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Klasse? Aber bitte kritisch, nicht heroisch

Das lange Echo Eribons: Von »neuer Klassenpolitik« und alten Fragen, Möglichkeitsräumen und falschen Entgegensetzungen

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 8 Min.

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In linken Kreisen ist es derzeit ziemlich populär, von »neuer Klassenpolitik« zu reden. Das hat einerseits etwas mit der Rezeption von Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« zu tun, andererseits mit den Wahlerfolgen rechter Parteien in den »popularen Klassen«, wie Mario Candeias vom Institut für Gesellschaftsanalyse sie nennt. Die Erzählung lautet: Die Linkspartei erreiche große Teile der Arbeiterschaft nicht mehr, deshalb fehle einem strategischen milieuübergreifenden Bündnis das gesellschaftliche »Unten«. Von »klassenspezifischer Entmutigung« ist die Rede, und eben immer wieder: von der Notwendigkeit einer »neuen Klassenpolitik«.

Bleibt die Frage: Was bitteschön soll das eigentlich sein? Wie verhält sich die »neue« zur bisherigen, also dann als »alt« gedachten Klassenpolitik? Was ist das überhaupt genau: die Klasse? Wie setzt sie sich zusammen, wer gehört dazu? Und ist das eine Frage sozialstatistischer Indikatoren, der »objektiven« Interessen, der Stellung im Produktionsprozess - oder vor allem eine der Selbstbeschreibung von Menschen, die mit ihren Alltagssorgen und dem täglichen Widerstand gegen die Zumutungen des Kapitalismus zu tun hat?

Eribon und eine falsche Rezeption

Nicht zuletzt: Wie verhält sich der Ruf nach »neuer Klassenpolitik« zu den letzten Jahrzehnten linken Agierens in der Gesellschaft? Denn auch das ist wahr: Eine in linken Kreisen keineswegs ganz selten anzutreffende Rezeption von Eribons Buch läuft zugespitzt darauf hinaus, als »Argument« gegen die Geländegewinne der »kulturellen Linken« in Stellung gebracht oder als Antidot zur Identitätspolitik missbraucht zu werden. Das hat mit Didier Eribon nicht viel zu tun, aber dass sich Interpretationen verselbstständigen, kennt die Geschichte der Linken ja zuhauf.

Gesagt werden kann aber auch: dass über Klasse, Klassenpolitik und Klassenhandeln wieder mehr gesprochen wird, ist kein Nachteil. Ein Beispiel dafür ist das aktuelle Debattenheft der Linkspartei-Strömung »Sozialistische Linke«, das den Titel »Klasse neu denken« trägt und sich auf über 50 Seiten um das Thema dreht, das auch die Sommerakademie der Strömung dominiert. »Lange Zeit wurden Diskussionen zum Thema Klasse, Klassenpolitik und Klassenkampf auch in der Linken nur wenig geführt«, heißt es da. Zwar habe man soziale Interessen der Lohnabhängigen programmatisch vertreten, zugleich sei es aber nicht oder zu wenig gelungen, diese Schichten »auch tatsächlich zu erreichen und für linke Politik zu gewinnen«. Warum ist das so?

Das Heft sucht darauf Antworten - ohne in »Anti-Intellektualismus zu verfallen«, ohne »die alte Diskussion über Haupt- und Nebenwidersprüche zu wiederholen«, also gar nicht erst Klassen- und Identitätsfragen als Getrenntes zu betrachten. Dabei wird auch über allgemeine Klagen, es fehle an einer empirisch fundierten »Gesamtuntersuchung der Klassenverhältnisse«, da nur daraus »eine erfolgreiche Klassenpolitik entstehen« könne, dass der Anteil von Arbeitern und Angestellten in Parteien wie der SPD »dramatisch zurückgegangen« sei und auch die Linkspartei »eine eher akademisch geprägte« Organisation ist, durchaus hinausgegangen.

Klassenbewusstsein: Was ist das und wenn ja wie viele?

Stefanie Hürtgen vom Institut für Sozialforschung der Universität Frankfurt am Main nimmt eine vereinfachende Interpretation des Begriffs »Klassenbewusstsein« auseinander und skizziert die Widersprüche im Alltagsdenken von beschäftigten: Diese sind dem Verhältnis von Kapital und Arbeit nicht bloß ausgeliefert, sie reproduzieren dieses auch durch ihr Handeln. Mehr noch: Sie haben »weitreichende Vorstellungen von einer guten und gerechten Gestaltung von Arbeit und Gesellschaft«, ihr Denken und Handeln eröffnet also einen alternativen »Möglichkeitsraum«, zugleich aber »gehen Wut und Empörung trotz alltäglicher größerer und kleinerer Arbeitskämpfe mit insgesamt wachsenden Ohnmachtsgefühlen einher«.

