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Vollfarbbälle ballern ins Auge

»Viva Arte Viva« - Impressionen von der 57. Biennale in Venedig

  • Von Ottmar E. Gendera
  • Lesedauer: 6 Min.

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Die Lagune flirrt im Sonnenlicht - am Kai vertäut liegen riesige weiße Jachten vor dem azurblauen Himmel, Hunderte von Millionen Euro an schwerem, verbautem Luxus dümpeln gelangweilt vor der Silhouette der Traumstadt. Venedig ist eine perfekte Kulisse, vor der sich vieles extravagant inszenieren lässt. Lux, Luxus, Luxuria - wie sich Venedig selber anpreist.

Vis-à-vis, etwas eingerückt an einem Canale gelegen, erstrecken sich die Arsenale - die Kriegswerften der ehemaligen Seemacht. Ein Corps amerikanischer Marineoffiziere auf Landgang. An ihren Uniformen schimmern bunte Rangabzeichen. Besucher einer Kunstausstellung? Wer hier zu weit geht, wird von Militärpolizisten gestoppt. Noch immer sind die Arsenale militärisches Sperrgebiet. Doch seit 1895 darf hier temporär alle zwei Jahre die Weltkunst Einzug halten.

In den alten Gemäuern der Schiffswerften und Werkhallen präsentiert sich in diesen Tagen die 57. Biennale als der Flucht- und Treffpunkt der globalen, zeitgenössischen künstlerischen Positionen. »VIVA ARTE VIVA« - mit diesem Hochruf auf die Kunst begrüßt die französische Kuratorin Christine Macel, ansonsten für die Kunst am Centre Pompidou in Paris zuständig, ihre Besucher. Im Vorfeld war dieser Slogan in einigen Medien als »unpolitischer« Gegenpol zur anderen großen Weltkunstausstellung - der »politischen« Documenta in Athen und Kassel - bezeichnet worden. Betritt der Besucher in Venedig also ein Terrain der »L’art pour l’art«?

Hinter einer schwarzen Wand mit eben diesem Postulat eröffnet sich nun der erste Pavillon einer Reihe folgender - der »Pavilion of the Common«. Ein gemeiner Flickschneider begrüßt in der Installation »Mending Project« des taiwanesischen Künstlers Lee Mingwei den Besucher. Das ist wörtlich zu nehmen, denn hier werden an einem riesigen Tisch mit Klamotten die Sachen, die Mann oder Frau am Leibe tragen, geflickt. Oder mit einem Flicken versehen - falls sie noch nicht verschlissen sind. Jedes Textil hat so seine eigene Geschichte. Die meines Hemdes will Dimitri nun genauer erfahren. Wo kommt mein Hemd her? Wo habe ich es gekauft? Während flinke Finger mit einer Stickerei beginnen, entwickelt sich ein Gespräch.

Dimitri Papathanssiou ist Grieche, der in New York lebt. Und vor Jahren in Berlin ein Nina-Hagen-Konzert besucht hat. Und gerade ist er hier in Venedig im »Mending Project« tätig - und zieht mit der Nadel unterhalb der Knöpfe bunte Fäden in die Klamotten der Menschen, die ihm begegnen. Ein entspannter, persönlicher Empfang für eine so gigantische Kunstausstellung. Ein Warm-up wie in einer Therapiegruppe. Eine Geschichte - so nebenher erzählt - verbindet sich mit Millionen anderer Geschichten, die Hemden und Hosen erzählen, zu einer globalen Installation. Willkommen in der Welt der vernetzenden Fäden!

Genäht wurde auch für die gleich gegenüber hängenden, großflächigen Wandskulpturen, die bis zur Decke reichen. Und zwar auf Nähmaschinen in der Rhön. Für viele kam es überraschend, dass der deutsche Künstler Franz Erhard Walther aus Fulda als bester Künstler mit dem Goldenen Löwen der diesjährigen Biennale ausgezeichnet wurde. Ohne die auch handwerkliche Unterstützung seiner Frauen wäre dieser Erfolg kaum möglich gewesen, stellte Walther bei seiner Dankesrede fest. Auch seine metallisch-textilen Werkstücke laden die Besucher ein, mit ihnen zu interagieren. Der Prozess der realen Begegnung, der Spuren hinterlässt, als Teil des künstlerischen Werkes.

