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Rekonstruktion eines blutigen Freitags

Uwe Soukup beschreibt detailliert was am 2. Juni 1967 wirklich geschah

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Am 1. August 1967 war in dieser Zeitung, die sich damals noch in Versalien schrieb und sich Zentralorgan nannte, eine Meldung auf Seite 2 zu lesen: »Studenten der Westberliner Film- und Fernsehakademie drehen gegenwärtig einen Dokumentarfilm über den Westberliner Blutfreitag, an dem Polizeitruppen des Senats demonstrierende Studenten überfielen und niederknüppelten, dabei über 70 Demonstranten und Passanten zum Teil schwer verletzten und den westdeutschen Studenten Benno Ohnesorg hinterrücks erschossen.« Dieser 45-minütige Streifen war der erste über den 2. Juni 1967 gedrehte. Ebenfalls 45 Minuten lang ist der von Klaus Gietinger und Margot Overath unter Mitarbeit von Uwe Soukup für den RBB produzierte Film zum Thema, der dieser Tage zu sehen ist.

Einige Leser dieser Zeitung werden sich an den Song des Oktoberklubs erinnern: »Wie starb Benno Ohnesorg, Student in Westberlin, was wisst ihr über ihn?« Vielleicht hat der eine oder andere sogar Spalier gestanden, als nach der Trauerfeier in der Freien Universität der Sarg mit dem Leichnam des 26-Jährigen quer durch die DDR nach Hannover überführt wurde. Entgegen dem Wunsch des Senats, der eine Überführung per Flugzeug wollte, bestand die junge Witwe auf dem Landweg. Zigtausende Menschen säumten die Strecke.

Christa Ohnesorg hat Uwe Soukup - wie anderen Journalisten - kein Interview geben wollen. Man versteht es. Ungeachtet dessen gelang dem Berliner Historiker eine detektivisch beeindruckende Rekonstruktion der Mordnacht. Seinem vor einem Jahrzehnt wegen Absagen aller großen Editionshäuser im eigenen Verlag 1900 herausgegebenen Buch »Wie starb Benno Ohnesorg: Der 2. Juni 1967« ließ er nun ein neues folgen. Denn es gibt neue Erkenntnisse, u. a. dass die Westberliner Polizei ihre Verteidigungsstrategie mit dem Anwalt von Karl-Heinz Kurras absprach sowie die Enttarnung des Todesschützen als Informant der Stasi.

Der freie Journalist, der als Sozialarbeiter in Marzahn seine Brötchen verdient, recherchiert und publiziert seit über zwei Dezennien zu jenem unheilvollen Tag. Er studierte akribisch in diversen Archiven und hat bisher noch uneingesehene Mappen entdeckt, so auf dem Dachboden des Berliner Abgeordnetenhauses, wo er noch nie gesehene Fotos fand, die ihm einmal mehr »das Ausmaß der Brutalität dieses Einsatzes« offenbarten. Er sprach mit Zeitzeugen, die noch nicht befragt worden sind. Fotografen stellten ihm ihre Abzüge kostenlos zur Verfügung, so dass sein neues Buch zugleich eine einmalige, erschütternd-dichte fotografische Dokumentation des 2. Juni 1967 ist.

Soukup geht es jedoch um weit mehr als um exakte Wiedergabe der Ereignisse am Tag des Schahbesuchs in Westberlin. Er will daran erinnern, »dass vieles, was den Menschen heute selbstverständlich erscheint, eben nicht immer selbstverständlich war« - in der Bundesrepublik! (sei hinzufügt). So wurde erst im Gefolge des 2. Juni 1967 erkämpft, dass eine Frau eine Arbeitsstelle aufnehmen oder ein Konto eröffnen darf, ohne die Erlaubnis des Gatten einzuholen, in den Schulen nicht geprügelt werden darf und Homosexualität nicht strafrechtlich verfolgt wird.

Ein weiteres Motiv des Autors, sich erneut auf den Buchmarkt zu begeben, findet sich im Nachwort: »Die Berliner Polizei ist noch immer in der Pflicht, ihren Teil zur Aufklärung dieses Halb-Jahrhundertverbrechens, begangenen aus den eigenen Reihen, zu leisten.« Ein offizielles Eingeständnis der Schuld, »friedlichen Protest ... in eine veritable Straßenschlacht und später in eine langjährige politische und zum Teil gewaltsame Auseinandersetzung« umgewandelt zu haben, steht noch aus. »Einen ganzen Tag lang reizten und provozierten Einsatzkräfte der Berliner Polizei an wechselnden Schauplätzen die Demonstrierenden, verprügelten sie oder sahen seelenruhig zu, wie sie verprügelt wurden. Sie kesselten sie ein und griffen willkürlich einzelne Demons-tranten heraus, um sie vor aller Augen zu misshandeln«, so Soukup.