Thomas Goes, der am Soziologischen Forschungsinstitut in Göttingen arbeitet, verweist in seinem Beitrag für das Debattenheft auf die bisweilen schwer auszuhaltenden Widersprüche von Klassenpolitik selbst: am Beispiel der »autoritären und entsolidarisierenden Reaktionen, mit denen sich Teile der unteren Klassen durch Abwertung der ›Anderen‹ selbst erhöhten, zum Teil eigene Benachteiligungserfahrungen innerhalb der prekarisierten Arbeitsgesellschaft reaktionär verarbeiteten«. Gemeint ist hier der Aufschwung rechter Aufmärsche: »auch das war insofern Klassenpolitik, als soziale Fragen durchaus eine Rolle spielten«. Goes verweist zudem auf seine Studie zu gewerkschaftlichen Solidaritäts- und Mobilisierungspotenzialen von prekarisierten Beschäftigten, wo sich »fremdenfeindliche und exklusiv-solidarische Verarbeitungsweisen, an die der rechte Populismus anknüpfen kann, auch bei Betriebsräten und gewerkschaftlich Aktiven« fanden.

Kritik am Linkspopulismus

Im Gegensatz dazu gebe es allerdings »auch vielfältige Ansätze eines demokratischen Klassenkampfes, die zu Ausgangspunkten einer popularen Klassenpolitik von links gemacht werden könnten«, glaubt Goes - pocht aber darauf, dass eine solche Klassenpolitik »auf antirassistischer und feministischer Grundlage entwickelt werden« müsse. Praktische Organisierungsarbeit sollte dazu »mit einem sozialen Programm, Kampagnen für Demokratisierung und einem politisch-kulturellen Kampf gegen exklusive Solidarität, ausgrenzende Ideologien und autoritäre Lösungen« verbunden werden.

In eine ähnliche Richtung argumentiert auch Alex Demirović, der noch einmal daran erinnert, dass sich die Linke keinen Gefallen tue, »wenn sie Klassenpolitik und Identitätspolitik gegeneinander stellt und nicht deren innerem Zusammenhang nachgeht«. Ob nun Rassismus, Sexismus oder staatliche Verfolgung und medizinische Gewalt: »Alle diese Momente des Lebenszusammenhangs der verschiedenen Gruppen der Lohnabhängigen sollten nicht voneinander isoliert werden. Sonst besteht die Gefahr der Verengung des Verständnisses von Klasse und falscher Spaltungslinien.«

Die Klasse ist vieles, nur keine Einheit

»Es wäre auch falsch sich die ArbeiterInnenklasse als Einheit vorzustellen«, schreibt Demirović. Die Linke müsse zudem mehr wahrnehmen, »wie Macht- und Herrschaftsverhältnisse die ArbeiterInnenklasse selbst durchziehen und prägen.« Das könne auch dabei helfen, den in der linken Geschichte häufig begangenen Fehler zu vermeiden, »nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen, der es erlaubt, verschiedene Interessen zusammenzubringen: die sogenannten ›objektiven Interessen‹«. Die Objektivität bestehe »nicht allein aus der Stellung in den Produktionsverhältnissen und der Verfügung über die Produktionsmittel; die Objektivität kann nicht auf ökonomische Interessen und Marktpositionen reduziert werden«.

Klassen werden stattdessen »durch die Gesamtheit der ökonomischen, politischen und kulturellen Verhältnisse und in ihrem Verhältnis zueinander bestimmt«. Das drückt sich in Interessen aus, die sehr unterschiedlich sein können: »sichere Arbeitsplätze, die Höhe der Löhne und gleiche Entlohnung bei gleicher Arbeit, kürzere Arbeitszeiten, die Pausen-, Überstunden- oder Urlaubsregelung, Qualifikation und Aufstiegsmöglichkeiten, Schutz vor Schikanen durch Vorgesetzte, einen geregelten Normalarbeitstag und Selbstbestimmung bei der Arbeit, die steuerlichen Belastungen, die beruflichen Perspektiven der Kinder, betreuungsbedürftige Angehörige, die privaten Beziehungen, die Entwicklung der Stadt oder der Region und viele andere.«

Noch eine bedenkenswerte Anmerkung von Demirović in Zeiten, in denen die »neue Klassenpolitik« mitunter recht vereinfacht als einfache »Wiederzusammensetzung« von sozialer und kultureller Frage missverstanden wird: »Nicht alle diese Ziele lassen sich in jeder Phase des Klassenkampfes zusammenbringen.« Zumal dann, wenn auch die Lebensformen »der Klasse« sehr unterschiedlich sind und sich mit der kapitalistischen Dynamik ständig ändern.

