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Doch noch eine halbe Sache

Vor 15 Jahren wurde von der Regierung ein Programm zum Aufbau eines Ganztagsschulsystems gestartet. Heute fehlen immer noch verbindliche pädagogische Konzepte. Von Jürgen Amendt

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Das Jahr 2002 sollte ein Wendepunkt in der deutschen Schulpolitik werden. So wurde es jedenfalls von SPD und Grünen versprochen. Durch das Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) der rot-grünen Bundesregierung sollte das deutsche Halbtagsschulsystem in ein Ganztagsschulsystem umgewandelt werden. Rund vier Milliarden Euro stellte die Regierung Schröder für die Haushaltsjahre 2003 bis 2007 zur Verfügung. Mit dem Geld sollten bundesweit 10 000 Ganztagsschulen geschaffen werden. Der Haken: Das Geld durfte aufgrund des Kooperationsverbotes allein für bauliche Maßnahmen von den Kommunen ausgegeben werden; für die zusätzlichen laufenden Ausgaben und die Personalkosten mussten die Länder selbst aufkommen. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) persönlich gab im Juni 2002 - den Startschuss für das Ganztagsschulprogramm und zog mit dem Versprechen, »keine halbe Sachen« mehr zu machen, in den Bundestagswahlkampf.

Nach rund 15 Jahren fällt die Bilanz ernüchternd aus. Von 2002 bis 2016 stieg die Zahl der sogenannten schulischen Verwaltungseinheiten mit Ganztagsangeboten im Primarbereich und in der Sekundarstufe I von knapp 5000 auf mehr als 17 700, womit fast zwei Drittel aller Schülerinnen und Schüler bis Klasse 10 mittlerweile Ganztagsschulen besuchen.

Doch hinter der Statistik steckt noch eine andere Wahrheit: Nur knapp mehr als 6300 Einrichtungen sind »gebundene Ganztagsschulen« mit einer verpflichtenden Teilnahme aller Schülerinnen und Schüler am Ganztagsunterricht und mit entsprechenden pädagogischen Konzepten; das Gros der Angebote besteht aus Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag bzw. aus Freizeitaktivitäten nach Ende des Halbtagsunterrichts.

Der Erziehungswissenschaftler Thomas Rauschenbach zieht daher eine ernüchternde Bilanz. Der Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI) fordert vor allem mehr Ganztagsschulen im Sekundarbereich I. Erziehung und Ausbildung von Jugendlichen werde immer noch überwiegend als individuelle Aufgabe betrachtet, die in den Händen der Familien liege, »Diese Sichtweise greift zu kurz«, so Rauschenbach Anfang Februar dieses Jahres bei der Vorstellung des 15. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung, der unter Federführung des DJI erstellt wurde. Derzeit sei die Ganztagsschule vor allem ein »Betreuungsprojekt für Kinder«, so Rauschenbach. Notwendig seien aber Ganztagsangebote mit bundesweit verbindlichen pädagogischen Konzepten.

Deutschland sei zwar »relativ ›leise‹ und fast nebenbei zumindest zahlenmäßig zu einem ›Ganztagsschulland‹ geworden«, heißt es dazu in dem Bericht, die länderspezifischen Unterschiede seien jedoch nach wie vor groß; die Streuung reiche von über 90 Prozent Ganztagsanteil in Sachsen, Saarland, Hamburg und Hessen bis zu 38 Prozent in Bremen. Den Ganztagsschulen fehle es zudem »offensichtlich an einem Profil bzw. Konzept, das auch Jugendliche anspricht«.

Groß sind die Unterschiede vor allem hinsichtlich der Qualität des Ganztagsangebots. Der Bericht unterscheidet dazu analog zu den Richtlinien der Kultusministerkonferenz (KMK) drei Typen: das voll gebundene Modell mit einer verpflichtenden Teilnahme, das teilgebundene Modell mit der verpflichtenden Teilnahme eines Teils der Schülerschaft sowie das offene Modell, das durch Wahlfreiheit gekennzeichnet ist. Die Länder interpretieren diese Vorgaben auf ihre Art. So entsprechen laut Bericht die gebundenen Ganztagsschulen in Bayern nach den KMK-Kriterien lediglich teilgebundenen Ganztagsschulen. Auf die erheblichen Qualitätsunterschiede vor allem in pädagogischer Hinsicht macht auch eine im April vergangenen Jahres veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung aufmerksam. Unter Leitung des Essener Bildungsforschers Klaus Klemm hatten die Wissenschaftler die Ausstattung und pädagogischen Konzepte der Ganztagsschulen unter die Lupe genommen. Sie kamen zu dem Schluss, dass die einzelnen Bundesländer unter Ganztagsschule etwas ganz Unterschiedliches verstehen. »Der quantitative Ausbau war nicht an einheitliche Qualitätsstandards gekoppelt«, stellten die Forscher fest.

Im Jugendbericht betonen die DJI-Forscher vor allem soziale Aspekte der Ganztagsschule. Trotz einer steigenden Zahl von Schülerinnen und Schülern, die das Abitur erwerben, seien die Aufstiegschancen von Kindern niederer sozialer Herkunft nach wie vor unterdurchschnittlich ausgeprägt. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen erreiche keinen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Dies betreffe besonders den Aufstieg in akademische Ausbildungen. Ein gutes Ganztagsschulangebot könne soziale Benachteiligung ausgleichen.

Für den Bildungsexperten Norbert Hocke müssen auch die Konzepte der Ganztagsschulen auf den Prüfstand. Dazu gehörten beispielsweise Fragen der stärkeren Beteiligung von Jugendlichen in der Institution Schule. Die alten Instrumente der Beteiligung wie die Schülervertretungen seien längst veraltet, sagt der frühere stellvertretenden Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. »Jugendlichen reicht es nicht mehr, nur mitbestimmen zu dürfen, ob ein Getränkeautomat in der Schule aufgestellt wird.« Das habe mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen nichts mehr zu tun. Die Schüler müssen, so Hocke, die Schulordnungen mitentscheiden können, den Schulalltag mitgestalten. »Schließlich sind sie an einer Ganztagsschule mit den Lehrern einen Großteil des Tages zusammen.«

Hocke spricht sich zudem für radikale Änderungen beim Unterricht aus. »Warum muss die Schule um acht Uhr beginnen? Das entspricht nicht dem Lernrhythmus von Jugendlichen gerade in der Pubertät.« Wichtig sei es zudem, dass den Jugendlichen weniger Vorgaben bei den Lernformen gemacht werden. »Kurzum: Die Ganztagsschule braucht weniger Vorschriften und mehr Kooperation!«

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