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Mehr freie Zeit für alle

Die Hälfte der Deutschen wünscht sich Sabbaticals, ein Rechtsanspruch besteht jedoch nicht

Das Wort Sabbatical ist dem Deutschen offenbar so fremd, dass es von Rechtschreibprogrammen gerne mal in Sahara oder Sanskrit verbessert wird. Der Begriff beschreibt ein Arbeitszeitmodell, im Prinzip einen längeren bezahlten Sonderurlaub. Sabbaticals oder Sabbatjahre können Erwerbsbiografien zeitweise entzerren, zur beruflichen Neuorientierung dienen oder zum Wahrnehmen familiärer Pflegeaufgaben. Auch persönliche Projekte wie ein Hausbau oder eine Weltreise wären in dieser Zeit zu realisieren, ein Meisterlehrgang könnte abgeschlossen werden.

Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt, aber einen Rechtsanspruch auf eine solche schöne Auszeit gibt es in Deutschland noch nicht, auch wenn sie von rund der Hälfte der hierzulande Beschäftigten gewünscht wird. Sabbaticals könnten zudem zumindest zeitweise die Arbeitslosigkeit von dann einzustellenden Ersatzkräften beenden. Auch medizinisch haben sie einen Sinn: Sie könnten dazu beitragen, einem Burnout oder anderen psychischen Belastungen entgegenzuwirken. Das Thema passt zur Diskussion einer Arbeits- und Sozialpolitik, die sich auf den Lebensverlauf orientiert und zum Beispiel Familienzeiten, Lernen und den schrittweisen Ausstieg aus der Arbeitswelt umfasst.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hatte also einige Gründe, das Wissenschaftszentrum Berlin mit einer Studie zum Thema zu beauftragen. Zusammengetragen wurden die bisherigen Möglichkeiten für Sabbaticals und ähnliche Konstruktionen in Deutschland und außerdem Erfahrungen aus drei europäischen Ländern. Das Ergebnis wurde am Donnerstag in Berlin vorgestellt.

Genutzt werden Sabbaticals in Deutschland demnach bisher hauptsächlich von Mitarbeitern einiger großer Unternehmen, darunter in der Autoindustrie oder im Öffentlichen Dienst, vor allem von Lehrern mit Beamtenstatus. Gerade von letzteren wird die Möglichkeit einer Auszeit gern in Anspruch genommen. Abhängig von Tarifverträgen und betrieblichen Angeboten existieren in der Bundesrepublik Varianten des unbezahlten Sonderurlaubs, ein Teilzeit-Ansparmodell sowie Langzeitkonten, mit denen Arbeitszeit und Entgeltbestandteile wie Urlaubsgeld ebenfalls angespart werden können. Hierfür kommen jedoch allein die Beschäftigten auf, die Zustimmung des Arbeitgebers vorausgesetzt.

Bei der Diskussion im Wissenschaftszentrum wies der Soziologe Philip Wotschack jedoch darauf hin, dass in der bisherigen Praxis und auch in der Anlage entsprechender Modelle zum Ansparen von Arbeitszeit etliche Gruppen ausgeschlossen werden. Das betrifft etwa die vielen Mitarbeiter von kleineren Unternehmen, ebenso wie Soloselbstständige, Geringverdiener und Alleinerziehende. Für sie dürfte das verringerte oder sogar völlig ausfallende Entgelt in der arbeitsfreien Phase kaum zum Lebensunterhalt genügen, geschweige denn für zusätzliche Ausgaben reichen. Linkspartei-Politikerin Katja Kipping, die zur Diskussion der Studie angetreten war, warnte auch davor, dass - ähnlich wie beim Elterngeld - die Gefahr bestehe, dass traditionelle Geschlechtermodelle verfestigt würden.

Kipping brachte einige Ideen dazu ins Gespräch, wie mehr Souveränität über die eigene Lebenszeit errungen werden kann. Gut gelaunt plädierte sie für mehr gesetzliche Feiertage, zum Beispiel den Frauentag am 8. März oder den Tag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai. Sabbaticals sollen demnach in der Programmatik der Linken verankert werden - und zwar mit einem Rechtsanspruch auf insgesamt zwei Jahre über das gesamte Arbeitsleben.

Nach Kippings Auffassung könnte es sinnvoll sein, die Umsetzung mit der Arbeitslosenversicherung zu verknüpfen, und zwar in Verantwortung einer erweiterten »Agentur für Arbeit und Qualifizierung«. Die Linksparteivorsitzende hält Sabbaticals für eine ähnliche Aufgabe wie das Elterngeld. Auch dessen Umsetzung habe länger gedauert und viele Diskussionen erfordert. Die Lektüre der zugehörigen Studie ist mindestens dann zu empfehlen, wenn bei Arbeitgebern Konzepte für Sabbaticals zu entwickeln und durchzukämpfen sind.

Studie zum Nachlesen: https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2017/i17-501.pdf

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