Gentrifizierbier

Das Augustiner ist in Berlin überall zu bekommen - das war einmal anders

Berlin ist nicht nur Gastro, Berlin ist vor allem auch Zuwanderung. Seit jeher strömen Menschen aus allen Himmelsrichtungen in die Metropole an der Spree. Was wäre die Stadt ohne all die Schwaben, Kurden, Türken, Italiener, Spanier, Amis und Hugenotten? Sicherlich nicht viel mehr als ein großes Dorf an einem seichten Fluss, vergleichbar mit München: spießig, konservativ, langweilig und sauteuer.

Auch mich spülte es Anfang des Jahrtausends aus der mäßig aufregenden bayerischen Landeshauptstadt an die Ufer der Spree. Einer der ersten Läden, die ich dort kennenlernte, war ein ganz spezieller Club am Landwehrkanal-Delta im einstigen Niemandsland zwischen Kreuzberg und Alt-Treptow. Es war der »Club der Visionäre«.

Doch trieben mich weniger visionäre Klänge dorthin als vielmehr kulinarisches Heimweh. So spießig und erdrückend die »nördlichste Stadt Italiens« im Vergleich zu Berlin nämlich war, nach einem dürstete es damals jeden Exil-Münchner in der Hauptstadt: nach einem kräftigen Schluck Augustiner. Denn dies ist nicht irgendein Bier. Die bauchige braune Flasche, in die es gefüllt wird, gehört zu München wie Astra zu Sankt Pauli oder Sternburg zu Leipzig. Unzählige Jugendbands haben ihm ganze Alben gewidmet, der erste nicht Baileys-induzierte Alkoholrausch eines adoleszenten Münchners wurde meist mit einigen Flaschen dieses Getränks herbeigeführt.

Nur hatten die Exil-Münchner in Berlin zum Jahrtausendwechsel ein Problem: Es war damals mindestens genauso schwierig, im Großstadtdschungel ein Augustiner zu ergattern, wie einer Berliner Thekenkraft den Unterschied zwischen einem Hellen und einem Weizen - a.k.a. Weißbier - zu erklären. Also praktisch unmöglich.

Nur im »Club der Visionäre« wurde damals der Durst nach diesem Gerstensaft gelöscht. Egal, ob aus Mitte, Charlottenburg, Prenzlauer Berg oder Kreuzberg - aus allen Bezirken strömten die Exil-Münchner damals deswegen in den äußersten Norden Alt-Treptows, obwohl niemand auch nur im Traum daran dachte, in diesen unbekannten Ostbezirk zu ziehen. Wieso denn auch? Schließlich gab es damals noch im angesagtesten Szenekiez ganze Paläste für einen Appel und ein Ei zu mieten.

Die ganze Sache begann ungefähr vor zehn oder zwölf Jahren zu kippen. Das Augustiner begann sich in der Stadt auszubreiten, zunächst sah man es auch in der einen oder anderen Kneipe, dann hielt es auch in den Spätis Einzug. Dies war ungefähr zur selben Zeit, als die Mieten anfingen zu steigen - zunächst fast unmerklich, dann immer schneller.

Und jetzt? Das Augustiner gehört mittlerweile zum Standardrepertoire eines jeden Spätis. Wer in sein will, trinkt was anderes. Und in Kreuzberg, Neukölln und Co. sind die Mieten so hoch, dass man nun sagt, Oberschöneweide sei »im Kommen« und Exil-Münchner wollten wieder zurückziehen, weil sie in der Landeshauptstadt eine günstigere Wohnung finden als in der Bundeshauptstadt. Am Ende bleibt der schale Beigeschmack, dass die Gentrifizierung auch etwas mit einem Bier zu tun haben könnte. Prost!

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