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Karneval der Kulturen: Mauern aufbauen, Mauern einreißen

Großveranstaltung trotzte schlechtem Wetter - und Kritik, zum »Saufevent« verkommen zu sein

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 4 Min.

Gegen den Regen sind Veranstaltende, Teilnehmende und Besuchende machtlos, aber beeindrucken ließen sie sich nicht: Hunderttausende Menschen strömten auch in diesem Jahr zum Karneval der Kulturen nach Kreuzberg. In den Straßen wurde getanzt, geküsst, getrunken, gefeiert.

Dabei war im vierten Jahr in Folge bis zuletzt unklar, ob der Karneval überhaupt stattfinden würde. Aufgrund zahlreicher Großveranstaltungen in Berlin - Kirchentag und DFB-Pokalfinale am Himmelfahrtswochenende sowie das Internationale Deutsche Turnfest an Pfingsten - hatten die Sicherheitsfirmen nicht genügend Personal. Die Organisatoren des Karnevals mussten daher Sicherheitsmitarbeiter aus der ganzen Republik einstellen - was zu Mehrkosten von 185 000 Euro führte. Erst zwei Wochen vor Beginn des Festes versprach der Senat, den Betrag zu übernehmen.

Doch nicht nur die Finanzierung sorgt für Diskussionen. Die Veranstaltung wird zunehmend als bestenfalls inhaltlos und unpolitisch kritisiert. Die »Tageszeitung« fragte dieses Jahr, ob der Karneval, der einst ins Leben gerufen wurde, um gegen Rassismus anzutreten, diesen nicht längst schon selbst reproduziert.

Auch Frank Walter hat keine Lust mehr auf den Karneval der Kulturen: 15 Jahre lang verkaufte er an einem Stand arabische Schuhe. Bis 2016. Nach dem Pfingstwochenende beschloss er: »Das war’s, ich habe keinen Bock mehr.« Zunehmend gestört hatte ihn eine sich ausbreitende Macho-Männer-Kultur. Nachdem er beobachtet hatte, wie zwei Trans-Menschen beleidigt wurden, sei ihm der Beschluss leicht gefallen. Walter nennt aber auch noch andere Gründe: »Zum einen stieg der Suffpegel in den letzten Jahren immer mehr an. Ich finde, ›Ballermanisierung‹ passt ganz gut.« Das Fest locke immer mehr vornehmlich ein Feierpublikum an, so dass seine Umsätze gesunken seien.

Das Verbot von Fremdflaschen, das 2016 eingeführt wurde, begrüßt Walter. Nur: Es sei nicht umsetzbar. »Abends ist alles voller Scherben«. Damit teile der Karneval das selbe Schicksal wie andere Großveranstaltungen in der Hauptstadt - zum Beispiel das »MyFest« zum 1. Mai in Kreuzberg: »Früher waren das spannende und inhaltsvolle Veranstaltungen. Aber nach einer Weile sind dass nur noch Saufevents.«

Nach Veranstalterangaben besuchten in diesem Jahr 400 000 Menschen allein den großen Umzug am Sonntag. Für die Polizei ein unaufgeregter Einsatz mit nur wenigen Zwischenfällen. Etwa 1000 Beamte und Beamtinnen waren auf den Straßen. Das Resultat: Sechs Freiheitsentzüge, wenige Anzeigen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Beleidigungen, Diebstähle, Körperverletzungen. Lediglich einen Vorfall teilte die Polizei über Twitter mit: Ein Mann habe eine Tänzerin begrapscht, und bei der Verhaftung sei ein Messer bei ihm gefunden worden.

Dass im Jahr 2017 eine Veranstaltung nicht gänzlich unpolitisch sein kann, zeigte eine Künstlergruppe aus Mexiko, die eine Mauer aus Pappkarton mehrfach aufbaute und wieder einriss. Klar, Donald Trumps Pläne zur Abschottung gegen Migration aus Lateinamerika ist eines der Themen des Jahres. Aber nicht die USA, auch Europa schottet sich gegen Migranten ab, mit tödlichen Folgen.

Ansonsten wenig Politik: Mal hebt ein Besucher einen CDU/CSU-Regenschirm in die Luft, die Partei »Die Partei« zeigt ein Schild »Inhalte überwinden«, ein einzelner Besucher läuft mit einer Tragetasche der Bundeswehr über das Fest (»Kameradschaft verbindet«), die Luftballons der SPD sind farblich nicht zu unterscheiden von denen des Sponsors Berliner Sparkasse.

Alkohol ist allgegenwärtig, zu sehen an den zahlreichen Verkaufsständen oder an den vereinzelten Betrunkenen. Männer urinieren massenweise auf den Grünstreifen in der Mitte der Gneisenaustraße. Wenn auch nicht schön, doch auch nichts Ungewöhnliches bei einem Fest dieser Größe.

Straßenverkäufer preisen den neuesten Trend für Kinder an, magnetische Kreisel, für das Dreifache des Ladenpreises. An einem Stand gibt es Afroperücken zu kaufen. Fragen nach Rassismus und nach verkauften Mengen will der Verkäufer nicht beantworten.

Beeindruckend ist die Reinigungsarbeit am Ende des Umzugs. Mehrere Arbeiter mit Rechen, Besen und Laubbläser fegen allen Müll auf die Straße, Reinigungsfahrzeuge kehren ihn zusammen. Von den Tausenden Scherben bleibt wenig übrig. Und dass es auf das Zwischenmenschliche ankommt bei einem solchen Fest, beweist die Verkäuferin libanesischer Falafel, die jeder einzelnen der Reinigungskräfte ein Fladenbrot schenkt. Ein Fahrer eines Reinigungsfahrzeugs freut sich besonders und fährt zum Dank einen Kreis. Er scherzt kurz mit der Frau und reinigt zufrieden weiter.

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