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Der Mensch: Dompteur und dressierter Affe

»Die einen, die anderen« - eine internationale Koproduktion in der Halle Tanzbühne

  • Von Karin Schmidt-Feister
  • Lesedauer: 3 Min.

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Stehende Ovationen für die vierzehn Tänzerinnen und Tänzer aus Berlin und Natal (Brasilien) und das Inszenierungsteam um Choreografin Toula Limnaios. In ihrer ersten gemeinsamen Produktion haben sie sich mit einem aufsehenerregenden tänzerischen Diskurs über reale und utopische Körperbilder beidseits des Atlantiks als universell präsentiert.

Die Berliner Tanzcompagnie der griechischen Choreografin Toula Limnaios tanzt im 21. Jahr ihres Bestehens und tourt weltweit; sechsmal gastierte sie in Brasilien. Bei Workshops begegneten die Berliner 2014 der brasilianischen Compagnie Gira Dança. 2005 in Natal, Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande, von Anderson Leão und Roberto Morais gegründet, ist diese ein Ensemble für zeitgenössischen Tanz mit behinderten und nicht behinderten Menschen. Das neue Tanzstück »die einen, die anderen«, das nun in der Halle Tanzbühne in der Eberswalder Straße seine Premiere erlebte, wurde in zwei Monaten gemeinsamer Recherche in Nordostbrasilien erarbeitet.

Was an diesem Abend verhandelt wird, sind in- und übereinander gelagerte bildmächtige Annäherungen an den menschlichen Körper als Ort des Begehrens und der utopischen Sehnsüchte, die durch die Zwänge der Realität fortwährende Wandlung erfahren. Der Zweiteiler fokussiert jeweils die Protagonisten einer Compagnie in der realen Bühnenaktion, wobei die Abwesenden stets per Videoprojektion - aufregend gedreht und kontrapunktisch montiert von Giacomo Corvaia - präsent sind.

Vor Bildern einer Industriebrache tastet ein Wesen im Pelz affenartig auf den Handballen, bunt Gekleidete stehen im Müll, real tanzt Daeho Lees muskulöser Körper im Licht. Menschen greifen nach den Brüsten einer Frau, Spiel und Bedrängnis, die Gruppe zerfällt in fragmentierte Individuen, während sich das brasilianische Septett im Video eng umschlungen über einem Rollstuhlfahrer auf einem Abrissdach türmt.

In kontrastierenden Parallelaktionen, teils zeitversetzt und mit völlig unerwarteten emotionalen Umschwüngen, kreiert Toula Limnaios mehrfach hochexplosive Crescendi menschlicher Kraftentladung als betörend-verstörende Körperbilder in divergierenden Lebensräumen. Die Berliner verausgaben sich als Selfie-Hipster-Septett im Leerlauf, während im Film eine Kleinwüchsige wütend Lehm schleudert, Dreck frisst. Der Kamerablick erweitert die Selbstbespiegelung und Vereinzelung auf der Bühne: Junge Brasilianer versuchen, die isolierte Enge in Abrissmauern zu überwinden. Körper als gnadenlose Topoi! Göttergleich und fratzenhaft.

Ralf R. Ollertz komponiert sich aufbäumende oder meditativ-surreale Klangwelten. Nur zum berührenden Liebes-Duett der korpulent-schönen Joselma Soares mit dem Mann im Rollstuhl erklingen Originaltöne von Bach. Formvollendet sitzt ein Paar in Rückenansicht. Sie wenden sich um, kurzzeitig irritiert die Beinbehinderung des Mannes, im Yogasitz zum Publikum gewinnen Karolyna Wyrwal und Marconi Araújo ungeteilte Souveränität.

Choreografische Sequenzen der Berliner sind im realen Part der Brasilianer gedoppelt und um neue Bewegungsmuster erweitert. Der Mensch als Dompteur und als dressierter Affe, der Mann im Rollstuhl kippt auf den Boden, erdrückt einen Mann, wird von diesem auf seinen deformierten Beinen wie ein Fakir gehoben; im Film sind Hironori Sugata und Marconi Araújo zum aufrechten Gang fest aneinandergeschnallt. Die kleinwüchsige Schönheit Jania Santos wird zur weiblichen Bestie, mit enormer Power treibt sie das Wutquintett an und attackiert eine gefesselte Frau, die sie von sich stößt. Das brasilianische Septett zelebriert Posen sozialen Zusammenhalts. Auf der großen Leinwand marschieren die vierzehn Protagonisten eng aneinandergeschmiegt mit lachendem Gesicht am sonnigen Meer; auf der dunklen Bühne strampelt, aufgespießt zwischen zwei Beinen, die kleinwüchsige Frau und kommt nicht voran.

»Die einen, die anderen« erweist sich als komplexes Tanzstück, das die Widersprüche in und um uns nicht banalisiert, sondern emotionsgeladen nach dem sucht, was jeden zum Menschen werden lässt.

Nächste Aufführungen: 3. und 4. Juni, Halle Tanzbühne, Eberswalder Straße 10, Prenzlauer Berg.

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