Von Andreas Fritsche

Angeblicher Giftregen aus Flugzeugen

Über Anhänger der Chemtrails-Verschwörungstheorie in Brandenburg ist dem Innenministerium nichts bekannt

Am Himmel über Frankfurt (Oder)
Am Himmel über Frankfurt (Oder)

Es gibt Agrarflieger, die Dünger oder Insektizide über den Acker niederregnen lassen. Es gibt Hubschrauber, die ein Mittel gegen den Schädling Eichenprozessionsspinner versprühen. Klar. Davon weiß das Innenministerium selbstverständlich. Doch über Chemtrails (Kunstwort aus den englischen Begriffen für Chemikalien und Kondensstreifen) ist dem Ministerium weiterhin nichts bekannt. Ob sich in Brandenburg Organisationen gebildet haben oder ob hier Personen leben, die an eine Chemtrails-Verschwörung glauben und ihre Ansichten verbreiten. Keine Ahnung?

Die Landtagsabgeordnete Andrea Johlige (LINKE) ist bei einer Fahrt mit der Berliner S-Bahn auf das Thema gestoßen. Da saßen zwei Frauen. Die schauten aus dem Fenster und beobachteten ein Flugzeug, hinter dem sich ein Kondensstreifen bildete. »Da sprühen sie wieder«, sagte die eine Frau zur anderen.

Angeblich versprühen Passagiermaschinen oder Kampfflugzeuge Chemikalien, um die Bevölkerung zu reduzieren oder das Wetter zu beeinflussen. Eventuell mischen demnach die Fluggesellschaften und die Luftstreitkräfte dem Treibstoff auch etwas bei, um Flugzeugmotoren effektiver zu machen. Von gefährlichen Nanopartikeln ist dabei die Rede, von einer extrem erhöhten Belastung mit Aluminium und Bor. Dies sei dafür verantwortlich, dass sich Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer ausbreiten und Aufmerksamkeitsdefizite bei Kindern zunehmen. Im Gegensatz zu normalen Kondensstreifen, die sich nach wenigen Sekunden auflösen würden, so heißt es, halten sich die Chemtrails viel länger am Himmel. Daran sei zu erkennen, dass da etwas nicht stimme.

Metrologen und Ingenieure erklären zwar, dass sich Kondensstreifen keineswegs immer schnell verflüchtigen. Es hänge von der Luftfeuchtigkeit, der Temperatur und anderen Faktoren ab. Die Chemtrails-These hält sich dennoch hartnäckig bereits seit den 1990er Jahren.

Auch wenn Johlige nicht vermag, die Anhänger dieser Verschwörungstheorie ernst zu nehmen. Ganz harmlos sei das nicht. »Wer eine Verschwörungstheorie glaubt, der glaubt vielleicht auch eine andere«, denkt sie. Der meint vielleicht, die Bundesrepublik sei kein souveräner Staat, sondern lediglich eine Firma, die Bevölkerung bloß ihr Personal. Dass dafür eine eigentlich leicht durchsichtige, verkürzte Wiedergabe der Unternehmensbezeichnung Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH herhalten muss, stört die Reichsbürger nicht, die sich darauf berufen.

Ob der rot-roten Landesregierung Überschneidungen zwischen Chemtrails-Gläubigkeit und Reichsbürgertum zu Ohren gekommen sind, wollte die Abgeordnete Johlige nun auch durch eine parlamentarische Anfrage erfahren. Zur Antwort erhielt sie: »Überschneidungen mit dem ebenfalls von diversen Verschwörungsfantastereien durchdrungenen Reichsbürger- und Selbstverwaltermilieu sind nicht auszuschließen.« Aber ob es solche Überschneidungen wirklich gibt und ob die Chemtrailsszene womöglich eine Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung darstellt? Da hat das Innenministerium keine Erkenntnisse.

Derweil ist die Vorstellung von Chemtrails auch in linksalternative Kreise eingesickert - so wie es vereinzelt mit der fixen Idee einer BRD GmbH geschah, die sich in mehr oder weniger begründete Vorbehalte gegen die Politik der USA einbauen lässt.

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