Werbung

Das Abstrakte aus der Natur geboren

»Von Hopper bis Rothko«: Amerikanische Malerei im Potsdamer Museum Barberini

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Eine Frage: Sollen wir uns nun freuen, dass in einem hierzulande ungewohnten Maß private Initiative ein einzigartiges Kulturevent möglich macht? Schließlich geht es im konkreten Fall um das Anschaulichmachen der Entwicklung amerikanischer Malerei des wichtigen Zeitabschnittes von 1880 bis 1970. Bis hin zur professionellen Interpretation durch die kunsthistorische Wissenschaft entstehen in so einem Fall Kosten, die zur Zeit oft genug von staatlichen Institutionen gar nicht getragen werden können. Allein schon von einer Personalausstattung, über die das Potsdamer Museum Barberini verfügt, können diese nur träumen. Ganz zu schweigen vom Veranstalten wissenschaftlicher Konferenzen zur Klärung von Forschungsschwerpunkten.

Verabschiedet sich Vater Staat noch mehr von seinen Pflichten zur Kunstförderung, falls der Vorgang weiter Schule macht? Museale Staatsdiener liegen mit schrumpfenden Finanzmitteln abgespeist als folgsame Hunde dem Bankensektor zu Füßen und apportieren immer wieder das Marktgängige. Wie dürfen wir denn die amerikanischen Kunstleistungen der jüngsten Vergangenheit genießen? Schema F gleich finanzmarktkonform. Die hemmungslose Anbeterei des Halbgottes Andy Warhol und seiner Satrapen verhindert, dass wir uns ein umfassendes Bild machen. Selbst das, was wir vor Jahren vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) zu sehen bekamen, zeigte nur einen passgerechten Ausschnitt. Der vermeintliche Siegeszug abstrakter Tendenzen sah in allen Ansätzen realistischer Darstellung ein Sakrileg.

Und nun? Dank Hasso Plattner wurde ein historisches Gebäude neu gebaut, das in der Innengestaltung in idealer Weise auf das Zeigen von Malerei ausgelegt ist. Ach ja, diese in den hochgestylten Supermoderntempeln neben formvollendeter Grafik und Plastik bereits überflüssig gemachte Kunst. Das geradezu altmodisch anmutende Ambiente ist das eigentliche Erfolgsrezept, das jene Besuchermassen anlockt, die bereits 30 000 Jahreskarten erwarben. Die Magie einer geheimnisvollen Anziehung hat nun die »Phillips Collection Washington D.C.« bewogen, von Privatgalerie zu Privatgalerie diese Schau herzuleihen. »Von Hopper bis Rothko. Amerikas Weg in die Moderne« nennt sich diese Auswahl aus den dortigen Sammlungsbeständen. Dass wir nun charmant Nachhilfeunterricht in amerikanischer Kunstgeschichte bekommen, dafür sorgen die Kuratorinnen Susan Behrends Frank (Washington) und Ortrud Westheider (Potsdam).

Als 1921 der zu Reichtum gekommene Kunstkritiker Duncan Phillips und seine malende Gattin Marjorie beschlossen, ihren bereits erworbenen Cezannes und Renoirs die Bilder einheimischer Maler hinzuzufügen, mögen sie patriotisch gedacht haben. Im romantisierend realistischen Fundus akademisch ausgerichteter Ölbilder des »Vergoldeten Zeitalters« um 1870 entdeckten sie bereits rasant zupackende Naturdarstellungen. Folgerichtig beginnt diese Schau mit diesem Kapitel, das von »Urgewalten. Natur als Ausgangspunkt der Moderne« fortgesetzt wird und damit schon die Kernaussage formuliert. Denn aus dem Naturerlebnis geboren, entsteht »Zwischen den Kriegen« avantgardistisch Abstraktes - und bleibt jederzeit dennoch organisch damit verbunden. Kaum zu glauben, wie viele uns noch nicht geläufige Autorennamen bedeutender Bilder dann auftauchen, wo es um »Menschenbilder in der Stadt« geht oder die »Stadtlandschaft im Maschinenzeitalter« konstruktive Tendenzen bedient.

Der legendäre, immer wieder beschworene »Abstrakte Expressionismus« entpuppt sich da als vielfach aufgefächertes, multistilistisches Gebilde. Wenn in dem Riesenbild »Sehnsucht« von Augustus Vincent Tack naturhafte Formelemente bereits abstrakt wabern, sendet genauso gut der Impressionismus einen Abschiedsgruß. Marsden Hartley in »Wald« und John Marins »Die See« verinnerlichen kraftvolle Naturimpulse genauso wie die zumindest in unseren Breiten länger bekannte Georgia O’Keeffe in ihren drei wunderbar exemplarisch komponierten Sinnbildern einer magischen Ruhe. Neben ihr ist die Überraschung dieser Übersicht ein Name wie der von Arthur Dove. Glücklicherweise gleich fünfmal hier vertreten, bringt er einem Energiebündel gleich dynamisch übersteigerte Naturerlebnisse auf die Leinwand.

Wenn dann Philip Guston und Robert Motherwell das Naturvorbild im Abstrakten endgültig hinter sich lassen und Clyfford Still nur einen Lichtpunkt im Dunkel formuliert, schimmert dennoch das durch, was man als Inspiration durch Information bezeichnen könnte: Der Auslöser ist immer konkret. Richard Diebenkorns »Interieur« und Milton Averys »Black Sea« kehren in den 50er Jahren dazu zurück.

Genau dieser Aspekt wird noch deutlicher in einer Zugabe, die Hasso Plattner und andere Privatsammler im rechten Flügel des ersten Geschosses bereithalten. Wie da vom realen Naturvorbild in großartigen Bildkompositionen abstrahiert wird, ist eine wahre Lust. Zumal es den geodemografischen Aspekt vermittelt, wie stark die mexikanische Südflanke der USA vitale künstlerische Impulse aussendet. Drei Namen, drei Erlebnisse der dritten Art: Der indigene Mexikaner Rufino Tamayo fiel schon in den Monaten vorher auf, als drei seiner Bilder im Treppenhaus versteckt waren. Nun strahlt er fünfmal in dem Kopfsaal des Gebäudeflügels, während im Raum davor Harold Joe Waldrum aus New Mexico schwarz und rot Geometrie zum Tanzen bringt und der Puebloindianer Dan Namingha ornamentale Chiffren von verführerischer farbiger Präzision inszeniert.

Wer sich nun wundert, dass die für die Vorauswerbung der Ausstellung überstrapazierten Namen Edward Hopper und Mark Rothko noch nicht erwähnt wurden, muss sich darüber aufklären lassen, wie platt ein Medienecho heutzutage zustande kommt. Man nehme jeweils ein bereits bekanntes Bild der namentlich im Ausstellungstitel Genannten und reproduziere es so lange, bis alle Welt vor lauter Gähnen jede Lust verliert, dieses Event zu genießen.

Selbst zur Pressekonferenz am Donnerstag war das Kamerateam des öffentlich-rechtlichen Senders RBB vor demselben Edward-Hopper-Bild abonniert, das alle Gazetten bereits durchgehechelt hatten. Und man denke nicht, dass die zahlreich erschienene Crew der Journalisten etwa einen Blick auf irgendwelche Bilder geworfen hätte.

»Von Hopper bis Rothko. Amerikas Weg in die Moderne«, bis zum 3. Oktober im Museum Barberini, Humboldtstraße 5-6, Potsdam.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen