Effizient vom Tag der Geburt an

Immer mehr Großstädter entdecken die Imkerei für sich

  • Von Celestine Hassenfratz (Text und Fotos)
  • Lesedauer: 8 Min.

Das Leben der jungen Maja beginnt mit harter Arbeit. Kaum ist sie auf der Welt, wird sie als Putzfrau tätig. Sie reinigt die Wabenzellen, aus denen sie gerade erst entschlüpfte, und kümmert sich ohne Murren um den Nachwuchs. Effizienz vom ersten Tag an. Majas Leben wird kurz und arbeitsreich sein. Dass sie nicht nur eine Königin, sondern mit Frank Methien noch eine andere Art Vorgesetzten hat, das weiß die Biene nicht.

Frank Methien ist Imker in Köln, auch wenn er sich lieber »ein Feuerwehrmann, der imkert« nennt. Maja und ihr Bienenvolk leben in der Kölner Südstadt, wenige Meter entfernt fließt der Rhein. Durch ein schmales, bewachsenes Tor tritt man ein in Franks Stückchen vom Paradies. Frank stellt sein gelbes Postlerrad ab. Vorne im Korb liegt der Imkerschleier, in der Hand hält er eine Kaffeetasse, die er von zu Hause mitgebracht hat. Sein Schrebergarten liegt nur wenige Meter von seiner Wohnung entfernt. An den Bienenstöcken im hinteren Teil des Gartens herrscht reger Betrieb. Mittlerweile ist es warm genug. »Bienen fliegen erst ab zehn Grad«, erklärt Frank und beginnt zu erzählen, wie ihn der Zufall zum Imkern brachte. Der Wunsch, sich wieder mehr mit der Natur zu verbinden, trieb ihn schon lange um. Als Feuerwehrmann ist Frank damit beauftragt, wilde Schwärme aus Aufzugschächten oder Balkonkästen zu klauben. »Für den Städter sieht das bedrohlich aus, wenn so ein Schwarm abgeht, dabei ist es das nicht«, sagt Frank. Die Biene falle den Menschen nie an, wenn, dann seien es Unfälle, wenn man eine Biene aus Versehen quetscht oder tritt. »Es gibt Züchtungen, da kann man sich nackt danebenstellen, die machen gar nix.«

Als Dank für die Einsätze der Feuerwehr bot der Kölner Imkerverband an, einige Bienenvölker auf dem Feuerwehrgelände aufzustellen. So kamen die Bienen zu Frank und sein Interesse am Imkern wurde geweckt. 2010 beschloss er sein Label »Bienwerk« zu gründen, er wusste nicht mehr wohin mit dem ganzen Honig. Mittlerweile ist Frank Methien Herr über 18 Völker, im Sommer sind das bis zu 720 000 Bienen, im Winter nur rund 5000.

Frank Methien ist mit seinem Hobby in guter Gesellschaft. In Deutschland gibt es 120 000 Hobbyimker. Berufsimker, die eine dreijährige Ausbildung zum Tierfachwirt Imker absolviert haben, gibt es nur etwa 200.

Bienen nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt zu halten, ist nicht neu. »Diesen Trend gibt es seit etwa sieben Jahren«, sagt Petra Friedrich vom Deutschen Imkerbund. Besonders jüngere Menschen in der Stadt befassen sich mehr und mehr mit Naturthemen, so Friedrich. Neben Bewegungen wie dem »Urban Gardening«, das zur Selbstversorgung mit regionalem Obst und Gemüse beiträgt, kam das »Urban beekeeping«, das Halten von Bienen in der Stadt. Die Mitgliederzahlen des Deutschen Imkerbundes sind in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. In großen Städten wie Berlin und Hamburg sogar um bis zu zwanzig Prozent. In Köln gibt es mittlerweile rund 400 »Urban beekeeper«.

