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Im Schlachthof

Der israelisch-ägyptische Sechstagekrieg von 1967.

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Die «grüne Linie» ist heute eine vielbefahrene, staubige Schnellstraße, die sich vom Westjordanland aus wie eine breite Schneise durch das Zentrum Jerusalems zieht, den arabischen Osten, den jüdischen Westen voneinander trennt: Ein städtebauliches Problem ist das, aus heutiger Sicht, eines, das man nicht weg bekommt, weil die Staatsstraße 1 die Verbindung der israelischen Siedlungen im nördlichen und östlichen Westjordanland nach Jerusalem darstellt.

«Früher haben wir die Gegend hier Schlachthof» genannt«, erinnert sich der heute 70-jährige Menachem Zuckerberg, der in den 1960er Jahren seinen Wehrdienst in Jerusalem ableistete; ein gefährlicher Job, auch wenn kein Krieg herrschte: Die »grüne Linie«, wie die einstige Waffenstillstandslinie zwischen Jordanien und Israel bis heute genannt wird, war ein streng bewachtes, durch Stacheldraht und Sprengfallen gesichertes Niemandsland. Dennoch drangen immer wieder Kämpfer der einige Jahre zuvor gegründeten Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO über die Grenzen ein, verübten Angriffe. Und am See Genezareth im Norden schossen Scharfschützen von den damals syrisch kontrollierten Golanhöhen, die direkt vom See steil ansteigen, auf Tiberias und die Kibbuzim rund um den See. »Man hat 24 Stunden am Tag unter Spannung gestanden, die Verantwortung gespürt«, sagt Zuckerberg: »Wir hatten das Gefühl, dass nur Israel ein sicherer Ort vor Antisemitismus ist und dieser Ort von Leuten umzingelt ist, die Israel zerstören wollen.«

Es war eine Gefühlslage, die auch die politischen Entscheidungen, die in den Tagen rund um den 5. Juni 1967 getroffen wurden, maßgeblich beeinflusste: Ende Mai hatte der ägyptische Staatschef Gamal Abdel Nasser die Schließung der Straße von Tiran, einer Meerenge im Roten Meer, für israelische Schiffe bekannt gegeben. Die Hafenstadt Eilat war damit für Schiffe unerreichbar geworden. Kurz darauf wurde bekannt, dass das ägyptische Militär Truppen an der Grenze zu Israel zusammenzog.

»Während der Kabinettssitzungen herrschte damals seltene Einigkeit«, bekundete der damalige stellvertretende Handelsminister Arijeh Eliav kurz vor seinem Tod 2010: »Es wurde kurz darüber gesprochen, wie die internationalen Reaktionen ausfallen würden. Dann waren sich alle einig.«

Am 5. Juni 1967 zerstörte das israelische Militär die Basen der ägyptischen Luftwaffe nahezu vollständig; gleichzeitig begann eine Bodenoffensive auf der Sinai-Halbinsel. Ob Nasser tatsächlich einen Angriff auf Israel geplant hatte oder ob er sich von der, falschen, Information des sowjetischen Geheimdienstes, Israel ziehe Truppen an der syrischen Grenze zusammen, in die Irre führen ließ, ist bis heute umstritten.

Der Syrer Imad al Attar war damals als Soldat auf den Golanhöhen stationiert: »Am Morgen hörten wir plötzlich die Luftsirenen in Israel, und dann gab es im Radio eine Erfolgsmeldung nach der anderen; wir haben gefeiert, so sehr haben wir Israel gehasst; wir hatten auf diesen Tag gewartet, wir wollten Israel zerstören: Die vielen vertriebenen Palästinenser, die Juden, die in ihre Häuser eingezogen sind - für uns war klar, dass Zionisten das absolut Böse sind. Aber gleichzeitig hatten wir das Gefühl dass alle Araber gegen dieses Unrecht vereint sind. Wir haben an den Funkgeräten gehangen und auf den Einsatzbefehl gewartet.«

Die Radiosender der arabischen Welt verbreiteten derweil eine Erfolgsmeldung nach der anderen, zugeliefert aus der Propagandaabteilung des ägyptischen Verteidigungsministeriums - und allesamt komplett erfunden: Man stehe kurz vor der Eroberung Tel Avivs, wurde unter dem Jubel der Massen in Kairo, Damaskus, Amman und Bagdad verkündet. Tatsächlich aber war das ägyptische Militär bereits am Mittag so gut wie besiegt, rückte Israels Militär in den Sinai vor.

