Gescheitert am Irrsinn der Welt

»Die lächerliche Finsternis« der Theatergruppe »aufBruch« in der JVA Heidering

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Spielort scheint wie geschaffen für das Stück: ein nach vorn offener Freiplatz zwischen Flachbauten auf drei Seiten. Vergilbt niedergetretenes Gras bietet den Eindruck einer Arena der verbrannten Erde, aus der zufällig zwei junge Echteichen Leben sprießen lassen. Khakifarbene Militärzelte, Sitzbänke, Munitionskisten schaffen Armeeatmosphäre. Darin, freilich in gekürzter Version, Gegenwartsdramatik der verstörenden Art: »Die lächerliche Finsternis« von Wolfram Lotz, Hamburger des Jahrgangs 1981, als Hörspiel konzipiert, 2014 dann zu Wien als Theaterstück uraufgeführt und seither mit zahlreichen Preisen bedacht.

Eine Lektion in Zeitgeschichte, die Joseph Conrads Roman »Herz der Finsternis« fortführt, Motive aus Francis Ford Coppolas Film »Apocalypse Now« aufgreift - und dennoch jene Finsternis, Ängste und Schrecken meint, die sich aus den vermeintlichen, in Wahrheit grauenvollen »Lächerlichkeiten« unserer Tage speisen.

Dass die Aufführung in einer Haftanstalt mit 13 ihrer Insassen stattfindet, verstärkt den Eindruck, macht ihn authentischer als jede »normale« Theatervorstellung. »aufBruch«, seit Jahren auf Gefangenentheater spezialisiert, hat zum dritten Mal die JVA Heidering in Großbeeren für ein solches Projekt gewinnen können. Kurz- bis Mittelstrafenempfänger, so erfährt man, sitzen in dieser 2013 in Betrieb genommenen Vollzugsanstalt ein. Regisseur Peter Atanassow und Dramaturg Hans-Dieter Schütt haben denen, die sich zum Spielen bereit erklärten und jenen menschlichen »Zerreißpunkt« hinter sich wissen, von dem Joseph Conrad schreibt, in siebenwöchiger Probenarbeit nicht nur die Stückvorlage anverwandelt, sondern sie auch Eigenes einbringen lassen. Das macht zu einem Gutteil die packende Wirkung aus.

Mit einem skandierten Chorus beginnt die Aufführung. Ein Pirat aus Somalia bittet seinen Hamburger Richter um Verständnis. Fischer habe er werden wollen, Netze geknüpft und das Boot »Hoffnung« gekauft. Doch die großen Flotten haben das Meer bis auf den Grund »Wut« leergefischt. Da studierte er mit einem islamischen Stipendium in Mogadischu Piraterie, schloss mit dem Diplom ab, ging auf See: Entern als Ausweg. Ein Schiff ließ sein Boot kentern und Freund Tofdau ertrinken. Niemand hörte dessen Schreie. Erst auf einem holländischen Frachter kam der diplomierte Pirat als Gefangener zu Bewusstsein. Jetzt zeigt er dem Richter Dokumente als Beweis seines Werdegangs.

An diese machtvolle Anklage in Gruppenstärke schließt sich ein krudes Kommando an. Hauptfeldwebel Fellner und der gedoppelte Soldat Dorsch, einst arbeitsloser Sozialarbeiter aus Bernburg, rudern mit ihrem Patrouillenboot auf dem Fluss Hindukusch - ein Fluss, kein Gebirge wie in Wirklichkeit! -, hinein in den unwegsamen afghanischen Regenwald. An Oberst Klein erinnern sie sich, der auf Erfolgsdruck von Politikern den Befehl zum Bombardement gab und rund 100 Menschenleben beendete. Dorsch möchte sich unterhalten, Fellner nur seinen Auftrag ausführen. Und der lautet: Deutinger liquidieren, der, durchgedreht, zwei seiner Kameraden mild im Schlaf erschoss, um jene zu schützen, die sie zu dritt getötet hätten. Eine absurde Rechnung aus militärisch überdrilltem Hirn - und mit einem Aufwallen an doppelbödiger Menschlichkeit?

Mehrfach treffen die Ruderer an Land auf afghanische Händler, von italienischen Blauhelmen bewacht und geschurigelt, von Fellner mit Misstrauen beäugt. Coltan als Rohstoff etwa für Handys wird dort abgebaut und gegen den Zugriff der Taliban geschützt. Ein Händler erzählt sein Schicksal. Auf Wunsch seiner Frau erwarb er eine Markise, die durch NATO-Bomben Feuer fing: Haus und Familie verbrannten als Einzige im Ort. Nun fühle er sich schuldig. Fellner kauft ihm nichts ab; in Dorsch steigt die Angst, umzukommen. Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, macht die Gruppe mit UFA-Schmiss Mut. Fellner aber sinniert, was wäre, würde er Dorsch einfach erschießen? Auf einen Glaubensbringer stoßen sie, der in einem perfiden Gleichnis ein Mädchen verurteilt, das aus Hunger einem »Liebhaber« folgen will, ihn aber nicht lieben kann und deshalb von ihm verstoßen wird. Man soll alles nur aus Liebe tun, faselt der Missionar da Worte des Paulus. Lord, kauf mir einen Mercedes Benz, singt süffisant der Chor.

Je fremdartiger, lauter, bedrohlicher, finsterer die Wälder, desto verbissener sucht Fellner weiter, bis sie Deutinger aufspüren. In einem Traum, sagt er, fuhr er in seinen Körper, ins Gedärm, sah brennende Hütten, schwimmende Affen und hörte in den Brusthöhlen ein Geräusch: sein klingelndes Handy, das draußen war, er aber in seiner inneren Finsternis. Irrsinnig sei er nicht, wohl aber, möchte man ergänzen, die Situation, in die er gebracht wurde. Auch Tofdau taucht auf, lässt sich aus dem Militärboot nicht verjagen: Ich liebe Deutschland! Ungemein berührend schließt die einstündige, an Monologen reiche Szenenfolge. So war mein Leben, singen alle in der deutschen Übersetzung des Welthits »My Way«.

Um Hochs und Tiefs geht es da, um Fehler und auf Sand gebaute Hoffnungen. Aus der Kehle von Menschen, für die all dies bittere Realität ist, sind solch bekenntnishafte Worte von anderer Tiefe als aus dem Mund sich selbst bespiegelnder Satter. Die Krisen dieser Welt umreißt das Stück, ohne zu moralisieren oder zu werten. Atanassows Inszenierung und das intensive Spiel der Gefangenen gehen unter die Haut.

Nächste Vorstellungen: 23., 28. und 30. Juni in der JVA Heidering, Ernst-Stargardt-Allee 1, Großbeeren

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