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Ist Scheitern Kopfsache?

Uwe Kopf hat mit seinem einzigen Roman ein Meisterwerk hinterlassen

Shakespeare ist an allem schuld, jener Stückeschreiber, der von seinen Zeitgenossen sicher nicht als angestaubter Klassiker wahrgenommen wurde, sondern als ein Steven Spielberg der Renaissance. Also als unterhaltsamer Geschichtenerzähler, der die Grundregel des Entertainments beherrschte: »Drama, Baby, Drama!«

Diesen Appell haben nicht nur die Theatermacher, die ihm folgten, beherzigt, sondern auch Hollywood. Ja, selbst die Zeilenschinder der Vorabendserien haben ihren Shakespeare verinnerlicht. »Verbotene Liebe« mag sich zu »Romeo und Julia« verhalten wie Schaumwein zu Champagner, doch das Prinzip ist das gleiche: Immer wieder stellen dramatische Geschehnisse das Leben der Akteure auf den Kopf. Dass es anders sein könnte, gradliniger und weniger wechselvoll, dieser Gedanke kommt uns, die wir mit Filmen und Serien gemästet werden, nicht. Längst wimmelt es auch im realen Leben von »Drama-Queens«, von Menschen, die jedes Lebensereignis als Grand-Canyon-tiefen Einschnitt zelebrieren - selbst wenn es nur ein abgebrochener Fingernagel ist.

Allein schon deshalb ist Uwe Kopfs Roman »Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe« eine Wohltat. Sogar dann, wenn himmelschreiende Dinge passieren, lässt er die Engelsposaunen schweigen. Ihm genügt es, die kleinen und großen Wendungen des Lebens nüchtern zu beschreiben; man muss sie nicht auch noch dramatisieren. Kopfs Sprache kommt praktisch ohne emotionsgeladene Adjektive aus. Er kann sich dies erlauben, weil sein Roman mit einem Paukenschlag beginnt: »Bevor sich dieser 40-jährige Junge nach Art der Greise erhängen wird...« Eine Seite später ist von einem »Bilanzselbstmord« die Rede. Damit ist die Richtung vorgegeben: Hier wird der Saldo eines Lebens ermittelt, werden Siege und Glücksmomente mit Niederlagen und Demütigungen verrechnet - und unterm Strich ist der Hauptakteur so tief in den Miesen, dass er den Freitod wählt.

Der Hauptakteur, das ist Uwe Kopfs Bruder. 17 Jahre hat der Autor gebraucht, um das Unfassbare in Worte zu fassen. Er tat dies in Form von zahlreichen Mails an seinen Lektor Stephan Timm, in denen er Geschichten aus dem Leben seines Bruders niederschrieb, von der nicht ganz so behüteten Kindheit in den 60ern bis zum Suizid in den späten 90ern. Es sind Episoden, die für sich genommen nicht viel bedeuten mögen. Scheinbar willkürlich geschieht Schönes und Schreckliches, wechseln Hoffnung und Verzweiflung einander ab. Immer wieder gibt es Situationen und Stationen, an denen der Leser - wüsste er’s nicht besser - hollywoodmäßig denkt: »Jetzt wird doch noch alles gut!«

Doch am Ende fügen sich all diese unterschiedlichen Momentaufnahmen zu einem Bild, das in sich stimmig ist. Grausam stimmig. Als wäre alles absehbar gewesen. Unausweichlich. Und das ist dann der Punkt, an dem man erschreckt innehält. Wie damals beim 20-jährigen Abitreffen, als man feststellte, dass die Altersgenossen nur älter geworden waren, nicht aber anders. Große Kinder mit Falten. Und vielleicht liegt genau darin das eigentliche Drama: dass jeder in dem Drama seines Kopfes gefangen ist. Man müsste, würde, sollte so viel ändern - und ist mental blockiert. Und deshalb bleibt alles beim Alten. Die Dinge nehmen unaufhaltsam ihren Lauf; es gibt kein Entrinnen.

So wie in Uwe Kopfs Leben auch. Der Mann, der in den 90ern als Textchef der Zeitschrift »Tempo« die Sprache einer ganzen Schreibergeneration prägte, starb drei Monate vor der Veröffentlichung seines ersten und damit auch letzten Romans. Wenn das keine Tragödie ist!

Uwe Kopf: Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe. Roman. Hoffmann und Campe, 320 S., geb., 22 €.

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