzeigen, die Wahlkonkurrenten verunglimpfen, habe ich in meinem Leben noch nie geschaltet«, sagt der Mann mit der weißen Restmähne.

Die jungen Leute verstehen Sanders, wohl auch, weil sie den Gegenentwurf zu einem Präsidenten sehen, der seit 150 Tagen nichts anderes als Selfies und Verunglimpfungen vollführt. Sie bejubeln ihn erneut, als er am Ende sich gegen eine nationalistische Abkehr der USA von der Welt wendet und die jungen Leute aufruft, für eine solidarischere Welt zu arbeiten. »Wir können dem Klimawandel begegnen und wir können unserem Planeten Frieden bringen, vorausgesetzt, wir sind nicht nur Beobachter. Football und Baseball sind Zuschauersportarten. Die Demokratie ist es nicht.«

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