Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Mythos des anderen Ufers

Inselspringen vor Kroatiens Adriaküste

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 7 Min.

Mate Bulić schippert seit 50 Jahren zwischen den Inseln vor der kroatischen Adriaküste herum; es ist die Gegend, die seit Urzeiten Dalmatien heißt. Einst als Fischer, längst schon mit seiner eigenen kleinen Ausflugsmotorjacht »Bijela Golubica« (Weiße Taube). Ein flinker, mittelgroßer Mann, volles grau-drahtiges Haar, energischer Blick, häufig von verschmitztem Lächeln aufgehellt. Etwa bei der immer wieder gestellten Passagierfrage, wie viele Kilometer es denn bis rüber zur Insel seien. Postwendend kommt dann seine Gegenfrage - an der Ausfahrt vom kleinen Festlandshafen Makarska mit Kurs auf den noch kleineren von Povlija auf der Insel Brač lautet sie konkret: »Was schätzt ihr, vier, sechs oder elf Kilometer?« Die Antworten sind so gut wie immer falsch, denn es handelt sich um eine Fangfrage. »Die meisten tippen auf sechs, kaum jemand sagt elf, tatsächlich sind es hier sogar 16 Kilometer«, schmunzelt er.

Seine Mitfahrer sehen sich als Landratten ertappt, aber sie scheinen geradezu froh darüber zu sein. Weckt das doch das gute Gefühl, bei einem Fahrensmann an Bord zu sein, der ein echter ist und Witz hat. So sind sie, die Dalmatiner, werden viele zu Hause erzählen und sein Foto herumzeigen. Für den fast 70-Jährigen sind das allerdings ganz ohne Hintergedanken kleine Scherze und Marotten, die einfach zu seinem persönlichen Naturell gehören; der Autor kennt ihn schon länger, und er kennt auch andere Dalmatiner.

Inseln strahlen den Mythos des anderen Ufers aus. Er zieht Menschen geradezu magisch rüber. Dort scheint eine Art Insellogik zwischen Realität und Fiktion zu walten, mit der auch die Literatur schon lange spielt - von Odysseus bis Robinson Crusoe, von Stevensons »Schatzinsel« bis zu Goldings »Herr der Fliegen«. Kroatien hat nun gleich mehr als 1000 Inseln. Ein bisschen von besagtem Mythos ist da überall zu finden. Ausnahmen wie Enttäuschungen sind nicht ausgeschlossen. Denn an jenem Ufer ist es, wenn das Prickeln nachlässt, nicht viel anders als an diesem.

Brač ist das drittgrößte Eiland der ganzen Adria, flächenmäßig ein Drittel von Rügen, aber mit nur rund 14 000 Einwohner. Nach einer Seite des Naturhafens Povlija schmiegt sich terrassenartig die alte Wohnbebauung an den Hang, nach der anderen geht es zu feinen Badebuchten und neuen schicken Behausungen. Ganz vorn, nicht aufdringlich, aber höchst gediegen, ein echtes Anwesen. Russen, Putinverwandtschaft, wird geraunt. Auch ganz ordinäre Gerüchte bereichern so den Inselmythos.

Rund um die Kaimauer blüht kleiner und größerer Handel. An einem Kiosk ist unter den Ansichtskarten auch eine, die die Botschaft von Brač als bedeutendem Marmorlieferanten in die Welt tragen will. Als, wie man heute sagt, Testimonials, sind da drei Marmorköpfe drauf: Ex-Papst Johannes Paul II., Ex-BRD-Außenminister Genscher und Jugoslawiens Ex-Präsident Tito. Nach dem Mix gefragt, zuckt Tanja Kovačević, die in den Ferien als Verkäuferin aushilft, mit den Schultern und vermutet: »Die mögen die Leute hier wohl.«

Das mag sein. Wobei Tito in Dalmatien zwar durchaus noch präsent ist, bei weitem aber nicht so wie etwa Ante Gotovina. Das ist dieser kroatische Ex-General, der 2011 in Den Haag wegen Kriegsverbrechen gegen Serben in den Jugoslawienkriegen zu 24 Jahren Haft verurteilt, dann im Berufungsverfahren schon 2012 freigesprochen wurde. Geboren ist der einstige französische Fremdenlegionär übrigens auf der Insel Pašman, die vor Split liegt, wo er, gut beschützt, seine Pensionen genießt.

Die Braćani kommen bei den Festland-Dalmatinern übrigens so weg, wie die Ostfriesen bei manchen deutschen Mitbürgern. Braćani seien keine Menschen, sondern Tintenfische (soll heißen: leicht beschränkt), behauptet ein kroatisches Wortspiel. Kapitän Bulić lächelt herablassend: »Dahinter steckt nur Neid.«

Tags darauf nimmt er mit uns Kurs auf die südlich von Brać liegende, etwa ebenso große Insel Hvar. Wir legen in Stari Grad an, der alten Inselhauptstadt. Man sagt, dass die Griechen hier einst Faros gegründet haben (219 v.u.Z), ihre erste Kolonie außerhalb der Ägäis. Sie wussten sicher warum gerade hier, denn mit Inseln kannten sie sich ja schon bestens aus. Von ihren ersten Sinneseindrücken ist nichts überliefert. Derzeit duftet jedenfalls alles nach den nicht enden wollenden sonnengetränkten lila Lavendel- und Rosmarinflors. Myriaden von Bienen und Hummeln sind unterwegs, und was sie produzieren, ist wichtigster Bestandteil des regionalen Honigkuchens. 500 Gramm pro Kilogramm Mehl. Super gut, nicht so super für die Waage.

