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Knastgeschichten vor G20: Wie frau sich in der Zelle fühlt

Wenn freche Gören auf Stock-im-Arsch-Polizisten treffen, gibt es einiges zu beachten: Tipps und Tricks für Festnahmen

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Mädels, passt ja gut auf euch auf, wenn ihr bei den G20-Protesten unterwegs seid. Denn aus eigener Erfahrung – ja, als gute Bewegungsjournalistin habe ich eine Vergangenheit, man kann natürlich auch Publizistik-Journalistenschule-FAZ hinlegen, aber über was schreibt man denn dann – also, aus eigener Erfahrung kann ich euch sagen: Mit Aktivistinnen und Polizisten ist das so ne Sache, freche Gören passen nicht so in deren sicherheitspolitisch-radikalbürokratistisches Weltbild. Anders als andere Männer rollen die dann nicht mit den Augen, sondern sperren uns weg. Aber es gibt da ein paar Tipps und Tricks: Lustige Ach- und Knastgeschichten für die G20-Lagerfeuerromantik.

Keine Festnahme ist auch keine Lösung

Die sicherste Variante scheint ja erstmal, sich nicht festnehmen zu lassen. Ein weit verbreiteter Trugschluss. Denn mit dem Knast ist es wie mit Alkohol: Alles in Maßen. Ach nein, ich meinte: Keine Festnahme ist auch keine Lösung!

Nehmen wir Blockupy 2012. Ähnlich wie die blaue Zone in Hamburg sind Kundgebungen und Demos einfach überall in der Innenstadt verboten. Die Busse voller Aktivist*innen werden noch vor der Stadt festgehalten. Wir stehen also dumm da auf dem Uni-Gelände, nur 200 Leute, aber egal, wir laufen los – wer, wenn nicht wir? Denkste, nach 50 Metern also im Kessel, in der prallen Sonne (ach ja, immer schön Hut und Sonnencreme einpacken!). Nach und nach werden wir rausgeführt, von oben bis unten abgetastet: es dauert. Und als ich dran komme, frage ich, ob wir nicht nach drüben in den Schatten können, mir ist schon ganz schwummerig. Die meisten Polizisten würden wohl lachen, aber meiner ist nett, so ein älterer mit gemütlichem Bauch und weißem Flauschebart. Also ab in den Schatten, Rucksack ausgepackt, und beim Einpacken sagt mir der Weihnachtsmann, los Kleine, nimm deine Sachen und hau ab hier.

Zwei Möglichkeiten. Feministischer Aufstand gegen Bezeichnung als »Kleine«, Verteidigung der weiblichen Souveränität, Aufruhr, Widerstand, ab in die Gefangenensammelstelle mit den Anderen. Sicher die klügste Variante. Ich sehe also zu, dass ich wegkomme. Kaum bin ich draußen, drehe ich mich um, weit und breit niemand, einfach alle Genoss*innen und was man so Bezugsgruppe nennt im Knast, und ich also draußen mit lauter Leuten, die inzwischen aus den vielen Bussen ankommen, und wissen wollen, was jetzt Sache ist, wo sie denn jetzt schlafen. (Schneller Flashback, Bündnistreffen, sechs Wochen zuvor: »Egal, wir besetzen einfach die Wiesen im Bankenviertel, wir melden kein Camp an, wir sind die Ungehorsamen!« Haha, grandiose Idee). Und weil einige mich kennen und wissen, ich bin organisiert, fragen sie mich, wo schlafen wir denn jetzt, und ich frage mich auch, ja wo schlafen wir denn jetzt? Aber außer mir ist keiner da für eine Antwort, da sind also 1000 müde und wütende Aktivist*innen und ich, denn die anderen, die ruhen sich im Käfig aus, in der GeSa, wahrscheinlich tanzen und singen sie, und ich werde hier gleich an den Pranger gestellt. Es wird Abend, dunkel, kalt, ich schnappe mir ein Megafon, wir schlafen hier draußen auf dem Unigelände, es gibt kein Camp, piepse ich, mich funkeln 1000 müde und hungrige Aktivist*innenaugen an, und ich schwöre mir: Bei der nächsten Gelegenheit ab in die GeSa.

Verscherzt es euch nie mit den Italienerinnen!

Mein zweiter Tipp: Verscherzt es euch nicht mit Genossinnen, wenn die Möglichkeit besteht, in absehbarer Zeit zusammen in einen Käfig gesperrt zu werden. Denn bei der Gefangenenverwahrung ist es wie bei den Toiletten. Nie genug Platz für uns und statt zu den Jungens zu gehen, springen wir lieber auf einem Bein in der Schlange.