»Die Biene ist eigentlich nutzlos in der Stadt«, sagt Frank. »Sie bestäubt ein paar Linden, ein paar Obstbäume, das war’s.« Wirklich wichtig für das Ökosystem ist die Biene auf dem Land. 80 Prozent aller Pflanzen sind auf die Bestäubung der Bienen angewiesen. Wenn die Biene also wirklich vom Land in die Stadt umzöge, wäre das fatal. Im Gegenteil: Die Biene muss zurück aufs Land. Doch der Lebensraum dort wird für die Bienen immer schwieriger. Monokulturen, kilometerlange Rapsfelder etwa, und der Einsatz von Pestiziden und gebeiztem Saatgut, zerstören nach und nach den Lebensraum der Bienen. Sterben deshalb die Bienen aus, und wir müssen zukünftig Bäume von Hand bestäuben? »Es gibt kein allgemeines Bienensterben«, erklärt Friedrich. Zumindest bei Honigbienen sei das mit Zahlen so nicht belegbar. Im Gegenteil, die Völkerzahlen stiegen. »Wo ich den Begriff ›Bienensterben‹ unterschreiben kann, ist bei Wildbienen«, so Friedrich. Dort sei die Population bereits stark dezimiert. Von den 560 in Deutschland registrierten Arten leben viele nicht mehr oder stehen bereits auf der Roten Liste. Dies liegt zum einen am fehlenden Nahrungsangebot, zum anderen an den fehlenden Nistmöglichkeiten für die Bienen.

Die Honigbiene als domestiziertes Nutztier ist also im Gegensatz zur Wildbiene nicht vom Aussterben bedroht. Worunter die Honigbiene jedoch zu leiden hat, sind hohe Winterverluste von ganzen Bienenvölkern. Bis zum Sommer hat sich der Bienenbestand zwar dann oft wieder erholt, die verlorenen Völker werden von den Imkern mit Jungbevölkerung ersetzt. Auswirkungen haben die hohen Winterverluste aber dennoch. Zum einen reduzieren sie im Folgejahr häufig die Ernte von Frühjahrshonig durch fehlende Sammelbienen und zum anderen fehlen die Bestäuber in der Landschaft, sodass landwirtschaftliche Erträge geringer sind. Grund für die hohen Verluste ist unter anderem ein millimetergroßer Feind der Biene: Die Varroa Destructor, eine Milbe, befällt die Bienen und führt zu ihrem Tod. Einfluss nehmen können die Imker nur bedingt, indem sie versuchen, die Varroamilbe zu bekämpfen.

»Imkern ist kein Backrezept, das ist ein weites Feld«, sagt Frank und atmet tief durch. »Ein Feld, wo sich viel diskutieren lässt.« Als Frank mit der Imkerei begann, belegte er Kurse und begleitete andere Imker bei der Arbeit. Aber nicht alle Imker informieren sich so umfassend über ihr neues Hobby. 2016 gingen die überproportionalen Steigerungsraten der Hobbyimker erstmals wieder zurück, da es nicht immer nur positive Meldungen zum Stadtimkern gibt. »Bienenhaltung in der Stadt ist möglich, wenn sie ortsüblich ist«, sagt Friedrich und meint, dass Balkonhaltung von Honigbienen nicht ideal sei. Immer wieder kam es in Städten auch zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, Nachbarschaftsklagen, die zu Aufstellungsverboten führten. Friedrich rät Neuimkern, sich in einem regionalen Imkerverband zu vernetzen und registrieren zu lassen, wo die Völker stehen, auch um eine zu hohe Völkerdichte und damit die Ausbreitungsmöglichkeiten von Seuchen zu verhindern.

Ortsüblich positioniert sind sicher nicht alle Völker, die Frank hat, beschwert hat sich bisher aber noch niemand. Eines seiner Völker steht im Garten des Kölner Erzbischofs Kardinal Woelki. Die Belegschaft hatte dem Bischof zum Geburtstag eine Freude machen wollen und Frank damit beauftragt, die christlichen Bienchen zu betreuen. Ein anderes Volk steht bei einem Kölner Café. Selbst zwischen Kuchenkrümeln und Holunderlimonade leben die Bienen friedlich mit den Städtern zusammen. »An den Kuchen gehen nur die Wespen. Die Bienen wollen Blüten.« Um die Völker kümmert sich Frank wöchentlich je eine halbe Stunde, im Winter machen die Bienen keine Arbeit.

