Theodor Bergmann ist tot

Unerschütterlicher Optimist und kritischer Linker: Der Wissenschaftler und Aktivist ist im Alter von 101 Jahren gestorben

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer Theodor Bergmann in den letzten Jahren erlebte, konnte sprachlos werden ob der Agilität dieses Mannes, ob seiner Herzlichkeit, ob dieser sofort im Raum spürbaren Liebenswürdigkeit. Ein Mann, der auf ein ganzes Jahrhundert zurückblicken konnte und immer noch Pläne für die Zukunft machte. Der nicht aufhörte, für eine andere, eine bessere Welt zu streiten, wobei er dieses Streiten auf eine so freundliche und zugängliche Weise beherrschte, die in der Linken doch leider selten ist.

Ein Freund, der Historiker Mario Keßler, hatte ihn, da war Bergmann in seinen Neunzigern gefragt, was er denn angesichts seiner vielen Pläne, der ganzen Vorhaben tun werde, wenn er einmal alt sei. »Es gibt immer genug zu tun«, hat Theodor Bergmann damals geantwortet. »Zum Altwerden habe ich gar keine Zeit.« Er hat sich diese Zeit auch nicht gegönnt. Bis zum Schluss. Es war immer noch so viel zu tun. Am 12. Juni 2017 ist Theodor Bergmann in Stuttgart mit 101 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.

»Mit seinem Tod bricht die personelle Verbindung zur Arbeiterbewegung der Weimarer Republik ab, deren letzter überlebender Akteur und Zeitzeuge er war«, heißt es beim VSA-Verlag, bei dem Bergmann bis zuletzt publizierte. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Baden-Württemberg erinnert an die »entschlossene und stets dem Gegenüber mit Offenheit und Neugier zugewandte Persönlichkeit, sein Einsatz für eine gerechtere und friedlichere Welt, sein Eintreten für einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern«. Und nicht zuletzt an seine Fähigkeit, gerade Jüngere zu begeistern: für Engagement gegen Rechts, für eine solidarische Zukunft.

Bergmann wurde 1916 in Berlin als Sohn eines reformorientierten Rabbiners geboren. Schon früh, da war er gerade zehn oder elf Jahre, schloss er sich der kommunistischen Jugendbewegung an – zuerst im Jungspartakusbund, später dem Sozialistischen Schülerbund, dann der Jugendorganisation der neugegründeten der Stalin-kritischen KP-Opposition um Heinrich Brandler und August Thalheimer. Hier machte er nicht nur politische Erfahrungen, diese frühen Jahre prägten auch das Denken Bergmanns, der sich nicht nur gegen den aufsteigenden Faschismus engagierte, sondern auch die stalinistische Entwicklung in der Sowjetunion kritisierte. »Er suchte nach einer Welt, in der Freiheit und soziale Gerechtigkeit eine Verbindung eingehen. Dies war für ihn Sozialismus«, so formuliert es Mario Keßler.

Die Flucht vor den Nazis führte ihn in einen Kibbuz nach Palästina, zur antifaschistischen Arbeit in die Tschechoslowakei, wo er auch das Studium der Agrarwissenschaften aufnahm, später nach Schweden, wo er oppositionelle kommunistische Arbeit betrieb. Nach der Rückkehr in die Bundesrepublik schloss er sein Studium ab, promovierte über den Strukturwandel in der Landwirtschaft Schwedens und war ab den späten 1960er Jahren an der Universität Hohenheim als Professor für international vergleichende Agrarpolitik tätig. Sein Einsatz für alternative Denkansätze, seine Solidarität mit linken Studenten, die vom Radikalenerlass betroffen waren, machten Bergmann auch über die Uni hinaus zu einem Begriff. Politisch war er das ohnehin. 1981 emeritiert, kümmerte er sich nun verstärkt um die Geschichte der Arbeiterbewegung.

Dass dabei nicht zuletzt die Geschichte der oppositionellen kommunistischen Strömungen im Mittelpunkt stand, war bei Bergmanns Biografie so naheliegend wie fruchtbar. Zumal er nach dem Zweiten Weltkrieg auch in kleineren Nachfolgezirkeln aktiv geblieben und ein lebendiges Gedächtnis dieses Teils der Arbeiterbewegung war. Politisch engagierte er sich nach der Wende in der PDS, später in der Linkspartei. Die Zahl seiner Bücher ist groß, er veröffentlichte zu agrarwissenschaftlichen Themen und zur Geschichte der linken Bewegung – und er schrieb bis zum Schluss. 2016 erschien seine »Autobiografie eines kritischen Kommunisten« in neuer Auflage, erst vor wenigen Monaten lieferte der Verlag VSA seinen »Versuch, eine ferne Entwicklung zu verstehen« aus – ein Buch über den »chinesischen Weg«.

In einer der Überarbeitungen seiner Autobiografie hat Theodor Bergmann sich gewünscht, »auch in den Industrieländern muss der Marxismus weiterentwickelt werden«. Und er verband dies mit ein bisschen Hoffnung. Wenn diese Weiterentwicklung erfolgreich sei, so schrieb er, »dann gehört der sozialistischen Bewegung wieder die Zukunft«. Er sprach von einem »vorsichtigen Optimismus in meinem letzten Lebensabschnitt«. Theodor Bergmann, seine Freundlichkeit und sein Engagement, sein unermüdliches Weitermachen – es wird sehr fehlen.

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