Noch einmal das Beispiel Blockupy: Zwei Männerkäfige und ein Frauenkäfig, natürlich für fast so viele Frauen wie Männer. Wer hätte denn ahnen können, dass auch Frauen auf die Straße gehen? Die Aktivisten manspreaden im Nachbarkäfig also vor sich hin, wir ziehen die Beine an, mehr Platz ist nicht zum Sitzen, gut, kennen wir ja aus der U-Bahn. Und dann kommt die Demo-Clownin. Sie klettert den Zaun hoch und schreit herum und singt schrecklich schief und erzählt uns, dass es gar nicht traurig ist im Käfig, wenn man nur lacht, und bei uns wäre es wohl zum Lynchmord gekommen, hätte uns nicht eine Polizistin mit einem Sack Äpfel und einem Karton Knäckebrot mit haltbarem Frischkäse abgelenkt (nehmt nicht das Knäckebrot!). Dann macht auch noch der GeSa-Busfahrer ein Foto und brüllt: »Wie die Hühner im Käfig!«, und es gibt einen Käfigaufstand, einen Riesenkrach, und weil wir Verbündete draußen haben, Polizistinnen finden Hühnerkäfigfotos auch nicht lustig, muss der Typ das Foto löschen.

Erst als Ruhe einkehrt, merke ich: Ich bin allein mit 50 wütenden Italienerinnen. Und die sind ganz schön sauer auf die deutschen Genossinnen, also: mich, weil wir die Blockaden der EZB verkackt haben und sie nicht mit in die Planungen einbezogen wurden. Stimmt auch. Wir haben sie aus allem rausgehalten, um dann zwei Tage lang nur falsche Entscheidungen zu treffen, wegen derer sie jetzt hier im Käfig hocken. Mit mir. Es gibt kein Entrinnen, und eins sag ich euch, in Sachen Auswertung kennen die italienischen Genossinnen keinen Spaß. Aber danach vertragen wir uns, und dann gründen wir den Käfig-Chor und singen Arbeiterinnenlieder und lernen deutsch und italienisch. 2013 treffen wir uns wieder im Kessel bei Blockupy, eine Mordsparty, und jetzt kommen unsere Freundinnen auch nach Hamburg.

Brust raus!

Hat ein Polizist euch schon fest im Griff, macht es allermeistens wenig Sinn, weiter zu provozieren. Aber kleinlaut beigeben, das geht natürlich auch nicht. Und eine gestandene Aktivistin, die ihr Selbstbewusstsein vor sich her trägt, das können gerade die männlichen Polizisten gar nicht gut ab. Erinnert ihr euch an den Nazi-Aufmarsch 2014 in Kreuzberg? Auf der Rückfahrt machen die Nazis nochmal halt in Adlershof. Ich stehe zusammen mit rund 20 Antifas auf einer Kreuzung, vor uns gute 50 merkelhassende neurechte Nasen und, sagen wir, 200 Polizisten. Festgenommen wird nur eine. Ratet mal.

Aber es war nicht meine Schuld! Ich bekomme so einen Mackerbu… eventorientierten Sicherheitsbeamten ab. Einen, der Wert legt auf weibliche Unterwürfigkeit, äh Respekt. Ich merke schon gleich, wir verstehen uns nicht, das geht nicht gut aus, und suche den Augenkontakt zu meiner Freundin, aber sie immer nur: »Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda«. Also ich auch: »Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda!«, und er immer so: »Sie verlassen jetzt sofort die Kreuzung«, und ich: »Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda«, ich gebe zu, ich bin nicht die eloquenteste Gesprächspartnerin vielleicht, er also: »Schauen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen rede!«, und ich: »Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!«, und er: »Ich zähle jetzt bis drei!«, und ich, na ihr wisst schon. Da nimmt er mein Kinn und zieht es zu sich. Merkt euch: Kinn wegziehen heißt auf polizei-protokollarisch »sich gegen die Laufrichtung stellen«, heißt »Widerstand gegen einen Vollstreckungsbeamten«. Er packt mich also an den Armen, zieht sie hinten hoch, mein Oberkörper wird runtergedrückt, sodass ich beim Gehen meine Brüste vor mir habe. Schade, früher hüpften die so schön auf und ab, jetzt nur noch orientierungslos in alle Richtungen, naja, wurde aber eingestellt.

12.000 Quadratmeter mit Continental Breakfast

Nun liest man ja, dass der Hamburger Innensenator vorgesorgt hat und es gibt diesmal keine Käfige, sondern einen luxuriösen Ex-Lebensmittelgroßmarkt, vier Millionen Euro, neun Meter hoch, 12.000 Quadratmeter groß, 150 Einzelzellen und 250 Sammelzellen, Platz für 400 Aktivist*innen. Hier kommt mein Rat, Mädels: Schnappt euch die Sammelzellen, packt Sonnencreme ein, Finger weg von den Frischkäse-Knäckebroten, Kinn in die Höhe, Brust raus – und verscherzt es euch nicht mit den Italienerinnen!

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