Wer will schon der Klasse zugehören?

Demirović kommt noch auf einen anderen Widerspruch zu sprechen, ein Dilemma: »Das Unangenehme der Klassenzugehörigkeit ist, dass es auf ein zwingendes Verhältnis verweist, die materielle Abhängigkeit von anderen und vor Augen führt, dass die Individuen trotz aller intellektuellen Kompetenzen, trotz der Freiheit und Gleichheit, trotz Demokratie einem übermächtigen Ganzen unterworfen sind«. Anders verhalte es sich »im Fall der Zurechnung zu Geschlecht oder Nation, die den Menschen durch jahrhundertelange überlieferte und täglich erneuerte Herrschaftspraxis nahegelegt und von den Herrschenden selbst positiv besetzt werden«.

Was aber macht die Linke, wenn viele Menschen »nicht einer sozialen Klasse zugerechnet werden« wollen oder sich ihr zurechnen? Die Linke stehe vor der Aufgabe, so formuliert Demirović das sich daraus ergebende Dilemma, »für die Einsicht zu argumentieren, dass die Menschen einer Klasse zugehören, während sie doch gleichzeitig für die Abschaffung aller Klassen als ein maßgebendes Verhältnis zwischen Menschen eintritt – so wie es auch um die Abschaffung solcher die Individuen beherrschenden Identitätsformen wie ›Rasse‹, ›Nation’ oder ›Geschlecht‹ geht.« Der Ausweg: ein um die verschiedenen Herrschaftsformen angereichertes, kritisches – nicht heroisches – Verständnis von Klasse.

Brot und Butter - oder: Brot, Butter und das ganze Leben?

In weiteren Beiträgen erklärt Ceren Türkmen, warum Antirassismus und Klassenkampf durch den derzeit oft als Option beschriebenen Linkspopulismus nicht zusammen gebracht werden. Dieser bleibe ebenso wie die auf den Nationalstaat bezogene Rhetorik »innerhalb eines bürgerlich-liberal-konservativen Ordnungsrahmens« und könne »die Verschränkung von Migration, Rassismus und Klassenkampf nicht verstehen«. Kübra Çığ untersucht den Zusammenhang zwischen Rassismus, Klasse und Geschlecht; Sophie Luise Dieckmann widmet sich der Frage, wie die Digitalisierung auf Klassenverhältnisse durchschlägt.

Außerdem ergänzen Thesen zur Klassenpolitik, Politikerstatements und Streitgespräch zwischen Mitgliedern des Sprecherrates der »Sozialistischen Linken« das Heft. Hier wird dann auch recht offen der in der Linkspartei schwelende Dissens angesprochen - zwischen denen, die, wie es die Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke zusammenfasst, zwischen »Brot und Butter«, also sozialen Fragen, und »dem ganzen Drumherum« eine Brandmauer ziehen wollten, und denen, die sagen: »Es geht immer um Brot und Butter, aber eben für alle Teile der Klasse und in Verbindung mit den anderen Themen.«

Was das für die Praxis einer Partei bedeutet, die bestimmten organisatorischen und politischen Logiken unterworfen ist, vor allem wenn es um eine Öffnung den »popularen Klassen« gegenüber geht, kann man in dem Heft nachlesen. »Ich möchte nicht, dass wir eine linksgrüne Partei werden«, sagt da der Leiter des Bereichs Politische Bildung in der Bundesgeschäftsstelle, Heinz Hillebrand. Und die hochschul- und wissenschaftspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag antwortet: »Ich finde es aber nicht hilfreich, gegen eine vermeintliche ›Kulturlinke‹ einen komischen Rückgriff auf die ›soziale Linke‹ zu machen. Sondern wir müssen uns dieser Heterogenität stellen.«

Klasse neu denken. Debattenheft der Sozialistischen Linken. Hier zum Download als PDF.

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