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Standing Rock im Hambacher Forst

US-Aktivisten besuchen Protestcamp im rheinischen Braunkohlerevier

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Durch verschlungene Pfade muss man gehen, um die Baumbesetzer im Hambacher Forst zu treffen. Auf den Wegen durch den Wald kommt man immer wieder an Barrikaden und tiefen Löchern vorbei. Seit gut fünf Jahren kämpfen Klimaaktivisten für die Erhaltung des Waldes, doch der Energieriese RWE rodet in jedem Jahr mehr weg. Der Tagebau Hambach rückt immer näher.

An diesem Pfingstsonntag sind vier Aktivisten aus den USA im Baumbesetzerdorf »Gallien« zu Gast, gemeinsam mit den RWE-Gegnern sitzen sie um ein Lagerfeuer. Viel sprechen sie über die Erfahrungen, die sie in ihren jeweiligen Kämpfen gemacht haben. Die indigenen Wasserschützer aus dem nördlichen Mittleren Westen der Vereinigten Staaten berichten von ihren Protestcamps, an denen teilweise Tausende Menschen teilgenommen haben. Außerdem sprechen sie über die gewaltsame Räumung des Sacred Stone Camps, bei der es über 100 Festnahmen gab. Über brutale Polizeieinsätze können auch die Aktivisten aus dem Hambacher Forst berichten. Zweimal schon wurden ihre Camps geräumt. Doch sie kommen immer wieder. Den Durchhaltewillen haben die beiden Protestgruppen diesseits und jenseits des Atlantiks gemein.

Die Dakota Access Pipeline, gegen die sich der Protest der indigenen Wasserschützer richtet, wurde am vergangenen Donnerstag in Betrieb genommen. Seitdem sprudelt das Öl durch die Rohre. 470 000 Barrel sollen es pro Tag sein, wenn die Pipeline vollständig ausgebaut ist. Nataanii Means, der Sohn des bekannten indigenen Aktivisten Russel Means, sagt, der Kampf gegen die Dakota Access Pipeline sei noch lange nicht zu Ende. Die Aktivisten würden weiterkämpfen, auch stünden noch Gerichtsprozesse gegen die Pipeline an. Außerdem sei die Pipeline nicht das einzige Problem. Man müsse sie in einem größeren Kontext sehen. Indigene seien immer wieder von Umweltrassismus betroffen.

Eigentlich sah es für die Aktivisten von Standing Rock gut aus. Im Dezember hatte der damals noch amtierende US-Präsident Barack Obama den Weiterbau der Pipeline gestoppt. Obama konnte die Kritik nachvollziehen. Der Pipelinebau wurde in kleinen Abschnitten vom US Army Corps of Engineers genehmigt. Eine Prüfung der Umweltverträglichkeit fand nicht statt. Die Sioux aus dem Standing Rock Reservation befürchten, Schäden an der Pipeline könnten das Leben im Reservat unmöglich machen. Eine Verschmutzung des Trinkwassers drohe. Sollten die Wasserschützer Recht haben, ist die Wasserversorgung für über 30 Millionen Menschen gefährdet.

Donald Trump jedoch interessieren all diese Befürchtungen nicht. Schon kurz nach seiner Amtseinführung sorgte er per Dekret für den Weiterbau der Öl-Pipeline. Auch eine seiner Firmen soll finanziell an ihr beteiligt sein.

Aus Anlass von Trumps Absage an die Pariser Klimaschutzziele haben die vier indigenen Aktivisten, die derzeit in Europa über ihren Kampf informieren, einen offenen Brief an den US-amerikanischen Präsidenten geschrieben. Darin erklären sie, dass sie von Trumps Entscheidung nicht überrascht seien. Er habe schon gezeigt, dass er »das Interesse großer Konzerne über das Wohlergehen der Menschen« stelle. Auf ihrer Reise durch Europa wollen die indigenen Aktivisten auch bei hiesigen Banken dafür werben, dass sie sich nicht an umweltschädlichen Projekten beteiligen sollen, da diese zum Völkermord an der indigenen Bevölkerung beitragen würden.

Im Hambacher Forst nehmen die Aktivisten von Standing Rock auch an einem Waldspaziergang des Naturführers Michael Zobel teil. Über 200 Menschen sind an diesem Sonntag gekommen, um sich über die Kämpfe in Dakota und die Zerstörung des Hambacher Forstes zu informieren. Viele Kinder und Jugendliche sind dabei.

Im Dorf der Baumbesetzer fragt ein Teenager seine Mutter, ob er wohl die Nacht bei den Aktivisten verbringen kann. Die Mutter hat nichts dagegen, die Waldschützer auch nicht. Nataanii Means und Rafael Gonzales genießen die Zeit im Hambacher Forst sichtlich. Auf ihrer Tour waren sie schon in Paris, Brüssel und Amsterdam. Gonzales sagt, es sei gut mal wieder so nah bei »Mutter Erde« zu sein.

Der Waldspaziergang geht am späten Nachmittag in einen Auftritt von Means und Gonzales über. Beide rappen über soziale Gerechtigkeit und den Kampf gegen die Zerstörung der Natur. Ihre Botschaft ist eindeutig. Sie wollen nicht von einer besseren Welt träumen, sondern dafür kämpfen, bis sie gewinnen. An diesem Nachmittag dröhnen nur die Bässe aus dem Hambacher Forst und nicht die Motorsägen, mit denen RWE den Wald zerstört.

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