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Alles umsonst durch Abschiebung

Willkommenskreise sind von der Asylpolitik enttäuscht, würden aber immer wieder helfen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Der typische ehrenamtliche Flüchtlingshelfer in Brandenburg ist weiblich, 55 Jahre alt und berufstätig. Er begleitet Flüchtlinge zum Arzt oder zu Behörden und ärgert sich über die Bürokratie. Fuchsteufelswild wird er, wenn er einem jungen Mann endlich eine Arbeitsstelle und eine Wohnung besorgt hat - und der Zögling dann einfach in seine Heimat abgeschoben wird.

Das sind grob vereinfacht die ersten und wichtigsten Ergebnisse einer Studie zur Situation des Ehrenamts in der Flüchtlingshilfe. Die Untersuchung wurde am Freitag in der Potsdamer Staatskanzlei vorgestellt. Auftraggeberin war die Landesintegrationsbeauftragte Doris Lemmermeier. 106 von 115 Willkommensinitiativen im Land waren gebeten worden, unter den Mitstreitern einen Fragebogen zu verteilen. 512 Bögen sind ausgefüllt zurückgesandt worden.

Doris Lemmermeier hätte nicht gedacht, dass 65,4 Prozent der Flüchtlingshelfer berufstätig sind und ihre aufopferungsvolle ehrenamtliche Tätigkeit noch nebenbei erledigen. Dagegen wundert es sie überhaupt nicht, dass die Helfer mit völligem Unverständnis auf die Abschiebung schon ziemlich gut integrierter Menschen beispielsweise nach Afghanistan reagieren. »Dass kann ich sehr gut nachvollziehen«, sagte Lemmermeier. »Hier ist in erster Linie die Bundespolitik gefragt. Wir dürfen keine Politikverdrossenheit bei denen erzeugen, die sich für das Miteinander in diesem Land einsetzen.«

Einer der Befragten äußerte: »Der Wandel von der Willkommenskultur zu politisch geförderten Ablehnungs-, Abschottungs- und Ausweisungsbestrebungen macht die Arbeit nicht leichter. Geflüchtete geraten zunehmend unter Generalverdacht.« Doch bei allem Frust über solche Zustände sind die Helfer immer noch hochmotiviert mit dem Herzen und mit Spaß dabei. 52 Prozent von ihnen beschreiben die Stimmung innerhalb der Willkommenskreise als gut, zehnt Prozent sogar als sehr gut, und nur vier Prozent melden eine schlechte Stimmung. Dabei sind fast 80 Prozent von ihnen schon seit 2015 dabei. Davon ist die Hälfte bereits vor September 2015 aktiv gewesen, als eine Phase begann, in der die Zahl der in Brandenburg ankommenden Flüchtlinge Rekordwerte erreichte.

Die befragten Bürger helfen vornehmlich aus humanitären Beweggründen oder aus politischer Überzeugung. Einige sind auch einfach nur dazu gekommen, weil sie andere Aktive kennen.

Entmutigen lassen sich die Ehrenamtler nicht. Wenn auch die Nachbarn skeptisch die Stirn runzeln. Insbesondere die Familien und auch die Kollegen stehen hinter ihnen. Die Helfer sind der festen Ansicht, dass es etwas bringt, wenn sie Feste organisieren, Deutsch unterrichten oder Fahrradwerkstätten, Kleiderkammern und Nähstuben betreuen. 96,8 Prozent würden sich aus heutiger Sicht noch einmal in der Flüchtlingshilfe engagieren.

Das findet Sozialministerin Diana Golze (LINKE) erstaunlich. Sie ist begeistert. »Das hohe Engagement und die tief verwurzelte humanitäre Motivation der Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler haben mich sehr berührt«, sagte Golze am Freitag. »Wenn Integration in Arbeit, in Bildung und in den Alltag gelingen soll und wenn wir weiterhin gemeinsam gegen Rechtspopulismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit erfolgreich sein wollen, dann benötigen wir das Engagement auch in Zukunft.«

Einer der vielen Ehrenamtler ist Sebastian Liedtke von »Buntes Lübbenau«. In diesem Bündnis fanden mehr als 100 Bürger zusammen. Liedke erzählte, inzwischen machen auch Flüchtlinge mit, die schon länger in der Stadt sind und nun den neu ankommenden Flüchtlingen unter die Arme greifen möchten.

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