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Kolumbien: Waffenabgabe steht vor Abschluss

FARC-Guerilleros ziehen erhobenen Hauptes in das zivile Leben

  • Von David Graaff, Medellín
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war im März 1990, als Carlos Pizarro seine Pistole in die kolumbianische Flagge einwickelte und sie begleitet von Schnappschüssen aus Hunderten Kameras auf einen Haufen bereits übergebener Waffen legte. Es war das Ende der M19-Guerilla, die ihren bewaffneten Kampf aufgab und zugleich ein Bild mit großer Symbolkraft. Wenn die FARC-Rebellen in dieser Woche damit beginnen, ihre letzten Waffen an die UN-Sondermission zu übergeben, soll es solche Bilder nach Willen der ältesten bislang noch existierenden Guerilla Lateinamerikas nicht geben. Das würde aussehen, heißt es bei der FARC-Guerilla, als ob man sich ergeben würde. Dabei sei der Friedensprozess ein politischer Erfolg. Sie gehen in ihrer eigenen Wahrnehmung erhobenen Hauptes aus ihrem mehr als fünf Jahrzehnte dauernden Kampf. Reporter ohne Grenzen berichtete, um entsprechende Fotos zu verhindern, würden Journalisten von Militär, FARC und UN-Mitarbeitern an ihrer Arbeit gehindert.

Am Dienstag, wenn die Übergabe vollendet sein soll, kommt es zu einem offiziellen Akt, bei dem sich Friedensnobelpreisträger und Präsident Juan Manuel Santos und FARC-Chef Rodrigo Londoño anlässlich des entscheidenden Schritts zur Beendigung des Konfliktes die Hände schütteln sollen. Wie viele Pistolen, Maschinengewehre und Granatwerfer einschließlich Munition es letztlich sein werden, die zusammengeschmolzen und für drei Denkmäler am UNO-Sitz in New York, der kubanischen Hauptstadt Havanna und in Kolumbien verwendet werden sollen, darüber hüllt sich die UNO noch in Schweigen. Bislang habe man 60 Prozent der erfassten Waffen angenommen, hieß es in einer Stellungnahme. Das entspräche »ungefähr 7000«. Schwere Waffen liegen noch in über 900 teils mit Minen gesicherten Verstecken im Dschungel, zu denen die UN in den kommenden Wochen geführt werden sollen. Beobachter halten es allerdings nicht für ausgeschlossen, dass insbesondere die bislang unbekannte Zahl an Milizionären in Besitz von Waffen ist, die nicht im offiziellen Register auftauchen.

Eigentlich hätte die sechsmonatige Demobilisierungs-, Entwaffnungs- und Reintegrationsphase bereits Ende Mai beendet sein sollen, doch hatte sich die entsprechende Gesetzgebung ebenso verzögert wie die Fertigstellung der abgelegenen Übergangszonen. Traurig sei er nicht, dass er sich von seinem M&P 15 Sturmgewehr jetzt trenne müsse, sagt Dadilson Fonseca, ein junger Guerillero im Gespräch mit dem »nd«, allerdings schon etwas wehmütig. »Dieses Ding hat mich viele Jahre beschützt«, sagt er.

Ihre Sicherheit bereitet den FARC-Guerilleros große Sorgen, auch weil sie wissen, was Carlos Pizarro, dem M19- Kommandanten zustieß. Er wurde wenige Wochen nach der Übergabe seiner Waffe im Auftrag von Paramilitärs ermordet. Aber nicht nur die Guerilleros, die gesamte Bewegungslinke ist Zielscheibe von Mord und Bedrohungen. Paramilitärische Gruppen sind in einem Drittel des Landes präsent, 500 »soziale Anführer« sind laut Einschätzungen der Ombudsstelle für Menschenrechte gefährdet. Die Zahl der seit Jahresbeginn Ermordeten liegt mittlerweile bei 41, berichtete das Nachrichtenportal »Pacifista!«.

Landesweit machen Vertreter sozialer Bewegungen derzeit unter dem Motto »Möge uns der Frieden nicht das Leben kosten«, auf ihre Situation aufmerksam. Vergangene Woche rief die Regierung wie in den Friedensvereinbarungen vorgesehen eine mehr als 1000 Mann umfassende Eliteeinheit der Polizei ins Leben, die, so Vizepräsident Oscar Naranjo, gegen Organisationen vorgehen sollen, die »jene attackieren, die am Aufbau des Friedens teilnehmen.« Paramilitärische Gruppen, die landesweit organisiert sind und systematisch im Auftrag von lokalen Eliten oder Unternehmen oder unter Mitwissen der Behörden handeln, gibt es trotz zahlreicher Hinweise und Indizien offiziell nicht.

Für Diskussionen, ob man in Kolumbien trotz des Endes des Konfliktes mit der FARC überhaupt schon von Frieden sprechen kann, sorgt zudem ein Bombenattentat in einem Einkaufszentrum im Herzen der Hauptstadt Bogotá. Dabei kamen am Wochenende drei Menschen ums Leben. Neben der ELN-Guerilla wies auch die linke Splittergruppe »Movimiento Revolucionario del Pueblo« jede Verantwortung von sich. Das MRP hatte in den vergangenen Jahren kleinere Anschläge unter anderem auf Behördengebäude verübt. Präsident Santos sagte, die Ermittlungsbehörden verfolgten drei verschieden Hypothesen über mögliche Tätergruppen, ohne diese genauer zu benennen. Beobachter schließen neben linken Organisationen auch den paramilitärischen Verband AGC oder gar friedenskritische Gruppen innerhalb des Militärs als mögliche Autoren nicht aus.

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