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Ein Ort des Pflanzens, Säens und Erntens

Gemeinschaftsgarten in München-Neuhausen will auch Kindern zeigen, woher die Lebensmittel stammen

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 5 Min.

Es grünt allenthalben, in einer Ecke des Beetes sprießen die Tulpen, am Obstbaum haben sich die Knospen in Blüten verwandelt und eifrig summen die Bienen. Es ist Frühling im Schrebergarten von Norbert Modl. Der pensionierte Lehrer ist gerade dabei, nach dem langen Winter die Gartenstühle zu säubern. Er ist einer von den 48 000 bayerischen Kleingärtnern und wie viele seiner Kollegen meint er: »Der Garten ist für mich eine Oase der Erholung.« Seit 30 Jahren gartelt er in den Kleingartenanlage »Bahnlandwirtschaft Milbertshofen« im Münchner Norden, ist dort auch stellvertretender Vereinsvorsitzender. Immer mehr junge Familien bewerben sich um eine grüne Parzelle inmitten der Stadt. »Die Nachfrage ist sehr groß«, sagt der Vereinsvize.

Wechsel an die Schwere-Reiter-Straße in Neuhausen. Hier pflanzt Almut Schenk neue Radieschen in ein Hochbeet ein. Auch sie ist Lehrerin, arbeitet an einer Realschule außerhalb Münchens. Auch sie hat sich vor Jahren um einen Schrebergarten beworben. Und noch denkt sie manchmal, »so ein Schrebergarten wäre schon gemütlich«. Wenn ihr die ganze »Orga-Arbeit« über den Kopf zu wachsen droht. »Orga« steht für Organisation. Und es gibt viel zu tun. Denn auch wenn die Realschullehrerin im Garten das gleiche macht wie ihr pensionierter Kollege - rechen, Unkraut jäten, gießen, hegen und pflegen - so ist der Ansatz ein völlig anderer. »O-pflanzt-is« heißt das grüne Projekt auf dem Stück Land unterhalb des Olympiaturmes und was die rund 50 Vereinsmitglieder und viele andere tun, nennt sich auf neudeutsch »urban gardening«. Also garteln in der Stadt, auf Flächen, die bisher anders genutzt wurden.

Der Begriff »urban gardening« kommt aus den USA. Man nutzt dort den Anbau von Gemüse und Blumen, um so den drohenden Niedergang von Stadtvierteln aufzuhalten und dem Fast-Food etwas Frisches entgegenzusetzen, in der ehemaligen Autohauptstadt Detroit etwa. In München geht es eher darum, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten. »Und den Kindern zu zeigen, woher die Lebensmittel stammen«, meint Vereinsvorstand Almut Schenk.

Gegründet wurde der gemeinnützige Verein 2011, als die »urban gardening«-Idee nach München kam. Auf einer brachliegenden Fläche von 3300 Quadratmetern an der Ecke Schwere-Reiter- und Emma-Ihrer-Straße nahm die Idee von einem Gemeinschaftsgarten Gestalt an. Es wurde ein Ort des »Pflanzens, Säens und Erntens, einen Ort der Begegnung und des Lernens, ein Stück Natur in der Stadt, eine kreative Wildnis«, wie es auf der Webseite des Vereins heißt. Oder, wie die Gründerin, Vanessa Blind, damals in ihrer Eröffnungsrede sagte, ein »VIP-Garten: für Vögel, Insekten, Pflanzen«. Mitgeholfen hat der Freistaat Bayern, ihm gehört das Stück Land, das er dem Verein überließ.

Seitdem wird im Gemeinschaftsgarten gesät und geerntet. Jeden Samstag ist der Garten offen für alle, die mitmachen wollen. Almut Schenk ist 2012 dazugekommen, sie war vor allem an der »Outdoor«-Küche interessiert. Die besteht heute aus einer kleinen Holzhütte, doch gekocht wird höchstens Kaffee. Das war früher anders, aber es hat sich gezeigt, dass der Aufwand viel zu groß ist. »Wir haben keine Wasser- oder Stromleitung, richtig kochen ist eher nicht«, so die Lehrerin. Aber dafür gibt es ein paar Schritte entfernt einen richtigen Pizzaofen. Und eine Feuerstelle. Und einen Bauwagen. Und Kinderhütten. Denn der Garten hat sich inzwischen zu einem richtigen Kinderparadies entwickelt. Jeden Sonntag gibt es für die Kleinen ein Programm. Sie haben eigene Beete und die Kindergärten aus der Umgebung machen Ausflüge zum Gemeinschaftsgarten.

Heute sind Almut und ihre Vereinskollegen dabei, die neuen kleinen Pflanzen aus dem Gewächshaus auf die Hochbeete zu bringen. Hochbeete auch deshalb, weil der Boden hier auf dem Gelände zum Gemüseanbau nicht wirklich taugt. Die Beete sind zusätzlich mit einem kleinen Drahtzaun versehen - wegen der vielen Wildkaninchen, die hier herumhoppeln.

Das Ziehen von Radi und das Ernten von Zuccini - garteln wird von den Mitgliedern des »O-pflanzt-is«-Gemeinschaftsgartens schon auch politisch gesehen. Denn »Gärtnern bedeutet Autonomie« heißt es auf ihrer Webseite. Man nehme die Dinge selbst in die Hand. Gärtnern sei zudem die aktive Anteilnahme an der Lebensmittelerzeugung, man setze so Gegenpunkte zur ungebremsten Industrialisierung von Lebensmitteln. Ein Garten habe etwas mit »natürlichem Wachstum« zu tun und sei real, anders als die virtuelle Welt der Banken: »Die angeblichen Gewinne durch rein finanzielle Transaktionen sind eine Illusion.« Und Gärtnern sei die Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Lebens: »Wer gärtnert, lernt, dass sich die Natur nur begrenzt zwingen lässt.« Man lehnt Gentechnik und die Monopolisierung von Saatgut ab.

Mittlerweile hat der Gemeinschaftsgarten ein paar Jahre hinter sich. Man hat Erfahrungen gesammelt. Zum Beispiel mit Regeln. »Man muss sehen, dass nicht jeder macht, was er will«, meint Gärtnerin Schenk. Inzwischen gibt es diverse Führungen und Kurse - zu Wildkräutern, zu Heilpflanzen und dazu, wie man Salben und Tinkturen herstellt. Auch Bienenkurse gibt es. Wohlgemerkt, Bienen- keine Imkerkurse. Denn die Bienen leben im Garten in »wesengerechter Haltung«, ihnen wird kein Honig entnommen.

Soweit also ein grünes Paradies inmitten der Stadt? Schon, aber nicht unbefristet. »Die Stadt will irgendwann auf dem Gelände Wohnungen bauen«, sagt die Vereinsvorsitzende. »Wie es dann mit dem Gemeinschaftsgarten weitergehen kann, wissen wir noch nicht.«

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