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Treffpunkt Trude im Tiergarten

Die Banalität der Akten oder: War Karl-Heinz Kurras alias Otto Bohl tatsächlich eine ergiebige Quelle für die Stasi?

Die Stasiunterlagen über den GM (Gesellschaftlicher Mitarbeiter) und späteren IM Karl-Heinz Kurras beginnen mit einem Bericht vom 19. April 1955 über das Erscheinen eines »Angehörigen der Sturmpolizei« Westberlins bei der Wache des ZK der SED in der Ostberliner Wilhelm-Pieck-Straße und dessen dort geäußertes Begehr, mit einem Vertreter der Staatssicherheit zu sprechen. Es folgen ein von jenem handschriftlich verfasster Lebenslauf, der Vorschlag zur Anwerbung und der Report über die»Verpflichtung«, der Bericht über einen Lehrgang während eines Urlaubs des Spitzels in der DDR. Sodann regelmäßige Einschätzungen zur Arbeit von »Otto Bohl«, Kurras’ Deckname, und seiner Person, in denen mitunter leise Zweifel mitschwingen. Dennoch erhielt jener monatlich eine »Prämie« von 200 Mark West.

Eine ermüdende, unerquickliche Lektüre, diese Akten. Banalitäten en masse. Für die operative Arbeit einst wohl wichtig, aber gewiss nicht geschichtlich wertvoll. Oberstleutnant Eckert berichtet am 16. Oktober 1961 über die Chiffrierausbildung des »sehr interessierten und lernbegierigen« Azubis: »Nach Klärung einer Schwierigkeiten, kann gesagt werden, daß der GM die Chiffre begriffen hat. Die Verbindung kann geöffnet werden.« Unter dem Datum vom 21. Juli 1962 erfährt man: »Als beständige Treff gelten, der 2., 12., oder 22. eines jeden Monats. Treffzeit: 18.00 Uhr. Treffort: Cafe im Tiergarten (dieser Ort wird als Trude bezeichnet). Ein zweiter Treffort ist der Kurt Schumacher Platz (wird mit Kurt bezeichnet).« Am 23. November 1962 ergeht der »Vorschlag«: »Zur Verbesserung der Informationstätigkeit und des Erhaltes von wichtigen Informationen aus der Westberliner Polizei besteht die Notwendigkeit der Anwendung der operativen Technik, um an Geheimnisträger aus der Westberliner Polizei heranzukommen.« Abhörtechnik soll im Dienstzimmer des GM und dessen Vorgesetzten in der Kriminalinspektion Tiergarten sowie in Kurras’ Privatwohnung installiert werden. Dazu die Erläuterung: »Der GM wohnt in unmittelbarer Nähe der Inspektion Tiergarten möbliert zur Untermiete ... Die Vermieterin ist eine Frau im Alter von 60 Jahren. Sie ist Platzanweiserin bzw. Kassiererin in einem Westberliner Filmtheater … Zu der Vermieterin unterhält der GM gute Beziehungen, die familiären Charakter tragen.« Ein »Auskunftsbericht« vom 21. März 1967 lässt wissen: »Zu den GM besteht einseitiger Funk. Losungswort: ›Guten Tag Herr Kurras, ich komme wegen der Schießabteilung.‹ Antwort: ›Ach, von Herrn Schneider.‹« Relevanter der Vermerk vom 18. März 1966: »Aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, daß ca. 1200 Maschinengewehre - MG 42 Hitlersäge - mit Kaliber der NATO 7,62 mm für die Bereitschaftspolizei und Schutzpolizei eingelagert worden sind. Ausbildung und Scharfschießen in vollem Gange.« In der Folge gibt es Schwergewichtigeres, Hinweise auf »unsichere Subjekte« auch in der DDR, daran anschließend Vernehmungsprotokolle der »Enttarnten« und »Zugeführten«.

Ob Kurras tatsächlich eine ergiebige Quelle war, können nur Insider oder Geheimdienstexperten, die sich durch die trockene Materie durchgefressen haben, beantworten. K.V.

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