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JCDecaux muss den Lenker übergeben

In Paris wird überraschend der Markt für Leihfahrräder durcheinander gewirbelt

  • Von Andrea Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Stadt Lyon hat den Vertrag für ihr Fahrradverleihsystem neu ausgeschrieben. De facto ist nur noch JCDecaux (3,4 Milliarden Euro Jahresumsatz), der weltweit führende Konzern für Außenwerbung, im Rennen - alle kleineren Konkurrenten mussten aufgeben. Doch manchmal gelingt David der Sieg gegen Goliath, und genau das ist gerade in Paris geschehen.

Dort hat JCDecaux, der das Pariser Fahrradverleihsystem Vélib’ seit seiner Gründung vor zehn Jahren betrieb, seinen Vertrag verloren. Der Konzern bot bisher in Paris und der näheren Umgebung 1700 Stationen mit insgesamt 44 000 »Poller« genannten Stellplätzen für 20 000 Fahrräder an und zählte 300 000 Abonnenten. Paris war damit einer der größten Leihfahrradmärkte weltweit. Doch nun hat die Stadt dem mit 9 Millionen Euro Jahresumsatz viel kleineren Familienunternehmen Smoove den Vorzug gegeben. Der Vertrag in Höhe von 600 bis 700 Millionen Euro - je nachdem wie viele Vorstädte sich dem Programm anschließen wollen - wurde kürzlich unterzeichnet.

Smoove ist mit seinem Fahrradverleihsystem bereits in 26 Städten in Frankreich, aber auch im Ausland präsent, etwa in Vancouver, Marrakesch und Moskau. Zusammen mit dem Parkraumbetreiber Indigo und der Werkstattkette Mobivia hat das Unternehmen aus Montpellier das Konsortium Smoovengo gegründet, das ab Januar 2018 und für die nächsten 15 Jahre den Pariser Fahrradverleihmarkt übernimmt.

Während die Entscheidung JCDecaux überrascht zu haben scheint, hatte die Stadt alle Gründe, den Anbieter zu wechseln. Zum einen ist das Angebot von Smoove sehr viel günstiger. Und auch auf längere Sicht dürfte sich der neue Vertrag als rentabler erweisen. Das von Smoove entwickelte Anschließsystem macht seine Fahrräder »quasi unstehlbar« - ein entscheidendes Argument, denn die bisher 19 000 jährlich gestohlenen Räder bedeuteten eine hohe finanzielle Belastung für die Stadt, die einen Teil der Kosten für Ersatzteile und Reparaturen übernehmen musste.

Darüber hinaus ist das System von Smoove technisch weiter entwickelt: Eine Elektronikbox direkt am Fahrrad ermöglicht einen schnelleren und unkomplizierten Zugriff; zudem kann ein Fahrrad selbst an einer bereits vollen Station abgegeben werden, indem man es direkt an ein bereits geparktes Rad anschließt. Dank der Elektronikbox ist es außerdem nicht mehr nötig, alle Poller miteinander zu verkabeln, was eine schnelle, weniger kostenaufwendige und flexiblere Einrichtung neuer Fahrradleihstationen ermöglicht. So könnten mobile Stationen zeitlich begrenzt etwa bei größeren Veranstaltungen eingerichtet werden. Bei Smoove sollen zudem 30 Prozent der Fahrräder über einen Elektrohilfsantrieb verfügen - ein Wunsch der Stadt, den JCDecaux bisher nicht erfüllt hatte.

JCDecaux muss nun auf eigene Kosten seine Stationen abbauen und recyceln, ebenso wie die 20 000 gebrauchten Fahrräder. Zumindest ein Teil davon könnte in jenen Städten wieder auftauchen, in denen der Werberiese den Markt noch hält. Ungewissheit herrscht derzeit noch über die Frage einer eventuellen Übernahme der 315 Mitarbeiter der Pariser JCDecaux-Filiale Vélib’.

Doch auch das Geschäftsmodell von Smoove und seine Finanzierung sind umstritten. JCDecaux betrieb den Fahrradverleih als Gegenleistung für den Pariser Werbemarkt (650 Werbeflächen und mehr als 2500 Bushaltestellen). Die Einnahmen aus der Werbung konnten die mangelnde Rentabilität des Fahrradverleihs zumindest teilweise ausgleichen. Smoove verfügt über keine Werbeverträge und finanziert sich als Teil des öffentlichen Verkehrsangebots dank staatlicher Zuschüsse. Ein Drittel der Finanzierung wird sich jedoch direkt auf die Abonnenten stützen. Über die genauen Tarife wird erst im Herbst entschieden, doch müssen die Nutzer mit einem Preisanstieg um mindestens 30 Prozent rechnen.

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