Ein absoluter Ausgleich wäre da sicher der Faros Schwimmmarathon. Ende August findet er dieses Jahr in Stari Grad zum 41. Mal statt - 16 Kilometer, einmal die Hafenbucht rauf und runter. Bei den Frauen hat die Mainzerin Angela Maurer im vergangenen Jahr bereits zum achten Mal gewonnen. Die inzwischen 42-jährige fünffache Langstrecken-Weltcupsiegerin brauchte 3:12,48 Stunden. Die »Weiße Taube« von Mate Bulić ist gerade einmal doppelt so schnell.

Erfunden worden ist das Rennen vom inzwischen 83-jährigen Diplombetriebswirt Vicko Šoljan. Er war in den 50er Jahren Wasserpolo- und Schwimmmeister von Dalmatien, ist heute in Kroatien ebenso hoch geehrt wie früher in Jugoslawien. Laut Tageszeitung »Slobodna Dalmacija« spendete er kürzlich seiner Heimatstadt rund 300 000 Euro für die Renovierung der Stadtsporthalle. »Ihm gebührt ein Denkmal«, wird Bürgermeister Vinko Maroević zitiert. Warten wir's ab. Bei Petar Hektorović (1487-1572), bislang berühmtester Sohn der Stadt, von dem die erste Reisereportage auf Kroatisch stammt (»Fischerei und die Dialoge von Fischern«), hat sein Denkmal erst 400 Jahre nach dem Tod bekommen. Kein Inselmythos, sondern Realität.

Von Hvar, gut zwei Schiffsstunden weiter draußen in Richtung Italien, liegt die Insel Vis. Viel besucht ist dort die Tito-Höhle. Der jugoslawische Partisanenführer und spätere Präsident Josip Broz Tito hatte hier ab Spätsommer 1944 sein Hauptquartier. »Über die Sicherheit zur See wachte die erste Partisanenflottille«, berichtet Mile Dumanić, der ehrenamtliche Kustos. Sie war 1942 in Podgora an der Festlandküste aufgestellt worden. Von dort, Luftlinie rund 70 Kilometer, winkt weithin das ihr 1962 gewidmete Denkmal »Galebov Krila« (Möwenflügel) in Richtung Vis.

Wieder einen Tag später machen wir im Hafen Trpanj auf der spindelförmigen Insel Peljesac fest. Sie windet sich 60 Kilometer parallel zum Festland entlang, um am Ende beim Städtchen Ston über eine ganz schmale Landbrücke noch zu einer Halbinsel zu werden. Über die zieht sich eine gut sieben Kilometer lange Mauer mit 40 Wachtürmen. Gebaut wurde sie Ende des 15. Jahrhunderts. Sie gilt seit dem Fall der Berliner als längste Wehrmauer Europas.

Wie andere einstige und künftige derartige Bauwerke war sie zur Absperrung und Überwachung gedacht. Veljko Draženovic, der an einem Gymnasium in Dubrovnik Kroatisch und Geschichte unterrichtet, erzählt, dass sie damals von Dreien geplant, finanziert und später auch weitgehend akzeptiert worden ist: von den Republiken Ragusa (heute Dubrovnik) und Venedig sowie von der Hohen Pforte in Istanbul. Das relativ friedliche Patt an dieser strategisch so wichtigen Stelle hat immerhin vier Jahrhunderte bis zum Zerfall des Osmanischen Reiches gehalten. Verhindern konnte das die Mauer letztendlich jedoch nicht. »Mauern und Grenzen sind nie die Lösung, sondern immer Teil der Probleme, die wir haben«, meint Kapitän Mate Bulić dazu ganz trocken und sehr gescheit.

Er spricht aus Erfahrung, denn er ist ja nicht nur auf dem Meer unterwegs. In Jugoslawien reiste man einst grenzenlos. Wer heute den Weg quer durch alle Nachfolgestaaten nimmt, muss an sechs Grenzen je zwei Mal durch zähe Pass- und Zollkontrollen. Selbstauferlegte Isolation entspricht zwar durchaus der Insellogik, wenn man nämlich beispielsweise »reif für die Insel« ist. Auf dem Festland steckt dahinter kein Mythos, sondern es ist meistens einfach eine Misere.

Infos

Kroatische Tourismuszentrale: www.croatia.hr/de-DE

Tourismusverband Dalmatien: www.dalmatia.hr/de

Adria-Fähr- und Schiffsreise- verkehr »Jadrolinija«: www.jadrolinija.hr

Busverbindungen in Kroatien: www.autotrans.hr

nd-Leserreisen: Tel: (030) 2978-1620 www.nd-leserreisen.de

Literatur: »Kroatische Inseln und Küstenstädte« von Lore Marr-Bieger, Müller-Verlag, Erlangen 2015 »Inseln - Geschichten einer Faszination« von Volkmar Billing, Matthes & Seitz, Berlin 2010 »Die Insel - eine Welt für sich« von Thurston Clarke, maraverlag, Hamburg 2003

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln