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Poesie unter Sternenstille

Arthur Silbergleit

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Ironie ist inzwischen eine Spezialform der Mitläuferschaft: Sie ist die Rückseite des Missionseifers. Denn der süffisante oder polternde Ton der Ironie will den Eindruck eines kritischen Geistes erwecken, befördert aber genau jene Unempfindlichkeit, die man den wahren Betonguss der Verhältnisse nennen könnte. Über die Ironie schrieb Stefan Zweig: »Sie ist eine Botschaft der Nichtswürdigkeit, ich bevorzuge andere Geisteshaltungen.« Zweig war ein Freund des Dichters Arthur Silbergleit, eines wahrlich ironiefreien Poeten auf gottbekennenden Wegen durch seelische Finsternisse: »Ich bin so tief geheimnisschwer/ Gleich einem tausendjährigen Schacht,/ So schwermutdunkel wie das Meer,/ Noch rätseltiefer als die Nacht.«

Dem jüdischen Lyriker, 1881 in Gleiwitz geboren und 1943 in Auschwitz ermordet, ist nun - verdienstvoll! - ein »Poesiealbum« gewidmet. Ausgesetztsein: rupfender Wind, »Sternenstille«, Zuflucht in der »Bucht der Träume«, schon die Jugend ein Requiem. Und die Wälder sind kein stummes Stehen der Bäume, sondern »ein Näherkommen«: Denn was schaurig ist, das bildet überall und alle Zeit eine vorrückende Front gegen den überheblichen Menschen. Silbergleit dichtet einen vielfarbigen Abschied von jener verhängnisvollen Wissbegierde, die das Ausrufezeichen der Aufklärung wie ein Messer schwingt. Und es dann zerstörend in den Schleier der Fragezeichen stößt.

In diesen Gedichten ist Existenz eine beseelende Feier unbekannter Verbindungen: Gott ist kein Gesprächspartner, sondern eine freiwillige Zumutung - an der wir nur scheitern können. Das macht nicht klein, sondern groß. Und unterscheidet den solcherart Gläubigen von den Predigern und Jüngern aller anderen Ideen. Die nur immer, und das in zähem Eifer, mit dem Garantieversprechen der Erfüllung verkündet werden. Das Ideologie-Syndrom. Gegen solche Großformate der zweifelsfreien Weltregulierung setzt dieser Dichter das, was jede bittere Erfahrung adelt: losgelöst zu bleiben von denen, die mit Rezepten der Erlösung locken. Wenn schon Rezept, dann die schmerzende Lehre des Hiob: »Nun liebt mich Himmel, weil ich Höllen litt.«

Silbergleit, der 1914 kriegszugewandte assimilierte Jude, den Jahre später eine Lungentuberkulose an einer Ausreise in die USA hindert - er bedichtet Odysseus und Orpheus, er besingt Freudengötter und Frauenblicke. In der Natur sucht er das Zwielicht der Dämmerungen, und im Naiven, Romantischen, Urreligiösen dieser Gedichte erscheint es plötzlich so lächerlich: unser Repertoire des Debattierens, unsere Virtuosität im Kommentieren, die uns zu Klonen der Meinungsindustrie herabschrauben. Da ist es ein Labsal, diese Verse zu lesen und für schöne Momente ins Wesentliche zu finden: »zu weltentrückter Friedensweise.«

Poesiealbum 327: Arthur Silbergleit. Auswahl: Martin A. Völker, Grafik von Franz Peters. Märkischer Verlag Wilhelmshorst, 32 S., br., 5 €.

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