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Die Vorhölle von Buchenwald

Auf dem Weg zu einer Gedenkstätte für das KZ Sachsenburg gibt es Fortschritte

  • Von Hendrik Lasch, Frankenberg
  • Lesedauer: 4 Min.

Es konnte jeder wissen. In ihrer sächsischen Gauzeitung »Freiheitskampf« druckte die Nazipartei NSDAP in den frühen 1930er Jahren einen Artikel, in dem in hetzerischem Ton Liebschaften namentlich genannter deutscher Frauen mit jüdischen Männern gegeißelt und harte Sanktionen angedroht wurden: eine Einlieferung in das KZ Sachsenburg. Die Nazis leugneten weder dessen Existenz noch den Zweck, sagt Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut in Dresden: »Sie verheimlichten nichts.«

Schmeitzner ist einer der Herausgeber eines Sammelbandes, der Anfang 2018 erscheinen soll und einen bislang einzigartigen Überblick über das Lager geben wird, das das NS-Regime 1934 in einer Textilfabrik an der Zschopau bei Frankenberg einrichtete und an dessen Insassen am Wochenende beim 8. Sachsenburger Dialog erinnert wird. Überlebende werden, anders als bei früheren Veranstaltungen, freilich nicht mehr beteiligt sein, sagt Enrico Hilbert von der Lagerarbeitsgemeinschaft KZ Sachsenburg: »Mit Erich Schade ist 2016 der letzte uns bekannte Häftling gestorben - mit fast 104 Jahren.« Der Leipziger hatte sich erst drei Jahre vorher gemeldet; seine Erinnerungen hätten aber noch festgehalten werden können, sagt Hilbert.

Schade war einer von mindestens 7200 Häftlingen, die bis zur Schließung im Jahr 1937 und der Verlegung der Insassen nach Buchenwald zeitweilig in Sachsenburg interniert waren. Ihre Namen wurden aufwendig in Archiven recherchiert. Bis in die 1990er Jahre sei man von 2000 Häftlingen ausgegangen und habe nur 270 Namen gekannt, sagt Schmeitzner. Doch nicht nur die neue Zahl überrascht die Wissenschaftler. Auch zur Häftlingsgesellschaft gibt es neue Erkenntnisse. Neben politischen Gegnern des NS-Regimes - Kommunisten und Sozialdemokraten - sowie Zeugen Jehovas und Pfarrern der Bekennenden Kirche, die überwiegend aus Sachsen kamen, waren 1937 auch Hunderte »Vorbeugehäftlinge« aus Nordrhein-Westfalen hier interniert.

Das bestärkt die Forscher in der Einschätzung, dass es sich um ein Lager von überregionaler Bedeutung handelt. Zudem sei es das am längsten betriebene der frühen Konzentrationslager in Sachsen gewesen: »Es war deshalb richtig, Sachsenburg in das sächsische Gedenkstättengesetz aufzunehmen«, sagt Schmeitzner.

Der Schritt erfolgte 2012 und ebnete den Weg für die Errichtung einer Gedenkstätte unter dem Dach der Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Um eine solche Anerkennung und die damit verbundene finanzielle Förderung durch das Land hatte die LAG zuvor jahrelang vergeblich gekämpft. Allerdings waren auch mit der offiziellen Anerkennung durch das Land nicht alle Probleme gelöst. Es folgten Verhandlungen über die Eigentumsverhältnisse bei den historischen Gebäuden, speziell der ehemaligen Kommandantur und einem Zellenbau, in dem Wandinschriften erhalten sind. Inzwischen sind die Gebäude an die Stadt Frankenberg übertragen, die über eine Tochtergesellschaft Träger der künftigen Gedenkstätte ist.

Hilbert ist mit dieser Entwicklung zufrieden: »In den vergangenen fünf Jahren ist mehr passiert als in der langen Zeit seit Schließung der alten Gedenkstätte.« Derzeit indes scheint der Fortgang erneut zu stagnieren. Zwar hat die Stiftung mittlerweile Geld für die Erarbeitung des Gesamtkonzepts der künftigen Gedenkstätte bewilligt: Es handelt sich um 24 000 Euro, sagt Sprecherin Julia Spohr. Allerdings hat die konkrete Arbeit nach Kenntnis von Hilbert noch nicht begonnen: »Das ist ärgerlich, weil die Gebäude derweil weiter verfallen.« Die Stadt Frankenberg ließ eine schriftliche Anfrage des »nd« unbeantwortet.

Inzwischen liegen viele der Artikel für den Sammelband bereits vor: Texte zu einzelnen Häftlingsgruppen und ausgewählten Vertretern wie Bruno Apitz und Walter Janka; ein Beitrag von Mitherausgeber Bert Pampel über seinen in Sachsenburg inhaftierten Urgroßvater; aber auch Aufsätze über die Täter - Sachsenburg galt als wichtiges Ausbildungslager der SS, in dem viele Wachleute der späteren KZ wie Buchenwald und Sachsenhausen »ihren Schliff erhielten«, sagt Schmeitzner. Abgebildet werden sollen Fotos aus privaten Alben des KZ-Kommandanten Karl-Otto Koch, die »Machtdokumente aus Sicht der SS« seien. Und es wird einen Beitrag über die internationale Wahrnehmung geben. Vor allem nach der Inhaftierung von etwa 20 evangelischen Pfarrern wurde auch die Presse in Großbritannien und den USA auf Sachsenburg aufmerksam und berichtete umfangreich. Es konnte also keiner sagen, man habe nichts wissen können.

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