Der syrischen Militärführung war die Lage bekannt; das Problem: »Niemand hat sich getraut, Präsident Hafes al Assad die Wahrheit zu sagen«, sagt Mohammad al Sabah, der damals Offizier im Generalstab war, »zu behaupten, dass er von Nasser angelogen worden ist, hätte für den Einzelnen unberechenbare Folgen gehabt. Die Generäle haben sich mit dem Gedanken an den strategischen Vorteil der Golanhöhen Mut gemacht.« Und so ordnete al Assad den Angriff an.

Die Artillerie beschoss den Norden Israels; die syrische Luftwaffe flog Angriffe auf Ortschaften in Galiläa. Doch die Angriffe wurden schnell abgewehrt; am Abend des 5. Juni war fast die gesamte syrische Luftwaffe zerstört.

Jordaniens König Hussein indes trat nur widerwillig auf Druck Nassers in den Krieg ein: Das Verhältnis sowohl zu Syrien als auch zu den palästinensischen Flüchtlingen im eigenen Land war schwierig, Hussein sah in der Nähe zu Ägypten eine Lebensversicherung: Das jordanische Militär beschoss West-Jerusalem und die Region um Tel Aviv; Israels Militär reagierte mit heftigem Gegenbeschuss.

Israels Kabinett diskutierte derweil immer wieder die Frage, wie es weitergehen soll; im Mittelpunkt: Menachem Begin, Vorsitzender der rechtsgerichteten Cheruth-Partei, Minister ohne Portfolio, damals ein Verfechter der Groß-Israel-Ideologie und damit am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums. »Da war dieser Mann, vor dessen Ansichten man meist die Nase rümpfte, und argumentierte: ›Schaut her, was passiert, wenn wir die Anhöhen des Westjordanlands, der Golanhöhen in feindlicher Hand lassen‹«, so Eliav. Am Ende marschierte Israel in Ost-Jerusalem ein, eroberte am 7. Juni Klagemauer und Tempelberg, dann auch das gesamte Westjordanland. So groß war die Siegesgewissheit, dass die Regierung am 9. Juni den Vormarsch auf die Golanhöhen anordnete, der als besonders schwierig und potenziell verlustreich galt.

Doch bereits zwei Tage später unterzeichneten die beteiligten arabischen Regierungen Waffenstillstände; auf der arabischen Seite waren bis zu 20 000 Menschen gestorben. Israel hatte gut 1000 Leben verloren. Golanhöhen, Westjordanland, Ost-Jerusalem, Gazastreifen und Sinai-Halbinsel blieben unter israelischer Kontrolle; gleichzeitig hatte sich aber auch die arabische Position verändert: Fortan ging es nicht mehr um die Existenz Israels, sondern um Gebiete und Grenzen. So akzeptierten Ägypten und Jordanien am 22. November 1967 die UNO-Resolution 242, in der ein Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten gefordert und das Recht eines jeden Staats in der Region anerkannt wird, in Frieden innerhalb von sicheren und anerkannten Grenzen zu existieren.

In Israel diskutierte die damals dominante Arbeitspartei indes darüber, was man mit den besetzten Gebieten anfangen soll; eine Vielzahl von Plänen für das Westjordanland wurde damals entwickelt, die von großflächigen Umsiedlungen der palästinensischen Bevölkerung bis hin zu komplizierten Karten aus Gebieten unter israelischer und jordanischer Kontrolle reichten. Die Militärstrategen entwickelten derweil Pläne für den Bau von Siedlungen in den besetzten Gebieten. Sie sollten militärischen Charakter haben und Angriffe frühzeitig abwehren. Schon kurz darauf wurden die ersten Siedlungen gebaut.

Auf jeden Fall behalten wollte man aber Klagemauer und Tempelberg, denn die Eroberung der wichtigsten Stätten des Judentums hatte eine Welle der nationalen Begeisterung ausgelöst, die von starken religiösen Untertönen begleitet wurde. Diese Verbindung zwischen Religion und Nationalismus vermengte sich auch schnell mit dem Bau der Siedlungen, deren Standorte sehr oft nicht nach strategischen, sondern nach nationalistischen Kriterien ausgesucht wurden.

Damit begann auch eine Neustrukturierung der politischen Landschaft Israels: Menachem Begin stieg schnell zum Anführer jener auf, die vehement dafür eintraten, die besetzten Gebiete zu behalten, offiziell aus Sicherheitsgründen. 1973 gründete er zusammen mit Ariel Scharon den Likud-Block; 1977 gewann man die Wahl. Bereits ein Jahr später vereinbarte Begin dann mit Nassers Nachfolger Anwar al Sadat die Rückgabe des Sinai. Über die anderen Gebiete wird bis heute gestritten.

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