Es riecht in den Hallen nach den diversen Stoffen und Materialien, die hier verarbeitet und ausgestellt sind. Bilder von Generationen von Frauen steigen auf, die stickten, häkelten, nähten. Weil sie Mütter und Hausfrauen waren. Bis hin zu spinnenden Nornen, verführenden Musen und Diven und Vamps in glamourösen Gewändern. Und hier sind diese Fäden und Stoffe nun zu bizarren Kostümen und Masken drapiert, zu Kunstobjekten und ganzen Rauminstallationen. Es hängen Objekte an Fäden herab, baumeln in exotischer Umgebung, in Höhlen mit neo-schamanischen Mummenschanz. Das lässt Fragen nach der Tiefendimension dieser Biennale aufkommen.

Nach den explizit politischen Statements der Biennale 2015 des damaligen Kurators Okwui Enwezor, der unter anderem »Das Kapital« von Karl Marx vorlesen lies, sollen nach Worten des Biennale-Präsidenten Paolo Baratta nun mit der Wahl von Christine Macel als Kuratorin den eigenen und eigentümlichen Welten und Universen der Künstlerinnen und Künstler Räume geschaffen werden.

Kaum ein Objekt und kaum ein Ort versammelt diese Intention besser in sich als Ernesto Netos Um Sagrado Lugar (»A Sacred Place«). Ein riesiges, von der Decke herabfallendes, luftiges Zelt, ein chilliger Versammlungsort, den der Brasilianer von Indigenen entlehnte. Der Geruch von ausgestreutem Rindenmulch steigt in die Nase. Eigentlich ein heiliger Treff für dörfliche Zusammenkünfte, für Ayahuasca-Zeremonien. Und wie diese schon längst vom Esoterik-Tourismus ins Programm genommen wurden, dient nun diese Installation der eigenen kreativen Entfaltung der Biennale-Besucher, die auf Bongos schläfrig drauflos trommeln dürfen.

Der Trip durch die quasi archetypischen Regionen des Weiblichen - durch die Pavillons der Erde, der Traditionen, der Schamanen, des Dionysischen endet im Land der Wollknäuele. Im »Pavilion of Colors in Sheila Hicks Escalade Beyond Chromatic Lands« ballern wie aus einer Wollwaschmittel-Reklame gigantische Vollfarbbälle ins Auge des Betrachters. Nun gilt ausgerechnet hier, wo man sich in ein Meer von weicher, flauschiger Fasern hineinwerfen möchte, ein Berührungsverbot. Elektronische Sensorschienen auf dem Boden signalisieren in einem penetranten Piepton, dass hier der Besucher über seine ihm gesetzten Grenzen hinausgeht.

Unweit der Arsenale - in den idyllischen grünen Parkanlagen der Giardini - versammeln sich traditionell die Länderpavillons. Mit Maschinenpistolen beschwerte Soldaten streifen durch die Anlagen und erinnern an Kunst in Zeiten des Terrors.

Dass dieser zur Krise unserer Zivilisation dazugehört wie der Müll, daran erinnert Mark Bradford, der das Portal des US-amerikanischen Pavillons mit einer Müllhalde zuschütten ließ. Da möchte man gleich mitmachen und eine leere Coca-Cola-Dose dazu werfen (die jetzt natürlich nicht zur Hand ist). Wäre auch nicht verboten, wie der Wachmann sagt. Drinnen laufen Videos von sexy walkin’ people, die unbeeindruckt wie auf dem Catwalk durch den Alltagsmüll amerikanischer Großstädte stolzieren.

Nicht so leicht davon kommt man im deutschen Pavillon. In der Performace »Faust« wird der Besucher gleich von in Käfigen gehaltenen Dobermännern begrüßt. Die eindrückliche, fast übergriffige Inszenierung, in der Wasserschläuche und Sicherheitsgurte eine große Rolle spielen, wurde am Eröffnungswochenende ebenfalls mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof sagt von sich selbst, sie sei Malerin und keine Theatermacherin. Ihr Gemälde in Venedig ist unter der Woche allerdings unbespielt und wirkt - trotz doppeltem (Glas-) Boden - dann wie eine die Siesta abhaltende Probebühne.

Im Länderwettstreit der Künste gehen meine zwölf Punkte an Russland. Nicht jedoch, weil sie Ende Mai beim Eurovision Song Contest in Kiew nicht dabei sein durften. Sondern, weil Grisha Bruskin, Sasha Pirogova und die Recycle Group es schaffen, ihre künstlerische Installationen des Symbolischen zu einer beeindruckenden Reise durch den Zeitgeist werden zu lassen.

Die 57. Biennale in Venedig läuft bis zum 26. November.

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