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Großbritannien: Theresa May wird zur Gejagten

Im britischen Umfragenzirkus kann Labour mit Jeremy Corbyn gegenüber den Tories wieder punkten - der Sieg ist aber noch fern

  • Von Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor fünf Wochen schrieb Theresa May trotz Unterhausmehrheit Neuwahlen aus. Sie genoss einen Umfragevorsprung von bis zu 24 Prozentpunkten vor Labour, eigene positive Umfragewerte von plus 10 Prozent, während ihr Gegenspieler Jeremy Corbyn bei minus 42 hinterher hinkte. Die Wette schien gewonnen, das Volk brauchte seiner Ersatzkönigin nur zuzujubeln und sein Kreuzchen bei den Konservativen zu machen.

Dementsprechend verlief auch der Tory-Wahlkampf. Auf Mays Persönlichkeit zugeschnitten, betonte die Partei bis zum Überdruss den Slogan »Starke, stabile Regierung statt Chaos unter Corbyn«. Auf dem Wahlkampfbus prangte »Theresa May«, »konservativ« kam nur im Kleingedruckten vor. Dem Risiko, mit dem Publikum in Berührung zu kommen, wich sie aus, trat nur vor ausgesuchten Anhängern auf. Ließ sich mit Ehemann Philip im Fernsehstudio über den Familienhaushalt interviewen, kniff jedoch vor jeder Debatte mit Corbyn, auch zusammen mit anderen Parteichefs. Inhaltslose, roboterhaft vorgetragene Sprechblasen sollten zum Erdrutschsieg ausreichen, so ihre Berater. Als letztes Mittel verlegten sich die Tories aufs Schimpfen gegen Corbyn. Dieser sei seit jungen Jahren Terror-Sympathisant geblieben, Freund von IRA und Hamas - nach dem Anschlag in Manchester sollte das ein starkes Argument sein.

Das konservative Manifest vermied Aussagen über die Austeritätspolitik. Aber Mays Siegessicherheit verleitete sie zu einem Schlag gegen Rentner - ein wahlfreudiges, bisher den Konservativen treues Wählerreservoir. Die Kosten der Altenpflege für Demenzkranke sollten durch den Verkauf ihrer Häuser eingetrieben werden. Tory-Wahlkämpfer meldeten Widerstand, der Umfragevorsprung halbierte sich. Nach vier Tagen fiel May um, zog den Demenzsteuer-Vorschlag zurück. Nach Brexit-Umfall und lange geleugneter Neuwahlentscheidung bog sich die angeblich Starke wie Schilf im Wind. Zweifel wuchsen. Sogar Rupert Murdochs konservative »Times« monierte, die Brexit-Verhandlungen hätten nicht schlimmer anfangen können, britische Arroganz habe zu einer vergifteten Atmosphäre beigetragen.

Daneben erwies sich der im Unterhaus oft hilflos wirkende Corbyn als selbstsicherer Publikumsmagnet. Labours Wahlmanifest betonte traditionelle Werte wie Fairness »für die Vielen, nicht die Wenigen«. So sollten Studiengebühren abgeschafft, das von den Konservativen ausgepowerte Gesundheitswesen wieder hochgepäppelt werden. Die die Steuerzahler schröpfenden Bahn, Post, Strom- und Gaszulieferer sollten vergesellschaftet werden, finanziert durch Steuererhöhungen für die reichsten fünf Prozent der Bevölkerung oder die Industrie. »Jezza« wuchs über sich hinaus, auch Interviewer wie der gefürchtete Jeremy Paxman konnten »Monsieur Zen« nicht aus der Ruhe bringen. Die neueste YouGov-Umfrage sah den Tory-Vorsprung nur bei drei Prozent (42 zu 39). Das könnte, wie eine zweite Umfrage des Instituts andeutete, zu Mandatsgewinnen für Labour, vielleicht zum Verlust von Mays absoluter Mehrheit führen.

Aber gemach. Keine Umfrage zeigt Labour bisher in Führung. Mag Corbyns Beliebtheit zugenommen haben - er bleibt weit weniger populär als May, gerade unter patriotischen Labour-Wechselwählern. Das Vertrauen in Labours Wirtschafts- und Finanzpolitik hält sich in Grenzen, Unsicherheiten über Kosten von Labour-Reformen bei Corbyn und der Kollegin Diane Abbott werden in der Tory-Presse genussvoll ausgeschlachtet. Traditionelle Labour-Bollwerke wie Schottland sind schon unter Ed Miliband von den Nationalisten geschleift worden, auch jetzt haben Labours Nordlichter wenig zu melden. Mag Corbyn bei Jungwählern punkten: Diese bleiben oft den Wahlurnen fern. Zuletzt: Umfragen können täuschen, aber bisher fiel das Endergebnis für die unterschätzten Tories immer besser als erwartet aus, für Labour schlechter. Eine beeindruckende Aufholjagd verheißt noch keinen Regierungswechsel.

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