Werbung

Protest für ein »abschiebefreies Afghanistan«

Rund 150 Menschen forderten vor dem Innenministerium in Berlin ein Ende der Sammelflüge an den Hindukusch

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Mit dem Bild vom Kampf Davids gegen Goliath lässt sich die Szenerie einigermaßen treffend beschreiben: Eine Gruppe von rund 150 AktivistInnen hat sich am Mittwochabend vor dem Bundesministerium für Inneres versammelt. Klein sehen sie aus gegenüber dem mächtigen Gebäude am Kanzlergarten, gegenüber den unerbittlichen aufragenden Fassaden aus Jurakalk, vor denen sich die Polizei bereits in Stellung gebracht hat. Ein bunter Haufen hat sich hier versammelt, um für ein Ende der Abschiebungen nach Afghanistan zu protestieren.

Dass die Bundesregierung nach dem Bombenanschlag auf die deutsche Botschaft in Kabul Abschiebungen zeitweise ausgesetzt hat, reicht ihnen nicht. Im Gegenteil: Die Explosion einer mächtigen Lastwagenbombe in Kabul vor einer Woche habe nur noch einmal gezeigt, dass wer in Afghanistan lebe, um sein Leben fürchten müsse, schrieben die AktivistInnen in ihrem Aufruf.

Unter den Demonstranten ist auch Sara, eine junge afghanische Frau. Sie steht ein wenig abseits der Kundgebung. Politisch engagiert habe sie sich noch nie, erzählt sie. Aber jetzt sei es einfach zwingend geworden. In Kabul sei ihre Familie von den Taliban bedroht worden. In Berlin sind sie und ihre Familie zwar vorerst sicher – das Damoklesschwert einer drohenden Abschiebung zerrt aber an ihren Gemütern.

Sara sagt, sie würde gerne Thomas de Maizière treffen, den deutschen Innenminister, der sich auf der anderen Seite der Polizeiabsperrungen und hinter den hohen Mauern des Ministeriums befindet. Sie würde ihm gerne begreiflich machen, in welchem Maße seine Entscheidungen das Schicksal ihrer Familie beeinträchtigen. »Er soll mir in die Augen gucken und mir sagen, dass Afghanistan sicher ist«, fordert sie. »Ich verstehe nicht, warum wir gehen müssen, wir, die wir gerade erst angekommen sind.«

"Bleiberecht für alle" und "for the right to come go stay" steht auf den Schildern der AktivistInnen

Ifran Sanders steht nicht abseits, im Gegenteil. Er ist das Epizentrum der Versammlung, bestehend aus afghanischen Geflüchteten, Migranten und denen, die aus Solidarität mit ihnen hier sind. Ifran wirkt gehetzt. Der Versammlungsleiter der Polizei will letzte Absprachen treffen, ein Journalist noch schnell ein Interview und dabei klingelt die ganze Zeit das Handy. Dann greift er sich das Megafon. »Dass die Regierung jetzt einen zweimonatigen Abschiebestopp eingelegt hat, ist ein Zeichen dafür, dass wir mit unserem langen Protest, der anfangs überwiegend von der afghanischen Community, mittlerweile von einer breiten Protestbewegung getragen wird, erfolgreich waren. Natürlich gilt es aber auch jetzt weiterzukämpfen. Für ein abschiebefreies Afghanistan«, sagt der Student.

Seit einigen Monaten ist er in dem »Berliner Bündnis gegen Abschiebungen nach Afghanistan aktiv«. Seit Februar engagiert sich die Gruppe mit Demonstrationen, Kundgebungen und Veranstaltungen dafür, dass die Bundesregierung nicht mehr ins kriegsgeplagte Afghanistan abschiebt. Auch die Kundgebung vor dem Innenministerium haben sie organisiert. Nachdem Ifran gesprochen hat, stürzt er sich wieder in die Diskussion mit einem Polizisten. Die Sicherheitskräfte hatten in Vorgespräch zugesichert, mit der Kundgebung auf der Straße Alt-Moabit direkt vors Innenministerium ziehen zu können. Nun sind die AktivistInnen zwischen Sicherheitsgittern eingeengt und auf den Gehweg bugsiert worden.

Während Ifran über den weiteren Verlauf der Aktion verhandelt, tritt Kassam vor. Ganz in Schwarz ist er gekleidet. Die dunkel geränderte Brille und ein durchdringender Blick geben ihm eine intellektuelle Aura. Kurz betrachtet er die Menge, dann fängt er an zu sprechen: »Je mehr Kriege ihr in unseren Ländern führt, je mehr Menschen ihr dort ausbeutet und betrügt, desto mehr Geflüchtete werden nach Deutschland kommen.« Applaus brandet auf. Auch bei seinen Schlussworten jubelt die Menge: »Ihr habt die Wahl: Entweder ihr hört auf, unsere Länder zu zerstören, oder ihr werdet unseren Widerstand hier vor euren Haustüren zu spüren bekommen.«

Die AktivistInnen sind vor das Innenministerium gezogen.
Die AktivistInnen sind vor das Innenministerium gezogen.

Ifran hat derweil erwirkt, dass die Menschenmenge zumindest für einen Moment direkt vor das Innenministerium ziehen darf. Eigentlich nur fünf von Ihnen, um ein Transparent hochzuhalten. Doch dann strömen sie mit vielen auf die Straße. Die Polizei reagiert nicht schnell genug. Mit einem Transparent ziehen sie vor das Gebäude. »Dass es euch um Menschen geht, ist so sicher wie Afghanistan«, steht dort geschrieben. Ein Fahrradfahrer hält an, liest, kratzt sich an der Stirn und lächelt dann. Kurz sieht es aus nach einem Sieg für die AktivistInnen gegen die gewaltige Sicherheitsarchitektur vor dem Innenministerium. David triumphiert zumindest einen Moment lang in der symbolischen Geste gegen den übermächtigen Goliath. Dann fängt es an, in Strömen zu regnen und die AktivistInnen müssen sich unter einer Brücke zurückziehen.

De Maizière hat Sara übrigens nicht mehr gesehen. Dafür etwas anderes: Mit Menschen wie heute zusammenzukommen, gebe ihr Mut, sagt sie. Mut, dass die Katastrophe, wie sie eine etwaige Abschiebung nennt, ausbleibt. Oder das Warten auf die Katastrophe zumindest noch einige kämpferische Momente bereithält.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!