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Flüchtlingsfrauen wollen kochen

In der Notunterkunft im alten Rathaus Friedenau ist eine Selbstversorgung nicht möglich

73 Bewohnerinnen der Notunterkunft für Flüchtlingsfrauen im ehemaligen Rathaus Friedenau fordern in einem offenen Brief an das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) eine schnelle Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Sie kritisieren die Qualität des Essens, das sie dreimal täglich statt Geld bekommen, und nicht verschließbare Zimmertüren. Außerdem haben sie den Eindruck, dass die Heimleitung ihre Probleme nicht ernst nehme. Der offene Brief wurde anonym im Internet auf Deutsch und Englisch veröffentlicht.

In dem früheren Bürogebäude wohnen besonders schutzbedürftige Flüchtlingsfrauen, zum Teil mit ihren kleinen Kindern. Erwachsene Männer wohnen nicht dort. Es gibt 170 Bewohnerinnen und außerdem 130 Kinder, von denen 70 jünger als drei Jahre sind. Den protestierenden Bewohnerinnen zufolge ist das Essen nicht genießbar, nicht kindgerecht, und es werde auch keine Rücksicht auf die besonderen Belange der vielen schwangeren Frauen genommen.

Sascha Langenbach vom LAF sagt, nach dem offenen Brief habe es eine Kontrolle durch seine Behörde gegeben. »Eine mangelnde Qualität des Essens wurde dabei nicht festgestellt.« Allerdings gab es den Hinweis an den Betreiber, den Speiseraum wohnlicher zu gestalten.

Tempelhof-Schönebergs Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) weist darauf hin, dass das Bürogebäude derzeit nur Notunterkunft sei, aber zu einer Gemeinschaftsunterkunft umgewandelt werden soll. Das heißt, es sollen Küchen eingebaut werden, in denen die Frauen ihr Essen selbst zubereiten können. Auch weitere bauliche Verbesserungen sollen kommen, die Vorplanungen seien abgeschlossen. Das Problem: Baufirmen haben volle Auftragsbücher, sodass die Ausschreibung kaum auf Resonanz gestoßen sei und vermutlich wiederholt werden müsse. Ob die Küchen wirklich bis Jahresende fertig sind, wie es versprochen wurde, muss die Bezirksbürgermeisterin offenlassen. Früheren Planungen zufolge sollte der Bau bereits diesen Sommer abgeschlossen sein.

Hans-Jürgen Kuhn unterstützt viele Bewohnerinnen des Heimes ehrenamtlich und kann deren Unmut über das Essen verstehen. »Wenn man schon länger als ein Jahr auf geliefertes, eingeschweißtes Essen angewiesen ist, dann ist jedes Essen schlecht. Aber wir müssen auch ehrlich sagen, dass eine rasche Alternative nicht realistisch ist. Dafür kann der Betreiber nichts.«

Der Betreiber des Heimes, die Soziale Initiative Niederlausitz e.V., hat sogar in einem Nachbargebäude Küchen gefunden, in denen einzelne Frauen gelegentlich einmal für sich kochen können. Allerdings geht das nur in geringem Maß, denn das Land Berlin zahlt Frauen in Notunterkünften kein Geld für Essen, weil das Geld stattdessen an den Caterer geht. Heimleiter Armin Wegner sagt: »Das LAF wünscht keine Selbstversorgung einzelner Bewohner von Notunterkünften, auch wenn das für ganz wenige Ausnahmen möglich wäre.«

Etwa für Frauen, die Arbeit haben und in Betriebskantinen essen könnten - dort kann man zumindest aus verschiedenen Angeboten wählen. Er sei darum mit dem Caterer im Gespräch, damit einzelne Frauen beim Kochen helfen, um so eine landestypische Note und mehr Selbstbestimmung in die Mahlzeiten zu bekommen. Außerdem sollen Essenswünsche berücksichtigt werden.

Der gemeinnützige Betreiber ist durchaus für die Bewohnerinnen engagiert. So organisiert er gemeinsam mit zwei ehrenamtlich tätigen Psychotherapeutinnen eine Traumagruppe und eine psychische Stabilisierung einzelner Frauen. Heimleiter Armim Wegner war nach eigenen Angaben auch mit den Frauen im Gespräch, die protestiert haben.

Integrationslotsen des Bezirks machen die Erfahrung, dass sich Unmut und Proteste in Notunterkünften in letzter Zeit häufen - anders als in Gemeinschaftsunterkünften. »Es gibt dann auch Unterstützergruppen in Berlin, die den unzufriedenen Flüchtlingen suggerieren, die Bedingungen würden sich zuerst dort verbessern, wo man am lautesten protestiert«, sagt die Integrationslotsin.

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