Es ist Ende Mai, das Bienenjahr ist bereits voll im Gang, Apfelbäume, Lavendel und Flieder stehen in der Blüte. Im Bienenstock hat die Arbeitsbienenvermehrung begonnen. Biene Maja ist eine von ihnen. Nach ihrer Tätigkeit als Putzfrau, beginnt die Biene, sich um die Aufzucht der Maden zu kümmern. Sie füttert sie mit Bienenbrot, bestehend aus Honig und Blütenpollen. In ihrem kurzen Leben von 35 Tagen wird die Biene noch öfter ihren Berufsstand wechseln. Sie wird ein paar Tage als Baubiene tätig sein und mit ihren Wachsdrüsen Wachs produzieren, um Waben zu bauen. Später wird sie als Wächterbiene arbeiten und das Flugloch bewachen, um schließlich als Sammelbiene von Pollen und Nektar nach einem arbeitsreichen Leben zu versterben. »Jeder versucht, sich in dieses Insekt reinzudenken und es zu verstehen«, lacht Frank und sagt, dass der Mensch dafür viel zu klein sei. Er selbst versuche, naturnah zu arbeiten und so wenig wie nötig einzugreifen. Die Kritik von Veganern an der Bienenhaltung für die Honigproduktion kann Frank nicht verstehen, er kümmere sich schließlich um die Erhaltung der Bienen, schütze sie vor Milbenbefall und füttere statt Honig Zuckersirup zu. »Wenn niemand Honig kaufen würde, hätte der Imker gar kein Interesse mehr, sich um die Bienen zu kümmern.«

Berichte von Bienen, die zur Bestäubung von saisonalen Blüten durch das Land gekarrt, über Königinnen, deren Flügel gestutzt werden, damit sie nicht mit einem Schwarm das Volk verlassen, und über das Abtöten ganzer Völker bei zu schwacher Leistung, das alles habe mit der Imkerrealität in Deutschland nichts zu tun. Um solche Horrorberichte zu verhindern, sollte der Verbraucher jedoch lokal kaufen, um die hiesigen Imker zu unterstützen. Denn schon jetzt sind zwei Drittel des in Deutschland konsumierten Honigs aus dem Ausland importiert. Gegen den Billighonig aus dem Discounter kommt deutscher Imkerhonig preislich nicht an.

»Schwache Leistung Mädels«, Frank steht an der Bienenbeute, er hat den weißen Imkerdress mit Gesichtsnetz angezogen, um nach den Bienen zu schauen. Majas Volk ist klein, die Königin schwach, auch dieses Volk hatte im Winter große Verluste einzubüßen. Am liebsten sind Frank die Völker, die wenig Arbeit machen und viel produzieren. Auch wenn er Honig noch nicht einmal besonders gerne mag. Aber es macht ihm Spaß, ein Lebensmittel herzustellen. Bis zu 500 Kilo Honig sind das im Jahr. Auf die Gestaltung der Gläser legt Frank großen Wert, die Etiketten sind handgedruckt. Auf einem Bienenglas prangt ein Wal. »Das ist so etwas Ähnliches wie Saufen für den Regenwald«, erklärt Frank. Mit der Aktion »Honig essen - Wale retten«, nimmt er die absurde Werbeindustrie ein wenig auf die Schippe. Drei Cent pro Glas gehen an die Buckelwaldame »Salt«, die im Golf von Maine, an der Ostküste Nordamerikas, lebt.

Mittlerweile ist es wärmer geworden in Franks Garten. Die Sonne steht im Zenit, in der Luft liegt ein flimmerndes Surren. Plötzlich durchschneidet ein spitzer, schmerzerfüllter Schrei die Frühlingsidylle. Der erste Stich des Jahres. Frank hatte den Reisverschluss des Schutzanzuges nicht richtig zugezogen, eine Biene sich verirrt, bedroht gefühlt und gestochen. Frank reibt sich die Einstichstelle am Hals, die bereits dick anschwillt. »Berufsrisiko«, sagt er achselzuckend.

Das Leben der jungen Maja endet jäh an diesem sonnigen Frühlingstag. Sie stach und starb.

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