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Eine Terroristin?

Benedict Andrews inszenierte an der Komischen Oper Aribert Reimanns Oper »Medea«

Was tust du da, Medea? Gräbst und gräbst in der Erde, als gäbe es nicht genug davon. Rätselhaftes schwingt in deiner Hand, Güldenes wie der Vlies. Soll der verschwinden hier und in Kolchis, deiner Heimat, wiederkehren? Dort, wo die Welt den Frauen wohl? Warum verriet dich Jason, dein Mann, für den du alles hinwarfst? Warum gewährte König Kreon dir kein Obdach? Warum zürnte der Herold dir, Medea, obwohl du nichts angetan dem gekrönten Pelias, der umkam? Was führet Gora, deine Gefährtin, dazu, dich dauernd zu ermahnen? Und deine Kinder? Warum wollen Kreusa und Jason sie dir wegnehmen, wo doch du sie geboren und aufgezogen? Warum blickt alle Welt finster auf dich?

Aribert Reimanns »Medea« rührt an Nerven. Das kommt, weil sie fantastisch komponiert ist. Erdacht von einem höchst wachen Zeitgenossen, der sich jede Note, jede Wort-Ton-Beziehung, jeden Tonfall, jegliche Nuancen genau überlegt. Im Programmheft sind Tagebuchnotizen Reimanns abgeduckt, allein sie weisen auf diese Ernsthaftigkeit.

Der uralte Stoff (Euripides, Seneca) ist in jüngerer Zeit hinlänglich verarbeitet und in die jeweilige Zeit gestellt worden (Grillparzer, Hans Henny Jahnn, Jean Anouilh, Christa Wolf). Ballette, auch Filme entstanden, daneben vokal-instrumentale Kammermusik, große Oratorien (Georg Katzer auf Christa Wolf). Medea-Opern komponierten Rolf Liebermann, Pascal Dusapin, Johanna Doderer und andere. Reimanns Werk (2010) ist keineswegs bloß Glied der Kette. Es ragt hervor. In seiner »Medea« liegen alle Wundmale dieser Welt beschlossen. Der Komponist schrieb den Text selbst, basierend auf Grillparzers Trilogie »Das Goldene Vlies« mit den Trauerspielen »Der Gastfreund«, »Die Argonauten« und »Medea« darin.

Medea sät dem Mythos nach Leidenschaft und erntet Vernichtung. Aus Liebe zu Jason ließ sie alles Vertraute, Liebgewordene fahren: ihr Zuhause, ihren hohen Stand, die familiären Bande, das geliebte Kolchis. Verstoßen, floh sie mit ihm und ihren gemeinsamen Kindern in die Griechenstadt Korinth und erfährt Entsetzliches. Der Prozess ihrer Vernichtung ist Gegenstand der Oper. Regisseur Benedict Andrews muss das immens angesteckt haben. Hochinspiriert, wie er das Werk auf die Bühne brachte. Die Elemente spielen aufs Engste zusammen.

Vorerst wäre das Bühnenbild des Johannes Schütz zu rühmen. Fabrik, leer, mit Teeranstrich, so mutet der Spielraum an. Die flache Mauer fällt ins Auge. Gitter an Wänden, Scheinwerferkomplexe unter der Decke. Alles kahl, schwarz, kalt. Die schwebende Lichtglocke ist gleißende Sonne und entsetzlich kalter Mond in einem (Licht: Diego Leetz). Den Boden bedeckt Schwarzerde aus Torf, gleichsam das Bett der anfangs mit rotem Schleier umherirrenden Medea, Ort, der keinen Schlaf kennt, ein Golgatha ihrer Albträume.

Vorn der Ort der Zerfleischung unter Masken aus Schwarzerde und Gips. Medeas Kinder, geformt aus Plastik (Puppenspiel: Suse Wächter), hin- und hergeschoben, um sie rankt der Streit. Im Hintergrund schwelt eine alte, unaufgeklärte Mordgeschichte. Schuldige werden gesucht. Der Herold in Gestalt des grandiosen Countertenors Eric Jurenas tritt auf, verkleidet als grünstichige Frau, führt sie ins Feld. Als Spiel im Spiel auf der Mauer, darin Medea voll Ingrimm die Rolle der Mörderin zukommt.

