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Die große Trickserei um die Elbphilharmonie

Ein Hamburger Spiel erklärt, wie Baufirmen agieren, der öffentliche Auftraggeber versagt und Architekten kassieren

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 2 Min.

»Wir spielen immer - wer's weiß, ist klug«, heißt es in Arthur Schnitzlers »Paracelsus«. Um einiges schlauer ist man auch nach einer Partie des »Elphi«-Spiels, das die Entstehungsgeschichte von Hamburgs neuem Wahrzeichen, der Elbphilharmonie, simuliert: Drei oder vier Akteure müssen das Konzerthaus mit Kombinationsbausteinen um die Wette nachbauen. Der Sieger hat womöglich rechtzeitig die nach Hamburgs Erstem Bürgermeister benannte »Scholz-Karte« (»Deckel drauf!«) ausgespielt oder profitiert von der »Terrorkarte«, die das Stapeln der Steine abrupt stoppt und den bis dato Führenden zum Gewinner macht.

»Eine glückliche Hand, Diskussionen und eigene Lösungen machen den Reiz aus«, sagt Erfinder Peter Lemcke über sein »Elphi«-Spiel, das er aus Frust über die »absurde Entstehungsgeschichte des Gebäudes« erdacht hat. Während der 15 bis 90 Minuten Spieldauer lernen die Teilnehmer, wie Baufirmen tricksten, die Stadt als Auftraggeber komplett versagte und Architekten sich über Nachfolgeaufträge freuen durften. Den Stoff für die 56 Ereignis-, acht Diskussions- und vier Rollenkarten schöpfte Lemcke aus Berichten des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses und Medienberichten über Pleiten, Pech und Pannen rund um den Bau des Großprojekts. »Mich hat gestört, dass es hier keine Kontrollmechanismen gibt, die so ein Desaster verhindern. In England ist das anders«, sagt Lemcke.

In der Spieleszene ist Lemcke bekannt wie ein bunter Hund. Er trug eine 20 000 Spiele umfassende Sammlung zusammen, die den Grundstock für sein 1986 in Hamburg gegründetes und seit 1995 in Chemnitz beheimatetes Deutsches Spielemuseum bildete. »Ich bin berufsbedingt viel gereist. Dabei habe ich mir vor dem Rückflug immer die Zeit genommen, mit dem Taxi Antiquitätenläden in Rom, Paris, New York oder sonstwo abzuklappern«, erzählt der ehemalige Theater-Regisseur, Filmemacher, Journallist, Kochbuchautor (»Omas Küche und unsere Küche heute«) und Erfinder der Skigymnastik im Bayerischen Regional-Fernsehen.

Bis zum Jahr 2011 stand der heute 80-Jährige »seinem« Museum als Direktor vor. Anschließend zog er wieder zurück in seine Heimatstadt Hamburg.

Was reizt Lemcke seit Kindertagen im ausgebombten Hamburg so stark an Würfel, Spielbrett und den als Pöppel bezeichneten Figuren? »Spiel ist die Widerspiegelung des täglichen Erlebens in komprimierter Form«, sagt er. Der Spielende durchlebe Emotionen und prüfe seine Haltung zur Wirklichkeit, ohne dabei reale Folgen fürchten zu müssen, wenn er aussteige. »Letztlich ist das Spiel ein Weg zur Seele, unabhängig von Beruf und sozialer Schicht.«

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