Von Wolfgang Hübner

Vernehmliche Botschaft gegen den Terror aussenden

Wolfgang Hübner begrüßt es, dass sich Muslime mit Terror im Namen des Korans auseinandersetzen

Was spricht eigentlich dagegen, dass Muslime sich klar, deutlich und unmissverständlich von Terroraktionen distanzieren? Von Mordanschlägen, die im Namen ihrer Religion verübt werden? Nichts, sollte man meinen, und dennoch ist eine vehemente Diskussion über den Protestmarsch entstanden, zu dem zwei Muslime für diesen Sonnabend aufrufen. Sie reagieren damit auf die letzten Anschläge offenbar islamistischer Attentäter in Manchester und London und auf den gelegentlich geäußerten Vorwurf, Muslime würden derartige Bluttaten nicht in angemessener Schärfe verurteilen.

"Nicht mit uns"

Unter dem Motto »Nicht mit uns« soll die Kölner Demonstration laut den muslimischen Veranstaltern ein »mächtiges Zeichen gegen Gewalt und Terror« setzen. Angestoßen wurde der Protestmarsch von der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und dem muslimischen Friedensaktivisten Tarek Mohamad. Erwartet werden rund 10 000 Teilnehmer. Ausdrücklich sind Menschen aller Glaubensrichtungen eingeladen. Der türkische Islamverband Ditib hatte sich am Mittwoch von der Demonstration distanziert. Forderungen nach »muslimischen« Anti-Terror-Demos griffen zu kurz, erklärte Ditib. Dies stigmatisiere Muslime und verenge den internationalen Terrorismus auf sie. epd/nd

Dieser Vorwurf ist sicher überzogen, wenn er auf die Funktionärsebene zielt. Vertreter islamischer Verbände in Deutschland und Europa verurteilen den Terror durchaus scharf. Aber was denkt die Masse der hier lebenden Muslime? Kann es ihnen egal sein, was unter Berufung auf ihre Religion geschieht? Wohl kaum, und dieser Ansicht sind auch die Initiatoren des Kölner Protestes. Sie wollen, dass die Abscheu gegenüber Mördern massenhaft artikuliert wird.

Natürlich sind die Ursachen für Terror vielschichtig. Sie sind längst nicht allein mit religiösem Fanatismus zu erklären - aber ohne ihn eben auch nicht. Islamistischer Radikalismus ist ein Katalysator einer bestimmten Spielart des Terrors. Wer diesen bekämpfen will, muss sich auch fragen, was in Moscheen gepredigt wird, wer auf welche Weise den Koran auslegt.

Das sind Fragen, die in erster Linie die Muslime angehen. Nicht jeder einzelne Muslim muss sich - gewissermaßen stellvertretend - für islamistische Gewalt rechfertigen oder sich wöchentlich plakativ von ihr distanzieren. Schon gar nicht auf Geheiß von selbstgerechten Politikern, die einen solchen Protest als Bringeschuld der Muslime betrachten, ohne den Anteil der eigenen Politik an den brachialen, teils mörderischen Verwerfungen in der Welt zu reflektieren.

Aber die muslimische Gemeinschaft sollte in ihrem eigenen Interesse eine Meinung haben: eine vernehmliche Botschaft gegen den Terror, gerichtet an Muslime und Nichtmuslime und natürlich an die Gewalttäter und Gewaltbereiten. Diesem Gedanken folgt der Demo-Aufruf, der sich übrigens an alle Menschen wendet - egal, ob und woran sie glauben.

Ein Kontra zu dieser Position lesen sie hier.

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