Niemand ist besser als Nicole Chevalier, die die Medea singt und spielt, Hundsweib, Verlorene vom ersten Takt an, alleingelassen, schutzlos, vernichtet am Ende. Unglaublich, was sie technisch hervorbringen muss: Weite Lagen, vertrackte Intervallbeziehungen, permanente Atemwechsel, verrückteste Koloraturen, extreme Artikulations- und Ausdrucksweisen. Sie kann das. Zwei Stunden dauert die Oper, zwei Stunden ist sie ständig beschäftigt. Bündel an Kraft und Ausdauer, Agilität und Merkvermögen. Tödliche Rage lässt nicht auf sich warten: »Wer gibt mir den Dolch für sie und mich?« Darauf reißt sie die Mauer ein und tritt über in Feindesland. Heftig pulsierende Partien, vorgebracht in stockenden Melismen hochwärts im Quartbereich, statt barock halbtönig abwärts, entfahren der Ausgestoßenen, bevor sie zur Untat ansetzt. Schwer wiegt der Mord an ihren Kindern. Die sollen in Feindeshand. Eines von beiden solle sie behalten dürfen, heißt es, hört aber, die Kinder würden lieber in Korinth im königlichen Neste an der Seite Kreusas weilen, als bei ihr sein. Das bringt sie endgültig um den Verstand. Blutlos schneidet sie ihren Kindern die Köpfe ab. Hernach richtet sie den Dolch zum Publikum hin. Terroristin?

Hinter ihr Nadin Weissman als Gora in Schwarz. Gora, Medeas Schatten, ist Organ der Selbstverständigung. Sie erzählt Begebnisse, alte Legenden und darauf gründende Verpflichtungen. Gora mahnt und ermahnt ihre Gebieterin. Doch deren Unbotmäßigkeit treibt sie von ihr weg. Nicht selten fahren dunkle Blechbläser zwischen ihre Sätze. Gesucht wird das Goldene Vlies. König Kreon, mit Tochter Kreusa Haupt des Intrigenspiels (Ivan Turšić), ist geradezu erpicht darauf: »Wo ist es?« Medea packt aus. Aber aus der Kiste kommt nur Kram. Sie foppt den König. Der seinerseits verbannt sie letztendlich aus Korinth. Wild gestikulierend, gestützt von dunklem Blech, intoniert Medea ihr Rache-Lied: »Öffne dich, bergendes, hüllendes Grab.«

Oft geht es klanglich in unterweltliche Gebiete. Parts der Basstrompete, der Bassklarinette, der tiefen Harfe, abgründige Sätze in Blech und Holz, Tutti-Attacken im fünffachen Forte wie diverse Geräuscherzeuger führen das vor. An den Rändern vor der Bühne kommen fallweise verschieden gestimmte Chau-Gongs in Anschlag, dazu Schläge auf Stahlplatte, was die Archaik der Vorgänge verstärkt.

Günter Papendell als Jason ist die geborene, selbstverliebte, katastrophenscheue Herrengestalt. Welch göttlicher Irrtum, dass Medea auf sie abfuhr. Auch sein Part voll technischer Tücken. Jason ist die übelste Figur. Dass Medea in widrigste Lagen gerät und hasserfüllt reagiert, geht hauptsächlich auf sein Konto. Jason, auf Ruhm und Geld aus, betrügt sie mit Kreusa, der Königstochter (Anna Bernacka). Seine letzten Ariosi sind knapp besetzt. Nur tiefe Harfentöne und Streicher stehen diesen zur Seite. Kreusa stirbt am Ende in einem flammenden Kleid.

Medea fühlt sich wie die Antigone des Sophokles ausgestoßen aus der Welt. Korinth duldet sie nicht, beschuldigt sie fälschlich der Zauberei, ja mörderischer Mitwisserschaft, gewährt ihr weder Rechte noch Pflichten. Niemand hilft, kein Mannesmut, kein Gott, kein König. Die Verzweifelte, von unendlichem Schmerz gepackt, wider Willen böse gemacht, erfüllt von Hass und Rache, wird zur Furie in irrer Welt. Am Ende, die Kinder tot, der Mann in den Armen einer anderen, steht sie allein und nackt da. Gipsern der Schein der Schale droben, feuerrot ihr Schleier. Unheimlich berührend das endliche Ende. Medea, aufrecht stehend, singt zum Publikum zärtlich die Worte: »Du Armer, der von Schatten du geträumt! Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.« Bedrängend dies Operndrama von Aribert Reimann. Eine ganze Welt liegt darin.

Nächste Vorstellungen: 5., 20., 25. Juni

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