Die Verfehlungen der Westberliner Polizei begannen damit, die »Jubel-Perser«, die dann zu »Prügel-Persern« (Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes SAVAK) gewähren zu lassen. Eine Lautsprecherdurchsage, die den Demonstranten den Mord an einem Polizeibeamten unterstellte, musste eskalierend wirken. Soukup fragt, wer in der Nähe der Oper einen Lieferwagen mit Eiern und Tomaten abgestellt hatte, die dann als Wurfgeschosse Einsatz fanden. Ebenso wie auf einem abgesperrten Baugelände befindliche Pflastersteine. Woher kamen die »Hartgummiringe«, von denen viele Zeugen berichten? Und was bewog den Pressesprecher des Senats, Hanns-Peter Herz, gegenüber Journalisten (was er freilich hernach bestritt) anzukünden: »Na, heute können diese Burschen sich ja auf was gefasst machen, heute Abend gibt›s Dresche!« Fragen über Fragen. Waren gar staatlich finanzierte Agent Provocateurs am Werk?

Schon in München, der ersten Station des Schahbesuchs, hatte es Zwischenfälle gegeben. Im Berliner Senat gab es Überlegungen, dessen Stippvisite nach Berlin abzusagen, doch Innensenator Wolfgang Büsch entschied: Unmöglich. Und besiegelte damit sein politisches Schicksal, so Soukup. Er war nicht der Einzige, der noch in jenem Jahr zurücktreten musste. Freiwillig und reuevoll gab der gerade erst gewählte Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz sein Amt auf. Er übernahm die volle Verantwortung, obgleich er zu den Bedenkenträgern gehört hatte. Bevor er zum Flughafen Tempelhof fuhr, um den unliebsamen Gast abzuholen (Tegel galt als unsicher), beschwor er die Senatskollegen: »Lasst mich mit dem Tyrannen nicht allein.«

Soukup entlastet Albertz und zitiert u. a. eine Aussage des Einsatzleiters West der Polizei namens Günter Wirt vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der widerlegte, dass der Regierende Bürgermeister den Polizeieinsatz befohlen oder ihn durch seinen Ärger über den Eier- und Tomatenhagel möglicherweise angestoßen haben könnte. Albertz selbst schrieb in seinen Memoiren »Blumen für Stukenbrock«: »Ich habe bis heute nicht klären können, wer die Mitverantwortung für diese Gewalttaten trug. Natürlich SAVAK. Aber sie mussten Sonderflugzeuge gebucht haben. Wusste das Auswärtige Amt davon? Der Bundesnachrichtendienst? Jedenfalls hat diese erste Konfrontation die Empörung der Studenten geweckt.« Ein Leben lang quälte sich Albertz, die Straßenschlachten und den Mord nicht verhindert zu haben. 1981 sagte er in der Tübinger Universität: »Ich weiß, dass ich eines Tages für die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg vor meinem ewigen Richter werde Rechenschaft ablegen müssen. Ich war verantwortlich. Ich habe vor seinem Angesicht Rede und Antwort zu stehen.«

Interessanterweise scheint Soukup auch Erich Duensing, den Polizeipräsidenten von Westberlin und ehemaligen Generalstabsoffizier der Wehrmacht, zu entlasten: Mit der Entscheidung für die fatale »Leberwurst-Taktik« vor der Oper hatte der gerade aus Krankheit und Urlaub Zurückgekehrte wenig zu tun. Indes verteidigte er diese später rabiat: »Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt.« Welch Zynismus! Hatte dies doch zum mörderischen Ausgang des Abends geführt. Duensing ersuchte im September 1967 um vorzeitige Versetzung in den Ruhestand.

Besonders ausführlich widmet sich Soukup dem Geschehen in der Krummen Straße. Nach dem Einsatz von Wasserwerfern machten uniformierte und nicht uniformierte Beamte, alle bewaffnet, Jagd auf »Füchse«, vermeintliche »Rädelsführer«. Kurras war einer der zivilen Greifer ...

Die Obduktion von Benno Ohnesorg offenbarte, auch er ist verprügelt worden. In der mündlichen Urteilsbegründung im Kurras-Prozess räumte der Richter ein: »Es besteht leider der dringende Verdacht, dass auf Benno Ohnesorg auch dann noch eingeschlagen wurde, als er schon tödlich getroffen auf dem Boden lag.« Der Student aus Hannover hatte nicht zum Umsturz aufgerufen, lediglich gegen das Hofieren eines Despoten protestieren wollen. Auf seinem Transparent, einem Kopfkissen, stand: »Autonomie für die Teheraner Universität.« Am Ort, an dem er starb, gibt es eine Gedenktafel - erst seit 2008!

Uwe Soukup: Der 2. Juni 1967. Ein Schuss, der die Republik veränderte. Transit.188 S., geb., 20 €.

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