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Aus Angst mach Gold!

Das Internationale Olympische Komitee will Olympia im Doppelpack vergeben, weil es eine Bewerberflaute fürchtet

Die Sache scheint beschlossen: Paris und Los Angeles teilen die Olympischen Sommerspiele 2024 und 2028 untereinander auf. Beide hatten sich zwar nur für 2024 beworben, aber das Internationale Olympische Komitee (IOC) mag beide Weltmetropolen so sehr, dass es seine Gepflogenheiten ändert und vor allem die Amerikaner drängt, sich noch vier Jahre zu gedulden. Ursprünglich sollte am 13. September in Lima nur der Ausrichter der Spiele 2024 gewählt werden, nun wird es aller Voraussicht nach zu zwei Akklamationen im Rahmen einer Doppelvergabe kommen.

»Das ist eine goldene Gelegenheit. Man kann sich kaum bessere Kandidaten vorstellen«, sagte IOC-Präsident Thomas Bach über Paris und Los Angeles, als er die Entscheidung der der IOC-Exekutive bekanntgab. Im Juli sollen noch die rund 100 Mitglieder der Vollversammlung seinem Vorschlag zustimmen. Bisher haben die jedoch keinen Plan abgelehnt, den Bach ihnen vorher als Reform verkauft hatte. »Eine Kandidatur ist zu teuer geworden. Das Verfahren produziert zu viele Verlierer«, hatte Bach die aktuelle Änderung begründet. Dabei hätte es diesmal nur einen Verlierer im Rennen um 2024 gegeben. Vor den Spielen 2016 wurden 2008 noch sechs Bewerber vom IOC aussortiert, vier Jahre danach für 2020 waren es immerhin noch vier. Damals hatte sich aber niemand im IOC beschwert, sondern eher noch damit geworben, wie beliebt und begehrt die Spiele doch seien.

Das IOC will jetzt vielmehr um jeden Preis verhindern, beim Rennen um 2028 wieder nur mit fragwürdigen Bewerbern konfrontiert zu sein, die in ihren Heimatstaaten größere Probleme mit der Einhaltung der Menschenrechte haben, so wie es vor der Entscheidung über die Winterspiele 2022 geschehen war. All die Referenden und NOlympia-Bewegungen in Europa und Nordamerika - Berlin, Hamburg, München, Rom, Stockholm, Wien, Oslo, Boston - haben Spuren der Angst hinterlassen. Hier hatten die Bürger in den vergangenen Jahren reihenweise Politikern und Sportfunktionären deutlich zu verstehen gegeben, dass sie Olympia vor ihrer Haustür nicht wollten. Dabei ging es jedoch nie um die Kosten einer eventuell vergeblichen Bewerbung, sondern vielmehr um die erwarteten Kosten, sollte man wirklich den Zuschlag erhalten.

Diese Milliardenausgaben sollte Bachs Agenda 2020 eindämmen, doch sie ist so schwammig formuliert, dass fast jedes Konzept damit werben kann, die Ziele der Agenda umzusetzen. Bestes Beispiel war das Duell zwischen Berlin und Hamburg. Berlin warb mit der Low-cost-Variante, möglichst viele bereits bestehende Sportstätten aufzupeppen. Hamburg hingegen wollte für elf Milliarden Euro einen ganz neuen Stadtteil bauen. Beides gilt beim IOC als nachhaltig und agendakonform. Auch über Paris und Los Angeles sagte Bach jetzt: Sie hätten jeweils auf unterschiedliche Art (!) die Agenda 2020 berücksichtigt.

Alle Städte, die sich für 2028 bewerben wollten, müssen ihre Pläne einstampfen, doch keiner protestiert. Schließlich will sich niemand die Chance auf spätere Spiele verderben. Das IOC hat nun mal das Monopol auf die Spiele und somit eine starke Machtposition. Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat die geplante Doppelvergabe schon begrüßt. Michael Mronz gab sich ebenfalls zufrieden. Er will die Spiele ins Ruhrgebiet holen. »Für unser Konzept spielt uns die Doppelvergabe in die Karten«, erklärte Mronz am Wochenende. Er könne sich nun ganz auf 2032 konzentrieren.

Paris gilt als Favorit für 2024, weil staatliche Finanzzusagen an dieses Jahr gebunden sind. Los Angeles wäre dann vier Jahre später dran. Beide wollten sich zwar nur für 2024 bewerben, doch auch hier übt nun niemand Kritik. Dabei besteht kein geringes Risiko für den Ausrichter 2028. Das Programm, das bei einer Vergabe ohnehin immer noch etwas volatil ist, steht für die Spiele in elf Jahren noch fast komplett in den Sternen. Kämen zu viele neue Sportarten - und damit neue Sportstätten - hinzu, könnte das die Kostenpläne über den Haufen werfen und somit den Ausrichter zur Rückgabe der Spiele zwingen. Das weiß auch IOC-Präsident Bach. »Wir müssen in den Beratungen berücksichtigen, wie wir die eine oder andere Klausel in den Gastgebervertrag einfügen«, sagte er. Das sollte beruhigen, war letztlich aber wieder nur extrem schwammig formuliert.

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